Werder Bremen Große Aufregung um ein kleines Plakat

Bremen. Zwei Werder-Fans haben im Bundesligaspiel gegen Schalke 04 wenige Sekunden ein Plakat mit der Aufschrift "Schaaf raus" hochgehalten. Beim zweiten Mal haben ihnen Ordner das unerwünschte Transparent entrissen.
08.05.2012, 05:00
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Große Aufregung um ein kleines Plakat
Von Marc Hagedorn

Bremen. Nils Liesner war mit neun Jahren zum ersten Mal im Weserstadion, 1994 war das. Fünf Jahre später hat er sein Aha-Erlebnis. Es ist Dienstag, der 11. Mai 1999, Schalke kommt nach Bremen, und an der Seitenlinie gibt ein neuer Trainer sein Debüt in der Bundesliga: Thomas Schaaf. Der Rest ist längst Legende: Werder verhindert unter Neuling Schaaf den Abstieg in die zweite Liga. Ein 1:0 über Schalke ist an jenem Abend der Beginn einer überaus erfolgreichen Ära.

Am vergangenen Sonnabend war wieder Schalke zu Gast im Weserstadion, und natürlich war auch Nils Liesner wieder da. Stehplatz, Ostkurve, gemeinsam mit seinen Freunden aus dem Fanklub "Gruppo Furioso". Vor dem Spiel hatten Liesner und sein Kumpel Benjamin Ress etwas getan, was sie lange Jahre nicht für möglich gehalten hätten. Sie hatten ein Plakat gebastelt, zwei Meter mal 50 Zentimeter groß, Aufschrift "Schaaf raus". Eine klare Botschaft, wie man sie im Weserstadion vorher noch nie gelesen hatte.

Als die Mannschaften am Sonnabend aufs Spielfeld laufen, halten die beiden Werder-Fans aus Bremen eine halbe Minute lang das Spruchband in die Höhe. Dafür hätten sie von den Umstehenden sowohl Lob als auch Kritik bekommen. Weil auf dem Rasen wenig später die Spieler verabschiedet wurden, die Werder verlassen, packen sie das Plakat bald wieder weg. "Um diese Verabschiedung nicht zu stören", sagt Liesner.

Nach Spielschluss wiederholen er und Ress die Aktion, die diesmal nach wenigen Sekunden jedoch unterbunden wird. Zwei Ordner des Sicherheitsdienstes "Elko&Werder Security GmbH" hätten ihnen "ohne irgendeine Vorwarnung das Banner rasch entrissen", wie Ress es schildert. Für ihn und seinen Freund Liesner eine absolut unangemessene Vorgehensweise. Zumal sie beim Verlassen des Stadions vor dem Ostkurvensaal von Elko-Mitarbeitern auch noch "beleidigt und angepöbelt" worden seien, Begriffe wie "Schlappschwänze" und "Feiglinge" seien gefallen. "Es kann aber doch nicht sein, dass man als Werder-Fan, der sein Recht auf Meinungsäußerung auslebt, Angst haben muss, im Stadionumfeld von den ,eigenen’ Ordnern mit offenen Gewaltandrohungen konfrontiert zu werden", findet Ress.

Kein Widerspruch vonseiten der Sicherheitsfirma. "Wenn jemand im Stadion seine Meinung äußern will, dann darf er das auch tun, ganz klare Sache", sagt Elko-Sicherheitsbeauftragter Lars Mühlbradt. Allerdings gebe es Grenzen, und zwar dann, wenn beispielsweise "diffamierendes, diskriminierendes oder rechtsradikales Gedankengut" transportiert werde, so Mühlbradt. Das sei bei dem Schaaf-Plakat aber nicht der Fall gewesen. Dass Elko-Ordner trotzdem gegen Liesner und Ress vorgegangen seien, "war mit mir nicht abgestimmt", sagt Mühlbradt, der am Sonnabend selbst als Elko-Sicherheitschef im Weserstadion im Einsatz war. "Wir recherchieren diesen Fall jetzt selbst, weil natürlich auch wir wissen wollen, wie es nun ganz genau abgelaufen ist." Die Vermutung liege nahe, dass die Mitarbeiter auf Eigeninitiative gehandelt hätten.

Dass sie auf Anweisung von Werder reagiert hätten, schloss Mühlbradt aus. Werder ist zwar mit 49 Prozent an der "Elko&Werder Security GmbH" beteiligt. "Aber es gab in diesem Fall keine Direktive von Werder, einzugreifen", sagt Mühlbradt. Das habe man ja auch bei anderen werder-kritischen Plakaten an diesem Tag nicht getan. Auf einem Banner hatte es beispielsweise geheißen: "Lemke (rück die Kohle) raus". "Und als das ausgerollt wurde, ist nichts passiert", so Mühlbradt.

Nur einmal schritten die Ordner tatsächlich auf Weisung von Werder ein, und zwar als eine Ultragruppe ein Banner mit der Aufschrift "ACAB", "All Cops Are Bastards", zu deutsch "Alle Polizisten sind Bastarde", aufgehängt hatten. "Das war am Sonnabend die einzige Meinungsäußerung, die wir nicht toleriert haben", sagt Werders Mediendirektor Tino Polster.

Fans wie Liesner und Ress sind trotzdem verunsichert. Sie begreifen sich nicht als extreme Fans oder Ultras, sondern als "ganz normale" Werder-Anhänger, die sich um den Verein sorgen. Nur deshalb wollten sie ein Statement abgeben. Liesner, der seit 2000 eine Dauerkarte besitzt, und der mit Werder "auch in die zweite Liga gehen" würde, sagt: "Mir liegt sehr viel an dem Verein. Wir wissen, was Thomas Schaaf für Werder alles geleistet hat, aber seit längerer Zeit finden wir, dass es einfach nicht mehr passt." Ein Plakat wie "Schaaf raus" würde er wieder hochhalten.

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