Zurückgeblättert: 30. August 2014

„Gezielte Botschaft“

Seit 1963 spielt Werder in der Bundesliga, mehr als fünf Jahrzehnte, in denen sich im Fußball, bei Werder und in der Berichterstattung viel verändert hat. Wir zeigen die Originaltexte und Zeitungsseiten.
30.08.2019, 12:32
Lesedauer: 3 Min
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Von (wkf)
„Gezielte Botschaft“
Weser-Kurier Archiv

Der WESER-KURIER schrieb am 30. August 2014:

Wenn man Robin Dutt richtig versteht, dann gibt es das Duell zwischen WerderBremen und 1899 Hoffenheim gleich doppelt. Das erste Duell findet heute im Weserstadion statt, um 15.30 Uhr, bei Werders erstem Bundesliga-Heimspiel dieser Saison. Das zweite Duell steigt an einem virtuellen Ort: auf dem Transfermarkt. Im ersten Duell, glaubt Bremens Trainer Dutt, habe sein Team eine Chance. Im zweiten nicht. Es ist kein Zufall, dass Dutt das Spiel seiner Bremer gegen Hoffenheim zum Duell zwischen David und Goliath stilisiert. Das gehört zu der Vorwärtsverteidigung, die er und Geschäftsführer Thomas Eichin seit Wochen praktizieren.

Sie betonen, wie begrenzt ihre Mittel sind, und zielen mit dieser Botschaft nach innen wie nach außen – Richtung Aufsichtsrat und Richtung Publikum. Übersetzt heißt die Botschaft: Wenn wir kein Geld für neue Spieler ausgeben dürfen, dann erwartet bitte auch keine Wunderdinge von uns! Der Gegner Hoffenheim kommt den Bremern ganz recht, denn er stellt mit seiner finanziellen Potenz einen hübschen Gegensatz
zu ihrem Sparkurs dar. Im Vergleich mit Hoffenheim will Dutt beweisen, dass der Tabellenstand nicht zwangsläufig dem Kontostand entsprechen muss. Dass Geld zwar meistens Tore schießt, ein leeres Portemonnaie aber manchmal auch. Die Bremer wollen arm, aber sexy sein.

„Am Samstag auf dem Platz entscheidet nicht das Geld“, sagt Trainer Dutt. Da werde die Partie „Auge in Auge“ entschieden: „Und mir fällt kein Grund ein, warum unsere Mentalität da nicht siegen sollte.“ Wie diese Mentalität aussieht, haben seine Spieler am vergangenen Wochenende in Berlin bewiesen, als sie einen 0:2-Rückstand gegen Hertha BSC in ein 2:2 verwandelten. Dutt ist immer noch stolz auf diesen Auftritt, er sagt: „Unsere Mentalität ist nicht im Vorbeigehen zu schlagen. Wir spielen Fußball mit Herz. Wir geben nie auf. Wir können alles raushauen, egal wie’s steht.“ Tatsächlich haben die Bremer in Berlin eine Stärke gezeigt, die man ihnen derart auffällig kaum zugetraut hatte: Sie haben ein Spiel gedreht, das schon verloren zu sein schien – obwohl sie keinen klassischen, gut sichtbaren Anführer haben, an dem sich alle aufrichten.

Offenbar funktionieren sie in kniffligen Lagen sehr gut als Kollektiv. Diese Eigenschaft könnte wertvoll werden in dieser Saison, denn knifflige Lagen werden die Bremer höchstwahrscheinlich noch häufiger erleben. Ob es schon heute so weit ist? Wirtschaftlich jedenfalls, betont Trainer Dutt, klaffe zwischen Werder und dem Gegner Hoffenheim „jetzt schon eine Riesenlücke“. In Hoffenheim stehe ja jederzeit „relativ kurzfristig Geld zur Verfügung. Das sieht bei uns natürlich anders aus.“ Dutt erinnert daran, dass Hoffenheim die Verträge mit
seinen Leistungsträgern Kevin Volland und Roberto Firmino verlängert hat, Werder hingegen seinen Regisseur Aaron Hunt ziehen lassen musste. Und er merkt an, dass die Hoffenheimer ihren Kader kostspielig verstärken konnten und nicht nach Spielern zum Nulltarif fahnden mussten.

„Sie setzen ihr Geld schon gut ein“, sagt Dutt. Weil das so ist, könne man „ganz realistisch Hoffenheims Möglichkeiten nicht mit denen von Werder vergleichen“, stellt der Trainer fest. Je kleiner Dutt die Perspektive seines Klubs macht, desto größer würde natürlich ein Sieg heute gegen Hoffenheim wirken – erst recht, weil der Gegner als Tabellenführer aus dem ersten Spieltag hervorgegangen ist. Ein Sieg wäre für den Trainer Dutt
und den Geschäftsführer Eichin auch Werbung in eigener Sache. Natürlich betonen sie zurecht, dass sie in der vergangenen Saison mit ihren begrenzten Mitteln vorangekommen sind; sie sind in der Tabelle um zwei Plätze geklettert und haben fünf Punkte mehr gesammelt als in der Spielzeit davor. Aber sie wissen auch, dass jetzt, da ihre Arbeit das Team immer stärker prägt, der nächste Schritt erwartet wird – kein Riesensatz,
aber ein kleiner wohl doch.

Ein Sieg bei der Heimpremiere dieser Saison wäre ein erster Hinweis darauf, dass Dutts und Eichins Rezept funktioniert: aus wenig Geld viel zu machen. Er würde allerdings auch die Bereitschaft des Aufsichtsrats nicht gerade vergrößern, doch noch einen prominenten Last-Minute-Transfer zu genehmigen, bevor am Montag das
Transferfenster in der Bundesliga schließt. Weil ein Sieg den Kontrolleuren zeigen würde: Es geht doch auch so.

Das hochauflösende PDF der originalen Zeitungsseite von damals gibt es hier. (bei iOS den Link länger gedrückt halten).

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