Werders Fußballer bauen ihre Siegesserie aus Grün-weißes Glück

Eine Halbzeit lang wie ein Absteiger gespielt und trotzdem gewonnen: Werder hat sich im Heimspiel gegen Darmstadt 98 in der ersten Hälfte blamiert, nach der Pause eine solide Leistung gezeigt und dann 2:0 gewonnen.
05.03.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Andreas Lesch und Nikolai Fritzsche

Eine Halbzeit lang wie ein Absteiger gespielt und trotzdem gewonnen: Werder hat sich im Heimspiel gegen Darmstadt 98 in der ersten Hälfte blamiert, nach der Pause eine solide Leistung gezeigt und dann 2:0 gewonnen.

Am Ende lagen sich dann doch noch alle in den Armen. Sie hüpften und tanzten, sie ließen ihre Fan-Schals kreisen und klatschten im Takt der Musik. Was aussah wie unbeschwerte grün-weiße Glückseligkeit, war in Wahrheit aber nichts als Erleichterung. Werders Anhänger feierten in diesem Moment am Sonnabendnachmittag nicht nur Max Kruses Treffer zum 2:0 gegen Darmstadt 98 (90.+2). Sie feierten auch das Glück, dass ihr Lieblingsteam seine schlechteste Hälfte unter dem Trainer Alexander Nouri unbeschadet überstanden hatte.

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Einerseits haben die Bremer durch ihren Erfolg jetzt drei Punkte aus den jüngsten drei Spielen geholt – die maximal mögliche Ausbeute. „Die Punkte tun gut, keine Frage”, sagte Nouri. Andererseits gab ihr Auftritt gegen den Tabellenletzten Anlass zu größter Sorge. In den ersten 45 Minuten erspielten sich die Bremer keine einzige Torchance. Nach 25 Minuten lautete das Ecken-Verhältnis allen Ernstes 0:6. Die Bremer ließen ihrem Gegner absurd viel Platz, sie waren ihm nicht nur kämpferisch klar unterlegen, sondern auch spielerisch. Ihre Abstimmungsprobleme waren so gewaltig, als würden sie zum ersten Mal in ihrem Leben zusammen auf dem Platz stehen.

Ein Plan, der nichts bringt

Bezeichnend für die grün-weiße Orientierungslosigkeit war eine Szene in der 14. Minute: Theo Gebre Selassie lief von hinten auf Fin Bartels auf, und beide stürzten zu Boden, nahe am eigenen Strafraum. Da lachte manch ein Werder-Fan bitter. Da dachten viele: Das gibt's doch gar nicht.

Was in diesen ersten 45 Minuten los war, konnte später niemand so richtig erklären. „Die einen sind draufgegangen, die anderen sind hinten geblieben”, sagte Mittelfeldmann Maximilian Eggestein. „Wir wollten beides, ein Wechselspiel. Aber wir haben’s als Team nicht hinbekommen.” Nouri betonte: „Wir hatten einen klaren Plan, wie wir’s machen wollten.” Er räumte ein, der beste Plan bringe nichts, wenn eine Mannschaft nicht mit dem nötigen Aufwand spiele. Wie genau der Plan aussah, verriet Nouri nicht. „Wir haben nicht genug investiert. Wir haben die Wege nicht gemacht”, kritisierte er. „Ich weiß nicht, ob die Erwartungshaltung die Beine ein wenig schwer gemacht hat.”

Nouri war ziemlich sauer über den Auftritt seiner Spieler, und er verbarg seine schlechte Laune in der Halbzeitpause nicht. Linksverteidiger Robert Bauer erläuterte, wie diese Laune geklungen hat. „In der Halbzeit gab es relativ deutliche Worte vom Coach”, sagte er. „Er hat uns gesagt, dass wir zehn Kilometer weniger gelaufen sind als Darmstadt.” Bauer konnte die Kritik des Trainers verstehen, er fand sich und seine Bremer Kollegen ja selbst schlecht. „Wir waren schläfrig. So wollen wir zu Hause nicht auftreten”, sagte er. Und rätselte: „Ich weiß nicht, warum wir in letzter Zeit immer nur eine Halbzeit gut spielen.”

Die Bremer hatten Glück, dass sie zur Pause nicht in Rückstand lagen. Felix Wiedwald parierte einen Kopfball von Jerome Gondorf exzellent (3.), Antonio-Mirko Colak setzte einen weiteren Kopfball an den Pfosten (8.). Nach 45 Minuten erst erspielten die Bremer sich ihre erste Mini-Chance: Serge Gnabry beförderte den Ball Richtung Tor. Das war allerdings kein Torschuss, das war ein Torschüsschen. Kein Wunder, dass Darmstadts Trainer, der langjährige Werderaner Torsten Frings, sagte: „Werder hatte Riesenprobleme in der ersten Halbzeit.”

Danach immerhin wurden die Bremer besser. Angetrieben vom enorm laufstarken Max Kruse drängten sie jetzt nach vorn. Sie wirkten endlich mal, als wüssten sie, was sie wollen. Prompt erspielten sie sich Chancen: Claudio Pizarro (47.) und Gebre Selassie (51.) köpften den Ball am Tor vorbei – jeweils freistehend und nach Flanken von Kruse. Pizarro sagte, der Ball sei „sehr schwierig für mich” gewesen. Er habe nicht damit gerechnet, dass der Darmstädter Peter Niemeyer ihn durchsegeln lässt.

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Am Bremer Führungstor war Pizarro dann trotzdem beteiligt. Nach einer Hereingabe von Serge Gnabry verpassten Pizarro und sein Gegenspieler Aytac Sulu den Ball. Danach aber brachte Sulu den Bremer zu Fall. „Ganz klar” sei das ein Elfmeter gewesen, sagte Pizarro. Auch Darmstadts Trainer Frings befand: „War ein klares Foul, brauchen wir nicht drüber reden.” Kruse verwandelte den Strafstoß gelassen zum 1:0 (75.). Auch beim zweiten Treffer zeigte er seine Klasse; er schob den Ball nach Vorarbeit von Fin Bartels elegant ins Netz.

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Ein Ziel, das reizt

Doch die Bremer wussten, dass diese beiden Treffer ihre anfangs so schlechte Leistung nicht vergessen machen konnten. Nouri formulierte: „Für die erste Halbzeit möchte ich mich entschuldigen. Für die zweite Halbzeit möchte ich mich bedanken. So ambivalent war dieses Spiel.” Frings fand ein knapperes Fazit: „Nicht die bessere Mannschaft hat gewonnen, sondern die glücklichere.” In der Tabelle aber ist Glück keine Kategorie; dort helfen den Bremern die drei Punkte im Abstiegskampf enorm weiter.

Am nächsten Freitag treten sie bei Bayer Leverkusen an. Ob sie dort den vierten Sieg in Serie schaffen? Maximilian Eggestein sagte: „Das ist das Ziel.” Der Weg zu diesem Ziel wird durch zwei Verletzungen erschwert: Die Mittelfeldspieler Zlatko Junuzovic und Clemens Fritz mussten in der Partie gegen Darmstadt schon in der ersten Hälfte vom Feld; wie lange sie ausfallen, ist unklar. Trainer Nouri berichtete, Kapitän Fritz sei umgeknickt und habe Schmerzen im Sprunggelenk. Bei Junuzovic habe der Rücken blockiert und daraufhin die hintere Oberschenkelmuskulatur gestreikt. Die beiden standen schon nicht mehr auf dem Platz, als die Bremer ihren schlechten Tag doch noch gut enden ließen.

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