Werder gibt in der Krise ein diffuses Bild ab

Gemeinsam durchs Gewitter

Rückendeckung für den Trainer, das ist vor dem Keller-Krimi gegen Mainz ein großes Thema bei Werder. Manager Frank Baumann weist den Vorwurf zurück, der Verein lasse den jungen Kohfeldt gerade ziemlich alleine.
17.12.2019, 11:33
Lesedauer: 4 Min
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Von Jean-Julien Beer
Gemeinsam durchs Gewitter

Hinten lauert die Gefahr: Die Tabelle sieht nicht gut aus, doch Frank Baumann und Florian Kohfeldt kämpfen um das, was sie aufgebaut haben.

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Die beruhigende Nachricht bei Werder ist, dass es Frank Baumann gut geht. Man hätte sich schon Sorgen machen können, schließlich hörte man an diesem für Werder so markanten Wochenende wenig bis nichts von ihm. Noch im Stadion in München musste Florian Kohfeldt ganz allein den Abstiegskampf ausrufen, gezeichnet von der 1:6-Niederlage gegen die Bayern und in Sorge um seinen Verein. Am Sonntag saß dann Clemens Fritz in der Fernsehsendung „Doppelpass“ und sprach vor einem Millionen-Publikum immer von „Wir“, meinte damit aber nicht seine Scoutingabteilung, sondern irgendwie die Vereinsführung von Werder Bremen. Einen Tag vor dem wichtigen Keller-Duell mit Mainz tauchte Baumann nun wieder auf und reagierte irritiert auf die nur logische Nachfrage, ob der Verein seinen jungen Cheftrainer gerade ziemlich alleine lasse.

Baumann verneinte das energisch. „Wir unterstützen ihn, wo wir können. Florian hat die volle Rückendeckung. Wir lassen ihn nicht alleine stehen im öffentlichen Gewitter, das aktuell über uns hereinbricht“, betonte der Manager und beschwor den Zusammenhalt: „Wir stehen Seite an Seite, gehen gemeinsam durch diese schwierige Situation und werden diese auch meistern.“ Das klingt gut, ändert aber wenig daran, dass der Verein in seiner Abstiegsnot für Außenstehende gerade ein diffuses Bild abgibt. Als verantwortlicher Sportchef beharrte Baumann darauf, er habe in den vergangenen Tagen sehr viel öffentlich gesprochen, wobei unklar blieb, mit wem. Durch ein zupackendes Krisenmanagement fiel er jedenfalls nicht auf, sonst hätte er nicht zwei Tage nach dem Debakel von München betonen müssen, „dass ich mich zuletzt immer stark hinter Florian Kohfeldt gestellt habe“.

Die Mannschaft steht hinter Kohfeldt

Im Gegensatz zu anderen Krisenklubs stellt sich die Trainerfrage in Bremen aber eh nicht. Und auch wenn ihm nach der höchsten Saisonniederlage sicherlich jede öffentliche Rückendeckung gut getan hätte, weiß Kohfeldt mit solchen Wochenenden inzwischen umzugehen. Er spüre im Verein und in der Öffentlichkeit „maximalen Rückhalt“, erklärte er am Montag. Entscheidender sei für ihn jedoch, „dass ich den Rückhalt der Spieler habe“. Dieser Rückhalt aus der Mannschaft sei ihm nicht nur angedeutet, sondern „auch ausgesprochen worden“, berichtete Kohfeldt aus dem Innenleben der Kabine.

Für den Umgang mit der Mannschaft ist es wichtig, dass Kohfeldt trotz der Krise aus einer Position der Stärke agiert. Kein Spieler kann bei Werder darauf hoffen, dass dieser Trainer mit all seinen speziellen Anforderungen in ein paar Tagen ohnehin weg ist. Dafür waren die vergangenen beiden Jahre, die Baumann und Kohfeldt bei Werder gemeinsam hingelegt haben, zu stark. Das wurde der Mannschaft nach den beiden erschreckenden Niederlagen gegen Paderborn und Bayern auch deutlich gesagt. Beide Spiele führten dazu, dass Werder nun auch öffentlich den Klassenerhalt als Saisonziel ausrief.

Baumanns Appell ans Team

Es sei „wichtig und notwendig“ gewesen, berichtete Baumann, dass man den Spielern deutlich gesagt habe, „dass wir all das jetzt nicht so einfach kaputt machen können, was wir uns die letzten Jahre aufgebaut haben. Und das geht häufig deutlich schneller“. Zwei Jahre lang habe Werder dafür gestanden, niemals aufzugeben „und uns immer gegen Niederlagen zu wehren“. Zuletzt habe man genau das vermissen lassen. Auch die Fans hätten ein sehr feines Gespür dafür, „mit welcher Mentalität wir in die Spiele gehen“.

Damit es gegen Mainz und am Wochenende in Köln anders wird, nämlich erfolgreicher, wurde nicht nur der Abstiegskampf ausgerufen, sondern die Wortwahl grundsätzlich verändert, wobei Baumann nichts davon hält, „die Spieler öffentlich an die Wand zu nageln“. Kohfeldt rückte bei seiner Ansprache vor der Mannschaft eher einpeitschende Sätze in den Vordergrund: „Wir müssen beim Einsatz auch mal eine Verletzung riskieren und das Tor mit dem eigenen Leben verteidigen. Das habe ich noch einmal stärker in den Vordergrund gerückt.“ Es gehe in beiden Spielen nicht um schönen Fußball. „Wir müssen gewinnen. Egal wie.“

Weil man im Weserstadion schon seit mehr als drei Monaten kein Bundesligaspiel mehr gewonnen hat, war Baumann bemüht, etwas Druck aus der Situation zu nehmen: „Egal, wie die beiden Spiele nun ausgehen. Ob wir beide gewinnen oder beide verlieren. Es ist danach noch nicht alles verloren oder gewonnen.“ Die Mannschaft strotze jetzt nicht vor Selbstbewusstsein, trotzdem sei es wichtig, auch nach Rückschlägen auf dem Platz am ursprünglichen Plan festzuhalten. Auch wenn im Spiel etwas nicht funktioniere und es im Stadion unruhig werde.

Kohfeldts positiver Ansatz

Die Spieler seien „schon sehr nachdenklich“ gewesen nach dem Debakel von München, hat Kohfeldt derweil festgestellt, „aber dass sie mit Druck umgehen können, das haben sie eben auch schon gezeigt. Das ist wichtig für das Spiel am Dienstag.“ Man merkt dem Trainer dabei deutlich an, dass er das viele Gerede langsam leid ist. Wenn der Schiedsrichter gegen Mainz anpfeift, will er endlich Taten sehen. Auch, damit der gemeinsame Weg sinnvoll weitergeht. „Das war sehr viel Arbeit, was wir hier aufgebaut haben“, betont Kohfeldt, „und wir haben jetzt schon ein paar Mal gesagt, dass wir uns wehren wollen. Entscheidend ist aber, was gegen Mainz und Köln kommt. Ich bin mir sicher, dass wir alles getan haben, um gewinnen zu können. Und ich bin sicher, dass hier nichts dauerhaft kaputt gehen wird. Aber du musst dafür kämpfen. Nicht reden.“

Als Dauer-Erklärer der Bremer Probleme kann er sich schon selbst nicht mehr hören, auch wenn man nie vergessen dürfe, dass sehr viel bei Werder in dieser Hinrunde zusammengekommen sei. In einem Verein, der Krisenmanagement in etwa so gut beherrscht wie das Verteidigen, versucht es der Trainer deshalb jetzt auf seine Art: mit einer positiven Grundhaltung. „Drehen wir es doch mal um!“, fordert er, „wenn wir jetzt sagen, unser Ziel ist der Klassenerhalt, dann sind wir in einer sehr guten Situation. Denn wir sind zwei Punkte vor einem Relegationsplatz, haben jetzt zwei Spiele gegen direkte Konkurrenten, beginnend mit einem Heimspiel.“ So kann man das natürlich auch sehen.

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