Welche Prognosen bei Werder nicht eintrafen

Geplatzte Hoffnungen

Dass die Bremer Worte und Hoffnungen zu oft an der Realität vorbeigingen, ist ein Grundübel dieser historisch schlechten Saison. Eine Übersicht der geplatzten Hoffnungen und falschen Prognosen.
11.02.2020, 10:14
Lesedauer: 5 Min
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Von Christoph Sonnenberg, Jean-Julien Beer und Christoph Bähr
Geplatzte Hoffnungen

Florian Kohfeldt zeigt es an: Nach oben sollte es für Werder gehen, doch daraus wurde nichts.

nordphoto

In dieser Woche werden die Spieler bei Werder nicht öffentlich sprechen. Was nicht daran liegt, dass sie sich in der überschaubaren Bremer Medienlandschaft verausgabt hätten und deshalb die Kraft zum Spiel fehlt. Die meisten Werder-Profis sagen ohnehin nie etwas. Es gehe vielmehr darum, heißt es im Verein, sich nicht zu wiederholen und Dinge zu sagen, die falsche Erwartungen bei den Fans hervorrufen. Zu oft schon folgten den großen Worten nicht einmal kleine Taten. Dass die Bremer Worte und Hoffnungen zu oft an der Realität vorbeigingen, ist aber kein neues Phänomen, sondern ein Grundübel dieser historisch schlechten Saison. Hier eine Auswahl der falschen Hoffnungen:

Das Saisonziel Europa

Es ist die Mutter aller Fehleinschätzungen bei Werder: Der Glaube, mit diesem Kader und ohne Max Kruse um die Europacup-Plätze spielen zu können. Vergangene Saison hatte Werder eine durchschnittliche Mannschaft und einen außergewöhnlich scorenden Kruse, das reichte, mit viel Spielglück, für einen in der Tabelle mittelmäßigen Platz 8. Ohne Kruse blieb nur eine durchschnittliche Mannschaft, wenn überhaupt. Noch im September, als der Saisonstart verpatzt war, belehrte Sportchef Frank Baumann alle Zweifler so: „Wir haben noch 29 Spiele. Ich sehe das Erreichen unseres Saisonziels nicht als unmöglich an, es ist rechnerisch noch möglich.“ Ob er jetzt etwa den Abstiegskampf ausrufen solle, fragte Baumann die Journalisten gereizt und gab die Antwort damals gleich selbst: „Nein, das werden wir nicht machen.“ Mit dem Wissen von heute hätte er das sicher nicht gesagt. Im gleichen Monat sagte Florian Kohfeldt übrigens, es gehe für Werder darum, nie in Kontakt mit unteren Tabellenregionen zu kommen, „denn dann hätten wir ein Problem“. Damit lag er richtig, schon mit dem nächsten Satz aber daneben: „Aber das werden wir nicht haben, wir werden das einfach nicht haben!“

Dann halt ein Zwischenziel

Im Oktober kam dieses Zauberwort bei Werder auf. Der Verein stand damals auf Platz 12 und erfand das Zwischenziel, das da lautete: „Bis zur Winterpause den Punkteabstand nach oben verkürzen und auch in der Tabelle den einen oder anderen Platz aufholen, um dann in der Rückrunde eine Aufholjagd starten zu können.“ So erklärte es Frank Baumann. Damit wurde die Erwartung auf Besserung in die Zukunft verschoben, zunächst auf den Winter, dann auf die Rückrunde. Angesichts einiger schwerer Spiele im Herbst und dem drohenden Abstiegsplatz sagte der Manager seinerzeit: „Es ist wichtig, dass wir es nicht nur von Spiel zu Spiel sehen, sondern dass wir uns diese Zwischenziele setzen.“ Für Werder weiter groß zu denken, ließ sich Baumann im Oktober aber nicht nehmen: „Ich glaube, dass der Rückstand zu den ersten sechs Plätzen noch nicht so groß ist, dass man es in den kommenden 26 Spielen nicht mehr aufholen kann.“ In dieser engen Bundesligasaison hätten „sehr sehr viele Klubs“ den Anspruch, oben reinzukommen, erklärte Werders Manager, „klar wären wir gerne jetzt schon dabei, viel wichtiger ist mir aber, dass wir am Ende der Saison da oben dabei sind.“ Das klingt heute wie aus einem schlechten Film.

Im Dezember wird alles gut

Der Spielplan schien es gut zu meinen mit Werder nach einer weitgehend schwachen Hinrunde. In der Adventszeit standen die Heimspiele gegen Paderborn und Mainz an, dazu das Spiel bei Aufsteiger Köln. Das verführte viele im Verein zu kühnen Rechnungen. Darunter diese: Mit den neun Punkten aus diesen drei Spielen würde man doch noch mit mehr als 20 Punkten in die Winterpause gehen und wäre mit einem blauen Auge davon gekommen. Doch das war blauäugig. Tatsächlich holte Werder aus diesen Spielen keinen einzigen (!) Punkt, es gelang nicht mal ein einziges Tor. Größte Optimisten in der Vereinsführung glaubten sogar, man könne im November und Dezember die Punktzahl verdoppeln. Was deutlich zeigt, dass die Mannschaft und ihre Probleme völlig falsch eingeschätzt wurden.

Max Kruse ist zu ersetzen

Gescheitert ist die Vertragsverlängerung am Geld, Werder wollte weniger bezahlen, Kruse mehr verdienen. Die Unterschiede waren so groß, dass gar nicht ernsthaft verhandelt werden musste. Die Verlustangst hielt sich in Grenzen. Durch eine andere taktische Ausrichtung sollte Kruses Fehlen kompensiert werden. „Ich sehe aber gerade im Sportlichen eine Chance darin, dass wir uns anders aufstellen. Und anders heißt nicht schlechter“, sagte Florian Kohfeldt. Variabler wollte Werder spielen, nicht von einem Spieler abhängig sein. Das hat nicht geklappt, es fehlen nicht nur Kruses elf Tore und zehn Vorlagen der vergangenen Saison. Es fehlt der Führungsspieler, der bei Gegenwind stehen bleibt. Und in dessen Schatten Davy Klaassen oder Maximilian Eggestein zu ebenfalls wichtigen Spielern werden konnten.

Durch die Winter-Vorbereitung zurück in die Erfolgsspur

Training, Training, Training – das war das Ziel der Vorbereitung zu Beginn des Jahres. In der Hinrunde war das aufgrund der vielen Verletzten nur eingeschränkt möglich. Was laut der Verantwortlichen ein Grund für die sportliche Schieflage war. Die Winter-Vorbereitung, speziell das Trainingslager auf Mallorca, sollte dazu dienen, fehlende Automatismen einzustudieren. „Ich bin optimistisch, weil sich die Personalsituation aus meiner Sicht deutlich entspannt hat“, sagte Kohfeldt vor dem Abflug nach Mallorca. Der Trainer wollte auf der Urlaubsinsel „die Schwerpunkte setzen, die für uns im Abstiegskampf wichtig sind“. Am Ende waren es sieben Einheiten, die dort auf dem Platz stattfanden. Einen sichtbaren oder zählbaren Effekt hatte die Vorbereitung nicht: drei von vier Ligaspielen wurden verloren.

Wir können mit Rückschlägen umgehen

In Gesprächen mit Spielern und Verantwortlichen während des Winter-Trainingslagers auf Mallorca ging es immer wieder um dieses eine Thema: Es werde in der Rückrunde entscheidend sein, meinte Kohfeldt, „wie wir mit Rückschlägen, auch mit kleineren Rückschlägen, umgehen“. Leo Bittencourt betonte: „Auch wenn Rückschläge kommen, müssen wir trotzdem weitermachen.“ In der Hinrunde war Werder allzu leicht eingebrochen, wenn es mal nicht nach Plan lief. Am schlimmsten war es im Heimspiel gegen Mainz, in dem eine komplett wehrlose Bremer Mannschaft mit 0:5 unterlag. In der Winterpause sprach Kohfeldt also viel mit seinen Spielern über Rückschläge und wie man damit umgehen sollte. Die Spieler versicherten, sie hätten alles verstanden – nur verändert hat sich nichts. Die Partie gegen Hoffenheim war nach dem ersten Gegentreffer gelaufen. In Augsburg führte Werder sogar mit 1:0, doch nachdem der Gegner ausgeglichen hatte, tauchten die Bremer ab. Und auch gegen Union folgte nach dem 0:1 nur ein kurzes Aufbäumen, ehe sich das Team in sein Schicksal fügte.

Mit den Winterzugängen wird alles besser

Lange Zeit betonte Frank Baumann im vergangenen Jahr, dass in der Winterpause keine neuen Spieler geholt werden müssten. Nachdem die Mannschaft die vier letzten Hinrundenspiele allesamt verloren hatte, schlug Werder doch auf dem Transfermarkt zu. Ein dominanter Charakter fehle im Kader, erklärte Baumann. „In so einer krassen Situation wie im Dezember kann solch ein Spieler helfen.“ Also lieh Werder Kevin Vogt aus, der bei der TSG Hoffenheim immerhin Kapitän war, ehe er sich mit Trainer Alfred Schreuder überwarf. Vogt ist ein dominanter Spieler, auch Stürmer Davie Selke, der kurz vor Transferschluss von Hertha BSC kam, strahlt auf dem Platz Selbstvertrauen aus. Die Hoffnung, dass mit ihnen alles besser wird, ist jedoch geplatzt. Vogt und Selke zeigten durchaus schon ansprechende Leistungen, doch sie konnten bislang nicht dafür sorgen, dass die Mannschaft mehr Punkte holt. Im Mittelfeld fehlen derweil weiterhin die personellen Alternativen. Offenbar fand Werder in diesem Bereich keinen passenden Spieler. Baumann erklärte dazu: „Es ist auch eine Frage der Qualität der Spieler, die für gewisse Positionen zur Verfügung stehen und deren Verpflichtung umsetzbar ist.“

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