Werders schwerer Weg aus dem Tief

Gegen alle Widerstände

Werder ist rein vom Ergebnis her ein Traumstart in die Rückrunde gelungen, doch im Bremer Lager wissen sie, dass es noch viel Arbeit gibt. Zumal immer neue Widerstände auftauchen, die es zu meistern gilt.
19.01.2020, 16:59
Lesedauer: 4 Min
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Gegen alle Widerstände
Von Malte Bürger
Gegen alle Widerstände

Das Tor mit allen Mitteln verteidigt: Werder-Torwart Jiri Pavlenka riskiert in diesem Zweikampf kurz vor Schluss mit Adam Bodzek (links) und Opuku Ampomah auch eine Verletzung, um den Ausgleich zu verhindern.

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Es ist ein Gefühl, das eigentlich unter Hobby-Botanikern heimisch ist. Erblicken sie ein zartes Pflänzchen, wird alles getan, um die Hoffnung auf eine baldige schöne Blüte zu ermöglichen. Am späten Sonnabend waren es nun die Werder-Profis, die gleich reihenweise darum bemüht waren, das frisch aufkeimende Glück zu konservieren und bloß nicht gleich wieder niederzutrampeln. „Der Sieg bringt ein bisschen Erleichterung, aber die Art wie wir gespielt haben, bringt noch mehr Erleichterung, denn das haben wir in den letzten sechs Spielen so nicht mehr gesehen“, sagte etwa Davy Klaassen. „Da konnten wir nicht stolz auf uns sein, aber jetzt bin ich es wieder.“

Doch wie das eben so ist mit jungen Gewächsen: Die Schönheit ist brüchig, eine Garantie für die volle Pracht gibt es nicht. Und so wissen auch die Bremer, dass der ersehnte Aufschwung nach diesem so wichtigen Auftaktsieg zum Start der Rückrunde nicht von allein kommt. „Wir haben eine gute Vorbereitung gehabt, aber eine gute Vorbereitung ist keine Garantie für ein gutes Spiel“, sagte Klaassen. „Heute war es insgesamt nicht gut, aber besser als vorher. Und wir haben gewonnen.“ Ähnlich sah es Kapitän Niklas Moisander: „Ich bin sehr stolz auf meine Mannschaft. Wir haben natürlich nicht überragend gespielt, aber wir haben gekämpft und genauso gespielt, wie wir es wollten.“

Es hatte im Vorfeld durchaus berechtigte Zweifel daran gegeben, ob Werder Abstiegskampf kann. Dort wo die Konkurrenz im Tabellenkeller vor der Winterpause mit viel Körpereinsatz zu Werke ging, tat sich die Elf von Trainer Florian Kohfeldt diesbezüglich äußerst schwer. Umso mehr gefielen ihm jetzt die Eindrücke im Rheinland. „Wir haben gezeigt, dass wir die Situation, in der wir stecken, angenommen haben. Ich denke nicht, dass die Fortuna uns kämpferisch überlegen war. Da waren wir gleichwertig“, sagte der 37-Jährige. „Es ist spielerisch viel Luft nach oben, aber dafür, dass wir vieles neu gemacht haben, war ich damit einigermaßen zufrieden. Das Entscheidende war, wie wir Widrigkeiten angenommen haben. Es gab mehrere Szenen, in denen es viele Spieler gab, die wirklich alles getan haben, um das Tor zu verteidigen. Das brauchen wir jetzt in dieser Situation. Und wir brauchen jeden Punkt, dieses Mal haben wir drei geholt. Von Euphorie bin ich weit weg, aber psychologisch war es sicher nicht ganz unwichtig.“

Vogt verlässt Krankenhaus

Die Bodenhaftung bleibt allein deshalb schon vorhanden, weil es ja noch die Szenen in der Nachspielzeit gab, in der sich erst Kevin Vogt verletzte und dann auch noch Niklas Moisander Gelb-Rot sah. Vogt zog sich eine Gehirnerschütterung zu, aber immerhin keine noch schlimmeren Verletzungen. Am Sonntag konnte er das Krankenhaus verlassen, wie lange er ausfällt, werden nun weitere Tests zeigen. Die Abwehr muss vor dem Spiel gegen die TSG Hoffenheim also wieder einmal umgebaut werden. Vor allem der schmerzhafte Ausfall seines Neuzugangs beschäftigte Florian Kohfeldt. „Das ist teilweise nicht mehr zu fassen. Wir können über Regeneration und Trainingssteuerung sprechen, aber es gibt einfach Dinge, die sind der Wahnsinn“, meinte er. „Das ist wieder ein Widerstand, und wieder werde ich auf meinem Sofa versuchen, eine Lösung zu finden.“

So sah es auch Leonardo Bittencourt, der den nächsten personellen Rückschlägen fast schon trotzig begegnete. „Man macht es uns in dieser Saison nicht leicht“, sagte er. „Aber das ist es, was dieses Jahr auf uns zukommt. Da müssen wir uns dagegenstemmen.“ So wie gegen Düsseldorf – und das hatte ihm richtig gut gefallen. „Wir haben unser Tor mit allen Mitteln verteidigt, leider hat es dabei Kevin erwischt“, sagte er. „Aber genau das hat uns in der Hinrunde ein Stück weit gefehlt. Wenn wir unser Tor jedes Mal verteidigen, als wäre es das letzte Spiel, dann machen wir vorne immer eins. Wir haben einige Jungs, die aus Nichts auch einmal Gold machen können.“

Wichtig für das Selbstvertrauen

Dieses Mal musste in Person von Niklas Moisander sogar ein Abwehrspieler für solch einen Moment her, da in der Offensive insgesamt eher wenig ging. Allenfalls Einzelaktionen von Milot Rashica verströmten etwas Gefahr, einstudierte Angriffszüge gab es im Grunde gar nicht zu sehen. Doch das war zumindest an diesem Nachmittag zweitrangig. „Der Sieg tut gut, deshalb sollten wir das jetzt auch ein bisschen genießen“, sagte Bittencourt erleichtert. „Ich will nicht sagen, dass der komplette Druck abgefallen ist, denn es geht natürlich noch weiter, aber es war ein Schritt in die richtige Richtung. Auch für das Selbstvertrauen.“

Genau das hatte auf den letzten Metern des Kalenderjahres 2019 mächtig gelitten. Deshalb geht es jetzt erst einmal nicht um Schönheitspreise, sondern um Ergebnisse. „Wir haben in den letzten Wochen von kleinen Schritten gesprochen, heute war es einer. Und davon brauchen wir noch einige“, sagte Frank Baumann. „Das war noch nicht wieder die Leistung, die unser Limit ist, aber das zählt in dieser Phase auch nicht.“ Fürs Erste ist die Bremer Brust wieder ein bisschen breiter geworden, doch Werders Sportchef weiß nur zu gut, dass dieses junge Seelenheil nur allzu schnell wieder Schaden nehmen kann. „Dieses Gefühl müssen wir uns in jedem Spiel und in jeder Aktion neu erarbeiten, denn es gibt immer wieder Rückschläge“, sagte er. „Da ist es wichtig, dass man die richtige Reaktion zeigt.“ Aus dem zarten Pflänzchen soll schließlich schnell ein widerstandsfähiges Gewächs werden.

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