Werder-Stürmer Davie Selke

Freude und Schmerz nach Selkes Treffer

Werder-Angreifer Davie Selke deutet durch sein Tor gegen Frankfurt an, was den Grün-Weißen nach seinem Wechsel fehlen wird.
04.05.2015, 00:00
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Freude und Schmerz nach Selkes Treffer
Von Andreas Lesch
Freude und Schmerz nach Selkes Treffer

Da geht's Richtung Europa: Wenn Davie Selke bis zum Saisonende weiter zuverlässig trifft, könnte Werder den Einzug ins internationale Geschäft schaffen.

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Eigentlich klang Viktor Skripniks Idee gar nicht so schlecht. Auf die Frage, wie Davie Selke sich fühle, wenn er bald von der Ersten in die Zweite Bundesliga wechselt, antwortete Werders Trainer: „Das fragen Sie bitte ihn.“ Leider aber geht das nicht, und das war der Haken an Skripniks Idee.

Seit dem 1. April, seit sein Wechsel zu RB Leipzig öffentlich bekannt ist, lehnt der Angreifer Selke jede Anfrage der Bremer Journalisten ab. Er gibt ihnen keine Interviews; er weigert sich, nach Spielen oder nach dem Training in der Mixed Zone Fragen zu beantworten. Er und auch sein Vater und Berater Teddy Rupp reagieren auf jede Form der Kontaktaufnahme mit Schweigen. Wie es aussieht, wollen sie ihren ganz persönlichen Medienboykott bis zum Ende der Saison durchziehen. Bis Selke seinen Verein verlässt.

Die selbst verordnete Stille des Stürmers mutet sonderbar an, denn die Medien haben seinen durchaus umstrittenen Wechsel zum ambitionierten, aber bisher eben noch zweitklassigen Retortenklub aus Leipzig fair, besonnen und differenziert begleitet. Fürchtet Selke nun Fragen, auf die er keinevernünftige Antwort weiß? Auch das bleibt vorerst ungeklärt. Fest steht nur: Wenn er mal richtig Karriere machen will im Showgeschäft Bundesliga, dann wird er lernen müssen, dass ein Rückzug ins Schneckenhaus keine dauerhafte Option ist.

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Selkes aktuelle Verweigerungshaltung wirkt umso unsouveräner, weil sie im Gegensatz zu der Souveränität steht, mit der er seit der Bekanntgabe seines Wechsels auf dem Platz agiert. Am Sonnabend, bei Werders 1:0 gegen Eintracht Frankfurt, hat er mal wieder getroffen. Insgesamt hat Selke in dieser Saison nun schon neun Tore und vier Vorlagen geschafft – eine bemerkenswerte Bilanz für eine erste Bundesliga-Saison. Speziell Selkes jüngster Treffer bringt Werder nicht nur Freude, sondern auch Schmerz. Er hat die Bremer auf Platz sieben der Tabelle gehievt, in die Nähe des internationalen Geschäfts.

Aber er hat Selkes Kollegen, seinem Trainer, dem ganzen Klub und seinen Fans auch gezeigt, was ihnen fehlen wird, wenn Selke im Sommer geht. Denn dieses Tor ist eines gewesen, wie es nur Stürmer mit Niveau erzielen: Er hat es nicht mit Absicht gemacht. Er hat es nicht erzwingen müssen, es ist ihm einfach so passiert. Er hat dieses seltsame Tor gleich mit drei Körperteilen erzielt: ein bisschen mit dem Gesicht, ein bisschen mit dem Hals, ein bisschen mit der Brust. Er ist von seinem Mitspieler Assani Lukimya angeköpft worden, er war mehr passiv als aktiv in diesem Moment. Und doch war er der entscheidende Mann. Weil er da stand, wo er stand. Und weil er dem Ball die Richtung gab, die er brauchte, um im Netz zu landen.

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Selke ist ein klassischer Mittelstürmer, den es in dieser Form heute nur noch selten gibt. Er ist kein toller Techniker, kein kluger Kombinierer, kein Alleskönner, der auch als Flankenschläger und offensiver Mittelfeldmann funktioniert. Anmutig und elegant wirken seine Bewegungen auch eher nicht. Aber Selke hat einen Instinkt, den man sich nicht antrainieren kann. Er ist ein Spielentscheider. Er ist in seinem Kerngeschäft einfach richtig gut: Er ist ein Torjäger, also jagt er Tore. Und er hat eine Eigenschaft, die wie eine Schwäche klingen mag, die in seinem Job aber eine Stärke ist: Er denkt nicht zu viel nach.

„Davie ist ein abgezockter Kerl auf dem Platz“, sagt Geschäftsführer Thomas Eichin. Deshalb hätten seine Leistungen unter der Debatte um seinen Wechsel auch nicht gelitten: „Man sieht, dass ihn das nicht großartig juckt.“ Sportdirektor Rouven Schröder merkt an, dass Selke seine Sache mit seinen 20 Jahren „richtig gut“ mache. Dass er eine Situation erfolgreich meistere, „in der viele Spieler auch an der Erwartungshaltung zerbrechen könnten“. Weil jeder jetzt sehr genau gucke, wie der Mann, der bald wechselt, sich verhält.

Viktor Skripnik lobt: „Er hat bestätigt, dass er ein echter Profi ist.“ Der Trainer hofft nun, „dass es so weitergeht bei ihm an den letzten drei Spieltagen. Dass er vielleicht noch mehr Tore macht.“ Kapitän Clemens Fritz sagt, so wie er Selke kennengelernt habe, werde der Angreifer „bis zum Ende hier Gas geben“. Zumindest körperlich dürfte dem nichts im Wege stehen. Dass Selke im Frankfurt-Spiel in der 81. Minute ausgewechselt wurde, gibt jedenfalls keinen Anlass zur Besorgnis. Er habe nur einen Krampf in der rechten Wade gehabt, teilte Werder am Sonntag mit – und er sei „bereits nach dem Spiel wieder weitgehend schmerzfrei“ gewesen und werde voraussichtlich ab Dienstag, nach zwei freien Tagen, wieder normal trainieren können.

Mit seinen Toren und seiner Stabilität deutet Selke an, warum RB Leipzig für ihn acht Millionen Euro Ablöse an Werder überweist. Und er zeigt, dass es für seinen Verein gar nicht so leicht werden wird, ihn gleichwertig zu ersetzen. „Wir sind ständig dabei, Ideen zu entwickeln“, sagt Sportdirektor Schröder. „Aber klar ist: Jeder Verein sucht Stürmer, die treffen, die passen und die auch noch finanzierbar sind.“ Die Nachfrage auf dem Markt ist offenbar deutlich größer als das Angebot.

„Mark Uth kann man ausschließen“

Der zuletzt heftig gehandelte Mark Uth vom SC Heerenveen jedenfalls wird nicht Selkes Nachfolger werden. Schröder bestätigt, dass der 23 Jahre alte Angreifer in Werders Fokus gestanden habe, aber er sagt auch, das sei nun vorbei: „Mark Uth kann man ausschließen.“ Noch ist also offen, wer in der nächsten Saison Werders Tore erzielen soll – zumal auch der Verbleib von Franco Di Santo keineswegs feststeht. Zwar hat der Argentinier einen Vertrag bis 2016, und Schröder betont: „Wir werden alles dafür tun, um langfristig mit ihm zu verlängern.“ Das, glaubt der Sportdirektor, wäre „ein wichtiges Zeichen für das Umfeld und die Mannschaft“. Aber jeder Spieler könne „ein unmoralisches Angebot kriegen“ – eines, das er und sein Klub nicht ablehnen können. Für diesen Fall der Fälle, so Schröder, müsse Werder natürlich auch bei Di Santo vorbereitet sein.

Eines ist so oder so klar: Wer Werder verlässt, der wird nicht vom Hof gejagt. Im Gegenteil: Er wird, wenn er sich bis dahin gut benimmt, auf sehr charmante Art von seinem alten zu seinem neuen Klub befördert. Clemens Fritz hat das angekündigt. Er sagte über Davie Selke: „Wenn er uns hier in die Europa League schießt, dann fahr‘ ich ihn persönlich nach Leipzig.“

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