Österreicher ist eine steigende Werder-Aktie

Baumann: Andere Klubs schauen auf Friedl

Der junge Österreicher Marco Friedl ist ein Gewinner dieser Werder-Saison. Wenn er sich weiter so entwickelt, kann er für die Bremer auch wirtschaftlich sehr wichtig werden, lässt Manager Baumann durchblicken.
11.11.2020, 10:39
Lesedauer: 4 Min
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Baumann: Andere Klubs schauen auf Friedl
Von Jean-Julien Beer
Baumann: Andere Klubs schauen auf Friedl

Bei Werder gereift: Der junge Marco Friedl, hier im Spiel gegen den 1. FC Köln.

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Vor ein paar Jahren musste man Stürmer sein, um die Fantasien der Fans und auch der Manager zu beflügeln. Oder wenigstens ein offensiver Mittelfeldspieler. Doch dann kam Jürgen Klopp. Als dessen FC Liverpool im Januar 2018 eine Ablösesumme von umgerechnet 84,65 Millionen Euro an den englischen Ligakonkurrenten FC Southampton überwies, um Innenverteidiger Virgil van Dijk zu verpflichten, sorgte das weltweit für Aufsehen. Klopp wurde damit einmal mehr zum Trendsetter: Mit dem niederländischen Abwehr-Riesen begannen die großen Liverpooler Erfolge, und überall in Europa wurde plötzlich in Abwehrspieler investiert. Wer einen zu verkaufen hatte, konnte damit gutes Geld verdienen: So wie Atletico Madrid, das vom FC Bayern 80 Millionen Euro für Lucas Hernandez verlangte – und auch bekam.

In jenem Januar 2018, als Liverpool mit dem Megatransfer von van Dijk weltweit für Schlagzeilen sorgte, wurde am Bremer Osterdeich eher still und leise der Wechsel eines damals 19 Jahre jungen Abwehrspielers eingefädelt: Werders Manager Frank Baumann gelang es da nämlich, Marco Friedl für eineinhalb Jahre vom FC Bayern auszuleihen, für eine Leihgebühr, die in etwa der Summe entsprach, die beim Van-Dijk-Transfer hinter dem Komma stand.

Eine geplante Karriere

Friedl war damals in München bereits bei den Profis angekommen, Trainer Jupp Heynckes hatte ihn im November 2017 in der Champions League beim Auswärtssieg gegen RSC Anderlecht 90 Minuten spielen lassen, in der Startelf standen dabei auch Stars wie Robert Lewandowski, Arjen Robben, Jerome Boateng oder Joshua Kimmich. Auch in der Bundesliga trug Friedl das Bayern-Trikot, gegen Mönchengladbach durfte er eine Halbzeit lang den verletzten vormaligen Real-Star James Rodriguez ersetzen. Es war eine geplante Karriere, schon als Zehnjähriger hatte er daheim in Österreich den FC Kufstein verlassen und sich der Jugendabteilung des FC Bayern angeschlossen.

Doch regelmäßige Einsätze waren im Münchner Starensemble kaum zu ergattern, weshalb der Wechsel nach Bremen Sinn machte. 57 Pflichtspiele absolvierte Friedl inzwischen für Werder, aus der Leihe wurde im Sommer 2019 ein Kauf: Werder überwies knapp drei Millionen Euro nach München, Friedl unterschrieb einen bis Juni 2022 geltenden Vertrag in Bremen. „Bei ihm hat sich bewahrheitet, was wir damals in ihm gesehen haben“, sagt Baumann heute und verrät eher beiläufig, dass sich Friedl inzwischen in den Fokus größerer Klubs gespielt hat: „Es ist durchaus so, dass wir merken, dass einige Vereine auf ihn schauen.“

Das überrascht nicht, wenn man sich die konstanten Leistungen des inzwischen 22-Jährigen in dieser Saison anschaut, die ihn zuletzt auch in Österreichs A-Nationalmannschaft beförderten. In allen sieben Bundesligaspielen stand Friedl in der Startelf und spielte komplett durch, er rechtfertigte diesen Stammplatz mit einem enorm verbessertem Zweikampfverhalten, brauchbaren Spielverlagerungen und einem deutlich routinierteren Auftreten auf dem Platz. Eine Entwicklung, die Baumann so vorhersah: „Das hat sich definitiv in der Rückrunde der vergangenen Saison bereits angedeutet, was die Körperlichkeit betrifft, seine Präsenz auf dem Feld und seine Körpersprache. Da hatte er schon einen guten Schritt gemacht und war gerade nach dem Re-Start der Liga im Saisonendspurt für uns sehr wichtig.“ Damals, in höchster Abstiegsnot, waren bei Werder echte Männer gefragt. Friedl reifte schnell.

Den Marktwert schon verdoppelt

Man kann ihn und seinen gesamten Transfer mit einer Aktie vergleichen. Den jungen Abwehrspieler von Bayern zu holen und ihn zu fördern, war bei Werder immer mit dem Gedanken verbunden, aus Friedl einen sehr guten Bundesligaspieler zu machen und davon zunächst sportlich, später aber auch wirtschaftlich zu profitieren. Seinen Marktwert aus dem Frühjahr, als er bei 3,2 Millionen lag, hat Friedl in dieser Saison bereits mindestens verdoppelt – Tendenz steigend, trotz Corona-Krise. Mittelfristig dürfte der junge Innenverteidiger zu den wenigen Spielern gehören, die der wirtschaftlich angeschlagene Bremer Bundesligist bei Bedarf für viele Millionen Euro verkaufen kann, auch wenn Baumann daran noch nicht denken möchte: „Man sollte bei ihm nicht den dritten vor dem zweiten Schritt tun. Zunächst einmal haben wir ihn geholt, um sportlich erfolgreich zu sein. Aber natürlich setzen wir solche Investitionen auch mit einer gewissen Perspektive um. Jetzt freut uns aber erst einmal die Entwicklung.“

Die ist auch deshalb bemerkenswert, weil es zwischendurch eine beachtliche Formschwäche gab. Vor etwas mehr als einem Jahr schien die Aktie Friedl eher abzustürzen. Nach mehreren schwachen Spielen in der Bundesliga verlor er im tristen Abstiegskampf seinen Platz in Werders Startelf, wobei er damals auch häufiger auf der defensiven Außenbahn agieren musste, wo er allein schon durch seine Körpergröße von 1,87 Metern eine schlechte Figur abgab. Doch gestärkt durch das bayerische Mia-san-mia ließ er sich davon nicht aufhalten und kämpfte sich zurück ins Team. Inzwischen agiert und überzeugt Friedl in der Innenverteidigung. „Es zeigt sich auch, dass er sich dort innen in der Abwehr etwas wohler fühlt, weil er da seine Stärken noch besser einbringen kann“, meint Baumann, „insgesamt ist seine Entwicklung für uns keine Überraschung. Es freut uns, dass er seine Form aus der Rückrunde bestätigt hat und konstant gute Leistungen zeigt. Er hat den Konkurrenzkampf in der Abwehr weiter vergrößert.“

Wenn in Zukunft wieder Abwehrspieler gesucht werden, in der Bundesliga und in Europa, rechnen sie auch bei Werder mit Angeboten. Natürlich nicht in den Dimensionen eines van Dijk, aber bei Friedl dürfte dann auch vor dem Komma eine zweistellige Zahl stehen, wenn er auf seinem jetzigen Niveau weiterspielt. Denn seit Klopps erfolgreicher Einkaufstour haben sich die Marktwerte nahezu aller jungen Innenverteidiger per se erhöht. Und Werder wäre gerade in der wirtschaftlich schwer zu verkraftenden Coronakrise dankbar, davon am Tag X profitieren zu können.

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