Kommentar zum wirren Handspiel-Thema Geisterfahrer an der Pfeife

Es gibt eine zunehmende Entfremdung zwischen Fans, Spielern und Trainern auf der einen Seiten - und Schiedsrichtern auf der anderen. Das ist schlecht für alle, kommentiert unser Chefreporter Jean-Julien Beer.
28.10.2019, 17:12
Lesedauer: 2 Min
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Von Jean-Julien Beer

Man muss auch zwei Tage nach dem Bundesligaspiel in Leverkusen nur zwei Worte benutzen, um sofort lebhafte Diskussionen auszulösen: Werder und Handspiel. Was war passiert? Leverkusens Amiri warf sich mit den Füßen voran im Strafraum in einen Pass von Werder, der Ball traf seine beiden Hände und wurde dadurch gestoppt. Was war nicht passiert? Der Schiedsrichter gab keinen Elfmeter, auch der Video-Assistent griff zur Überraschung aller nicht ein.

Man könnte nun lange über die inzwischen sehr komplexen Handspielregeln und ihre Auslegung diskutieren. Man könnte auch die offizielle Erklärung des Deutschen Fußball-Bundes und seiner „Sportlichen Leitung Elite-Schiedsrichter“ (das heißt wirklich so) zu dieser Werder-Szene zerpflücken, wo zur Rechtfertigung über „noch relativ eng am Körper gehaltene Arme“ und „nicht ganz charakteristische Vorgänge“ gefaselt wird. Aber beides bringt nichts.

Völler bringt es auf den Punkt

Es macht sich ein Gefühl der Ohnmacht breit, unter den Fans im Stadion, den Spielern, den Trainern und den Millionen vor den Fernsehern. Für nahezu alle Beteiligten war es ein strafbares Handspiel, ganz logisch. So wie Amiri ein paar Minuten vorher gar nichts dafür konnte, dass ihm der Ball gegen den Arm sprang. Ein Leverkusener Tor wurde deshalb jedoch aberkannt, weil die Regeln neuerdings halt so sind. Das passiert, wenn Theorie auf Praxis trifft.

Rudi Völler ist so etwas wie die Essenz des Fußballs. Er war schon als Kind Fan dieses Spiels und wird es immer bleiben. Er war ein Weltklasse-Fußballer. Trainer und Manager. Völler sagte am Wochenende den wunderbar einfachen Satz: „Als Schiri hätte ich Tor für uns und aber auch Elfer für Werder gepfiffen.“ Eine solche Entscheidung hätte jeder verstanden. Sie wäre im Sinne des Fußballs gewesen. Im Sinne des Spiels. Wenn im Grunde alle Zuschauer, Spieler und Trainer einen Elfmeter für richtig halten, nur die Schiedsrichter nicht – dann stimmt etwas nicht mehr im Bundesliga-Fußball. Man bekommt das schlechte Gefühl, die Schiedsrichter wären als Geisterfahrer in der Einbahnstraße unterwegs und würden sich wundern, dass ihnen nur konträre Meinungen begegnen.

Bewusst gegen die breite Masse

Schiedsrichter sollen ein Spiel leiten, nicht entscheiden. Sie sind nie größer oder wichtiger als der Fußball. Sie sind keine Hauptdarsteller und schon gar nicht die höchste Instanz, die Spielern, Trainern und Zuschauern diesen Sport zu erklären hat. Es wäre gut, wenn sich ihre Rolle schnell wieder ändern würde, wenn sie einfach wieder ein normaler Teil des Spiels wären. Der jetzige Weg befeuert jedes Wochenende eine gefährliche Entfremdung - und die ist schlecht für beide Seiten. Fehlentscheidungen wird es immer geben, Schiedsrichter sind Menschen und keine Maschinen. Das ist völlig okay. Aber bewusst gegen die Meinung der breiten Masse zu agieren, immer wieder, das ist hier vielleicht die größte Fehlentscheidung.

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