Werders Pokal-Aus in der Analyse

Flügel-Fokus und Standard-Schwäche

Werder und Osnabrück lieferten sich ein enges Spiel – im wahrsten Sinne des Wortes: Durch enge Formationen gab es Räume auf den Flügeln. Warum Werder diese gut nutzte und dennoch verlor, zeigt die Analyse.
08.08.2021, 12:24
Lesedauer: 3 Min
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Von Tobias Escher

Werder Bremen und der DFB-Pokal: Das war in den vergangenen Jahren eigentlich eine gute Kombination. Egal, wie schlecht es in der Liga lief, im Pokal verzauberten die Bremer ihre Fans mit magischen Abenden. Auf zwei Halb- und zwei Viertelfinal-Teilnahmen folgt in diesem Jahr die Ernüchterung. Werder scheitert bereits in der ersten Runde – an einem wehrhaften Gegner, aber auch an den eigenen Mängeln in beiden Strafräumen.

Anfangs Idee immer deutlicher zu erkennen

Markus Anfang hat erst drei Pflichtspiele als Cheftrainer von Werder Bremen bestritten. Dennoch lässt sich seine Handschrift immer deutlicher erkennen. Gegen den VfL Osnabrück startete Werder erneut in einem 4-3-3-System. Defensiv agierte das Mittelfeld äußerst mannorientiert, sodass Romano Schmid häufig auf die Zehner-Position vorrückte. Er deckte VfL-Sechser Ulrich Taffertshofer. Aus dem offensiven 4-3-3 wurde ein defensives 4-2-3-1.

Besonders im Spielaufbau setzt Anfang auf feste Abläufe. So rücken die Außenverteidiger diagonal ins zentrale Mittelfeld. Sie sollen hier helfen, eine Überzahl herzustellen. Gegen Osnabrück übernahm diese Aufgabe vor allem Rechtsverteidiger Manuel Mbom. Er positionierte sich häufig neben Sechser Maximilian Eggestein. Die drei übrigen Verteidiger bauten das Spiel aus der Abwehr auf.

Obwohl die Außenverteidiger meist nach innen rücken, legt Anfang einen hohen Wert auf die Besetzung der Breite. Dies übernehmen die Außenstürmer: Eren Dinkci und Felix Agu hielten an der Bremer Brücke die Position an der Auslinie. Werder gelang es so, eine Überzahl im Zentrum herzustellen und dennoch die Breite zu besetzen.

Osnabrück mutig wie ein Zweitligist

Gegen den VfL Osnabrück war speziell die Besetzung der Breite wichtig. Die Osnabrücker agierten keineswegs abwartend: Aus ihrem nominellen 4-3-3-System rückten sie immer wieder nach vorne. Sie störten Bremens Spielaufbau früh. So rückten die Außenstürmer in die vorderste Linie, um gegen Werders drei Verteidiger ein Drei-gegen-Drei herzustellen.

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Die Flügel dahinter ließen die Osnabrücker manches Mal offen. Die Außenverteidiger mussten weite Wege auf sich nehmen, um die Lücken hinter den Außenstürmern zu schließen. Das wiederum machte die Osnabrücker in der letzten Linie verwundbar: Die drei übrig gebliebenen Verteidiger rückten weit auf eine Seite, um das Vorrücken des Außenverteidigers aufzufangen. Eine sehr enge Formation war die Folge.

Werder bespielte das Pressing der Osnabrücker größtenteils gut. Immer wieder wählten sie die lange Verlagerung auf den freien Flügel und fanden Dinkci. Zu selten jedoch schlugen sie aus diesen Angriffen Kapital: Die Flanken kamen entweder ungenau oder landeten direkt beim Gegner. Außer Ecken sprang wenig heraus für Werder.

Der VfL mit den besseren Ecken

Auch der VfL fuhr die eigenen Angriffe maßgeblich über die Flügel. In der ersten Halbzeit gab es durch die zahlreichen Flügelangriffe auf beiden Seiten zwar kaum Chancen. Dafür sprangen für beide Teams viele Ecken heraus. 12:9 betrug das Eckenverhältnis am Ende – eine rekordverdächtig hohe Anzahl an Eckstößen.

Das Problem für Werder: Die Osnabrücker hatten sich die besseren Varianten zurechtgelegt. Sie fanden die Schwachstellen der Bremer Verteidigung. Werder verteidigte Ecken in einer Mischung aus Raum- und Manndeckung. Drei Raumdecker sicherten den Fünf-Meter-Raum, die restlichen Verteidiger deckten ihre Gegenspieler.

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Den Osnabrückern gelang es jedoch immer wieder, Lücken in die Raumdeckung der Bremer zu reißen. Die Angreifer ballten sich auf einem Haufen, entledigten sich ihres Manndeckers und zogen die Raumdecker aus ihrer Zone. So kam Osnabrück immer wieder zu gefährlichen Abschlüssen – und so gingen sie nach 44 Minuten in Führung.

Chancen, aber keine Tore

Nach der Pause intensivierte Werder die Angriffsbemühungen über die Flügel. Romano Schmid wich fortan häufig auf die rechte Seite aus, Niklas Schmidt bewegte sich nach links. Ihre Flanken kamen wesentlich präziser als die Hereingaben von Dinkci und Agu.

Bis zur Schlussphase machte Werder über die Flügel Tempo. Die Osnabrücker mussten dem hohen Tempo der ersten Halbzeit Tribut zollen. Sie verbarrikadierten sich im 4-1-4-1 am eigenen Strafraum. Doch obwohl Flanke um Flanke in den Osnabrücker Sechzehner segelte, fiel das ersehnte Tor nicht. Niclas Füllkrug köpfte den Ball an die Latte (47.), der eingewechselte Nicolai Rapp traf zweimal den Pfosten (74., 90.). Ein weiteres Tor gelang an diesem Nachmittag nur noch Osnabrück.

Werder scheiterte an der eigenen Chancenverwertung, aber auch an der schwachen Standard-Verteidigung. In beiden Strafräumen fehlte an diesem Nachmittag die Qualität. Das genügt nicht gegen einen Drittligisten, der mutig auftrat und sich den Sieg mit Laufstärke und Kampfkraft verdient hat.

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