Wenn Kohfeldt nun Werders Abwehr umbaut

Groß wird zum Luxus-Problem

Wer hätte das gedacht? Christian Groß ist bei Werder längst mehr als ein Lückenfüller. Wenn nun die Stammkräfte in der Abwehr zurückkommen, steht Trainer Florian Kohfeldt vor einigen harten Entscheidungen.
02.10.2019, 14:38
Lesedauer: 4 Min
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Von Jean-Julien Beer
Groß wird zum Luxus-Problem

Sicher gegen den Weltmeister: Christian Groß ließ sich bei Werders 2:2 in Dortmund auch von Mario Götze nicht verrückt machen.

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Profifußball ist ein verdammt schnelllebiges Geschäft. Das erfährt Abwehrspieler Christian Groß derzeit jede Woche aufs Neue. Ursprünglich sollte sich der 30-Jährige im Sommer auf eine Regionalliga-Saison unter Werders neuem U23-Trainer Konrad Fünfstück vorbereiten. Stattdessen sammelte Groß inzwischen sechs Stück. An allen sechs Bundesligaspieltagen stand er in Werders Profi-Kader, zuletzt sogar dreimal in der Startelf: bei Union Berlin, gegen RB Leipzig und nun bei Borussia Dortmund.

Anfangs lautete die Frage noch, ob man ihm das DFB-Pokalspiel gegen Atlas Delmenhorst zutrauen könnte. Das ging dann aber ohne größere Probleme. Doch Bundesliga? Da war selbst Trainer Florian Kohfeldt mehr als skeptisch. Als jedoch nach Milos Veljkovic und Sebastian Langkamp auch noch Niklas Moisander und Ömer Toprak ausfielen, ging an Groß kein Weg mehr vorbei. Und Kohfeldt gab inzwischen nur zu gerne zu, dass er seine Meinung revidieren musste und er dem Kapitän der U23 anfangs vielleicht Unrecht getan hat. Heute weiß der Trainer: „Er kann auch Bundesliga spielen.“ Mindestens bis zur Winterpause will er Groß nun im Kader behalten. Und spätestens nach der guten Leistung gegen die Stars von Borussia Dortmund lautet die Frage nun: Kann man diesen Groß überhaupt aus der Startelf nehmen?

Baumann: „Groß hat nichts zu verlieren“

Frank Baumann jedenfalls war nach dem 2:2 beim BVB voll des Lobes für Werders Aushilfs-Verteidigung, die im Zentrum aus Groß und dem gelernten Außenbahnspieler Theo Gebre Selassie bestand. „Beide sind keine gelernten Innenverteidiger und spielen das in Dortmund so souverän runter“, staunte Werders Sportchef, „sie haben immer einen Fuß, ein Bein oder sonst ein Körperteil dazwischen bekommen. Es ist beeindruckend, wie ruhig das beide auch hinten heraus gespielt haben.“ Gerade Groß, wie Baumann betonte, „der kennt das ja noch nicht so, in großen Stadien zu spielen, das war schon sehr beeindruckend. Und dann auch noch nach einem Rückstand gegen diesen Gegner – das war wirklich top.“ Man sehe bei Groß, „dass der Junge nichts zu verlieren hat“, sagte Baumann, „er kann in der Phase jetzt nur gewinnen“.

Auch Linksverteidiger Marco Friedl, mit 21 Jahren im Vergleich zum neun Jahre älteren Groß noch ein Jungspund, lobte: „Christian Groß hat unglaublich gespielt.“ Friedl verteilte gleich an die gesamte Bremer „Not-Abwehr“ ein großes Kompliment. „Theo Gebre Selassie hat die Kopfbälle gewonnen, Michael Lang hat auf der rechten Seite stabil gestanden“, sagte der Österreicher, „nur so kannst du in Dortmund etwas mitnehmen. Und es konnte auch nur funktionieren, weil wir alles reingehauen haben.“

Kohfeldt will alles genau abwägen

Das freut natürlich auch Kohfeldt, der hart mit seinen Jungs gearbeitet hatte, um eine solche Leistung zu ermöglichen. Und doch steht der Trainer jetzt vor einem Luxusproblem. Auch wenn sich das angesichts der vielen verletzungsbedingten Ausfälle der vergangenen Wochen etwas schräg anhören mag. Nach Veljkovic und Langkamp soll nun auch Toprak ins Mannschaftstraining einsteigen, in der Länderspielpause nach dem Auswärtsspiel in Frankfurt soll dann auch noch die Rückkehr von Abwehrchef Moisander gelingen.

Groß weiß natürlich, dass das für ihn persönlich nach den traumhaften Wochen in der Bundesliga keine guten Nachrichten sind. Aber er weiß auch, dass er keine Ansprüche stellen kann und weiterhin kein gestandener Bundesligaprofi ist. „Jetzt war es Dortmund, wenn es am Wochenende Frankfurt wird, dann ist es toll. Und wenn es nicht so wird, dann ist es halt so“, sagt Groß, „es ist ein unglaubliches Privileg, dass ich in der Bundesliga und vor so einer Kulisse spielen durfte.“

Kohfeldt spricht von einer harten, aber professionellen Aufgabe, die ihm da bevorstehe, um diese Abwehr nun wieder umzubauen. „Das muss man alles genau abwägen“, erklärt Werders Cheftrainer, „die Jungs haben echte Bewerbungsschreiben abgegeben auf diesen Positionen. Trotzdem bin ich froh über jede Qualität, die wieder zurückkommt.“ Und dann sagt Kohfeldt den entscheidenden Satz, von dem sich fortan jede Aufstellung in der Bremer Defensive ableiten lässt: „Wir haben zwei absolute Führungsspieler in der Innenverteidigung, die gerade verletzt sind. Das sind Ömer Toprak und Niklas Moisander. Und an ihrer Führungsrolle wird sich auch nichts ändern.“

Eine Dreierkette als Dauer-Lösung?

Das bedeute aber nicht automatisch, „dass die anderen raus müssen“, erläutert Kohfeldt, „sondern es gibt ja noch ein paar andere taktische Varianten“. Zum Beispiel eine Fünfer- oder Dreierkette. Bei dieser Variante könnte zum Beispiel Gebre Selassie ebenso wie Friedl als Innen- oder als Außenverteidiger agieren, auch Groß könnte in manchem Spiel neben Toprak und Moisander die Dreierkette ergänzen.

Gebre Selassie, der sich gerade um eine Verlängerung seines auslaufenden Vertrages um ein Jahr bei Werder bewirbt, muss nach Kohfeldts Überlegungen nicht zwingend wieder zurück auf die Außenbahn, zumal sich Neuzugang Michael Lang dort gerade festspielt. „Theo war schon vor der Saison eine Option als Innenverteidiger“, lässt der Trainer durchblicken, „das hatten wir mit ihm auch besprochen. Das kam jetzt deutlich schneller als geplant. Ich glaube, wenn man sich nur seine Fähigkeiten anschaut: Kopfballspiel, Schnelligkeit, Passspiel, mutiges nach vorne verteidigen – da passt schon viel für einen guten Innenverteidiger. Gerade das Thema Dreierkette kommt ihm zugute, weil er dann mehr Kreativität im Spiel nach vorne haben kann. Manchmal sagt er, es sei ihm zu langweilig da hinten.“

Bei aller Fußballromantik rund um eine Personalie wie Groß weiß Kohfeldt natürlich, dass die Bundesliga ein recht gnadenloser Ergebnissport ist. Deshalb rüttelte er auch nach dem guten Spiel und dem verdienten 2:2 in Dortmund alle auf: „Wir dürfen nicht den Fehler machen, zu glauben, alles ist gut. Gar nichts ist gut! Wir sind mitten in der Saison und müssen weiter arbeiten.“ Immerhin gibt es dabei nun aber mehr Optionen. Vor allem in der Abwehr. Und das klingt für Bremer Ohren nun wirklich nach Luxus.

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