Harmlosigkeit statt berauschende Offensive

Die Jäger der verlorenen Torgefahr

Es gab Zeiten, da stand Werder für berauschenden Offensivfußball. Inzwischen sind die Bremer erschreckend harmlos, dabei werden gerade jetzt Tore dringend benötigt. Zum Retter könnte Niclas Füllkrug werden.
09.06.2020, 12:15
Lesedauer: 4 Min
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Die Jäger der verlorenen Torgefahr
Von Malte Bürger
Die Jäger der verlorenen Torgefahr

Am Zielwasser allein liegt es nicht, Werder schafft es kaum einmal, überhaupt gefährlich vor das gegnerische Tor zu kommen.

gumzmedia/nordphoto

Tatsächlich, viermal war der Ball dann doch direkt aufs Tor gekommen. Mal etwas gefährlicher, meist jedoch eher halbgar. Und so hatte Werder auch gegen Wolfsburg nicht getroffen. Schon wieder nicht. Wie zuvor gegen Frankfurt oder Mönchengladbach. Und selbst die beiden Siegtreffer aus den Spielen gegen Freiburg und Schalke können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Bremer ein eklatantes Offensivproblem mit sich herumschleppen. Dabei ist diese Harmlosigkeit wirklich das Allerletzte, was sich eine Mannschaft im Abstiegskampf erlauben kann.

„Was schlecht ist, und da gibt es kein anderes Wort für, ist unser Spiel im letzten Drittel“, sagt auch Trainer Florian Kohfeldt. „Wir haben immer versucht, mindestens fünf Spieler in die Box zu kriegen, und trotzdem haben wir es nicht geschafft, so zwingend zu werden, wie wir es wollten. Das ärgert mich natürlich, denn die Möglichkeiten waren da. Wir kommen aber einfach nicht zum Abschluss.“

Werder begann das Spiel in Person von Josh Sargent und Yuya Osako mit zwei Angreifern. Auf den Außenbahnen sollten Ludwig Augustinsson und Theodor Gebre Selassie nachrücken und ihr Gefahrenpotenzial ausschöpfen. Später, als sich die Niederlage abzeichnete, waren mit Fin Bartels, Davie Selke, Leonardo Bittencourt und Nick Woltemade weitere Akteure hinzugekommen, für die das Toreschießen jetzt kein völliges Neuland ist. Allein es änderte nichts. Momentan ist es völlig unerheblich, wie viele Offensivkräfte aufgeboten werden, die Sorgenfalten der gegnerischen Abwehrspieler halten sich in überschaubaren Grenzen. Gerade einmal 30 Tore hat Werder in dieser so desaströsen Saison erzielt. Zum Vergleich: Robert Lewandowski vom Branchenprimus FC Bayern München bringt es als Führender der Torschützenliste allein auf diesen Wert.

Werder spielt keinen Fußball mehr

Florian Kohfeldt wollte eigentlich die alte Werder-DNA wiederbeleben, seine Mannschaft sollte den Ball attraktiv laufen lassen und so durch schönen Offensivfußball erfolgreich sein. Wirklich gespielt wird bei Werder schon lange nicht mehr. Etliche Verletzungen und eine sportliche Talfahrt durchkreuzten das Vorhaben bereits in der Hinrunde, die Korrekturen in der Winterpause waren eher minimal. Mit Davie Selke wurde ein Stürmer verpflichtet, der sich auch andernorts nicht gerade den Namen eines echten Torjägers gemacht hatte. Im offensiven Mittelfeld, wo das Personal begrenzt, die Leistungen dürftig und die Impulse überschaubaren waren, passierte: gar nichts.

Und dafür büßen die Bremer jetzt. Die Perspektive im Abstiegskampf wird immer schlechter, die Zeit immer knapper. „Es gibt zwei klare Ansatzpunkte“, sagt Florian Kohfeldt. „Wir müssen Überzahlsituationen viel besser ausspielen, da sind wir zu kompliziert. Da geht es um das Isolieren des Gegenspielers, ein klares An-, Hinter- und Überlaufen – gerade in Kontersituationen. Darüber hinaus geht es um die Boxbesetzung. Das sind die zwei Themen, die wir in dieser Woche definitiv ganz oben auf dem Trainingsplan haben.“ Das Problem: Eine Trainingswoche besteht nur aus wenigen Tagen, Werders Defizite bräuchten aber eigentlich eine wesentlich längere Behandlung.

Verborgene Video-Schätze

Deshalb soll die Wiederentdeckung des Angriffsschwungs zusätzlich auch abseits des Platzes realisiert werden. „Es ist ja nicht so, dass die Spieler das noch nicht gezeigt haben. Ein Leonardo Bittencourt zum Beispiel. Ein Yuya Osako, Fin Bartels oder Josh Sargent. Auch die Spieler, die von hinten nachrücken wie Maximilian Eggestein oder Davy Klaassen“, zählt Kohfeldt auf. „Wir müssen ihnen das immer wieder aufzeigen. Ich weiß noch nicht genau wie. Gesprochen wird auf jeden Fall, aber vielleicht werden wir auch noch einmal Videosequenzen heraussuchen – auch positive.“ Und dann schob Werders Coach ebenso scherzhaft wie fatalistisch hinterher: „Ich hoffe, dass ich nicht zu tief kramen muss.“

Zuletzt gegen Wolfsburg fehlte mit Milot Rashica eine Alternative in der Offensive – wenngleich der 23-Jährige derzeit meilenweit von seiner guten Form der Hinrunde entfernt ist. Wenn er am Ball ist, schwingt aber zumindest so etwas wie Hoffnung mit, dass doch noch alles gut werden würde. Und deshalb wünscht sich natürlich auch Florian Kohfeldt, dass Rashica am Sonnabend gegen Paderborn wieder dabei sein kann. „Bei Milot hoffe ich, dass es gehen wird. Nach dem Tritt im Frankfurt-Spiel hat er es nicht geschafft, die Schmerzen im Sprunggelenk waren zu groß. Er hat es noch im Training versucht unter Zuhilfenahme aller Mittel, aber es ging einfach nicht“, sagt Kohfeldt. „Es ist aber nichts, was ausschließt, dass er in Paderborn spielt.“

Füllkrug soll kein Messias sein

Und dann ist da ja noch Niclas Füllkrug. Aufgrund eines Kreuzbandrisses und weiterer Beschwerden fehlt der Königstransfer des vergangenen Sommers seit dem fünften Spieltag. Nun könnte er tatsächlich sein Comeback geben. Wird er also Werders großer Retter? „Ich will jetzt nicht den Druck auf die Schultern von Niclas legen und sagen, dass endlich der Messias wiederkommt“, sagt Florian Kohfeldt. „Er wird eine Alternative von der Bank sein, um das noch einmal ganz deutlich zu sagen. Niclas hat ein unglaubliches Tempo für sich vorgelegt in der Reha, weil er alles dafür tun und helfen will, dass dieser Verein in der Liga bleibt. Dafür gebührt ihm jetzt schon großer Respekt. Trotzdem müssen wir natürlich eine Abwägung wegen der Gesundheit treffen, denn Niclas soll noch länger für diesen Verein spielen und Tore schießen.“

Es steht aber außer Frage, dass auch Niclas Füllkrug das lieber in der 1. Liga und nicht eine Etage tiefer tun möchte. Deswegen kann es dem 27-Jährigen sicherlich gar nicht schnell genug gehen. Seine Vorgeschichte mit all den Knieverletzunge hat alle Beteiligten jedoch endgültig in Alarmbereitschaft versetzt. Nicht auszudenken, was über den Verein hereinbrechen würde, sollte Füllkrug im Endspurt einen erneuten Rückschlag erleiden. Wie viel Risiko wird Werders Cheftrainer am Ende also tatsächlich eingehen, wenn es um nicht weniger als das sportliche Überleben geht? Eine vertrackte Situation – wie auch im Tabellenkeller. „Wichtig ist, dass wir alle torgefährlicher werden. Dann kann Niclas eine sehr gute Ergänzung dazu sein und ein Element, das wir so sonst nicht haben“, sagt Kohfeldt. „Ich freue mich ungemein darauf, seine Mentalität nächste Woche im Kader zu haben, andererseits steht die Mentalität der Mannschaft in dieser Phase außer Frage. Dass die Spieler alles reinlegen, ist deutlich zu sehen.“ Das allein wird Werder allerdings nicht reichen, um weiter erstklassig zu bleiben.

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