Ein Vergleich der Traditionsclubs

Wie der VfB Stuttgart Werder überholt hat

Als Aufsteiger sorgt der VfB Stuttgart in der Bundesliga für Furore, Bremen hat sich im Mittelfeld der Liga etabliert. Ein Vergleich beider Teams vor dem Duell am Ostersonntag.
04.04.2021, 10:54
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Von Björn Knips
Wie der VfB Stuttgart Werder überholt hat

Zwei der wertvollsten Spieler ihrer Teams: Stuttgarts derzeit verletzter Silas Wamangituka und Werder Bremens Ludwig Augustinsson.

Cathrin Müller / imago

In der ewigen Bundesliga-Tabelle belegen der SV Werder Bremen und der VfB Stuttgart die Plätze drei und fünf. Von einem Spitzenspiel ist das Aufeinandertreffen der beiden Traditionsvereine am Sonntag in Stuttgart (15.30 Uhr) aber ziemlich weit entfernt. Allerdings auch von einem Kellerduell. Der VfB sorgt als Aufsteiger mit Offensiv-Fußball durchaus für Furore und hat Werder in der Wahrnehmung der Fußball-Genießer rasant überholt. Die Bremer sind nach dem Fast-Abstieg und großen finanziellen Problemen erst mal zufrieden, als graue Maus im gesicherten Mittelfeld zu stehen. Dies ist einer von aktuell mehreren große Unterschieden bei den Teams, es gibt aber auch einige Parallelen. Ein Vergleich:

Die Vergangenheit
Werder und der VfB – das sind zwei erfolgreiche Traditionsclubs, deren Glanz stark verblasst ist. Den VfB hat es in der jüngeren Vergangenheit schon zwei Mal böse erwischt: 2016 und 2019 ging es runter in Liga zwei, danach aber sofort wieder hoch. Werder verhinderte im vergangenen Sommer den zweiten Abstieg nach 1980 noch gerade so.

Der letzte Bremer Titelgewinn liegt bereits zwölf Jahre zurück, es war der DFB-Pokalsieg 2009. Die Stuttgarter feierten mit der Meisterschaft 2007 – ihrer fünften insgesamt – den letzten großen Erfolg. Dazu kommen noch drei Pokalsiege. Werder bringt es auf vier Meisterschaften, die letzte 2004, und sechs Pokalsiege. Plus der Triumph im Europapokal der Pokalsieger. International waren die Grün-Weißen allerdings 2010 zum letzten Mal dabei, der VfB 2013 – so geraten diese Traditionsvereine in Europa mehr und mehr in Vergessenheit.

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Die aktuelle Form
Das letzte Bundesligaspiel haben beide Clubs verloren – Werder gegen Wolfsburg (1:2) und der VfB gegen Bayern (0:4). Die Schwaben holten allerdings aus den vergangenen fünf Partien ordentliche zehn Punkte, bei den Bremer waren es sieben. Der VfB darf mit 36 Punkten noch vom internationalen Geschäft träumen, Werder mit 30 Zählern immerhin vom frühen Klassenerhalt. Bitter für Stuttgart: Die Top-Stars Nicolas Gonzalez, Silas Wamangituka und Orel Mangala sind verletzt.

Der derzeitige Wert
Das Branchenportal „transfermarkt.de“ hat frische Zahlen veröffentlicht – und das war durchaus positiv aus Werder-Sicht: Der Wert des Kaders hat die 100-Millionen-Euro-Schallmauer durchbrochen, wenn auch mit 102,4 Millionen Euro nur knapp. Der VfB bewegt sich da mit einem für einen Aufsteiger bemerkenswerten Kaderwert von 170,5 Millionen Euro in ganz anderen Sphären. Allein Nicolas Gonzalez, Silas Wamangituka (jeweils 25 Millionen Euro), Orel Mangala (22 Mio.), Sasa Kalajdzic (17 Mio.) und Borna Sosa (12 Mio.) sind zusammen fast so wertvoll wie der komplette Bremer Kader. Dort schaffen es nur Milot Rashica (12 Mio.), Maximilian Eggestein (11 Mio.) und Ludwig Augustinsson (10 Mio.) in den zweistelligen Bereich. Die heißeren Fußball-Aktien besitzt also definitiv der VfB.

Aber Vorsicht: Es handelt sich lediglich um Schätzungen. Und gerade das Beispiel VfB zeigt, wie rasant sich diese Zahlen verändern können. Vor der vergangenen Saison wurde Stuttgarts Zweitliga-Kader mit 70 Millionen Euro bewertet und der von Werder nach der knapp verpassten Rückkehr nach Europa mit 135 Millionen.

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Die Mannschaften
Der VfB ist jünger, schneller, zweikampfstärker, aber nicht so lauffreudig wie Werder. Mit einem Durchschnittsalter von 23,86 Jahren aller eingesetzten Spieler ist der VfB nach 26 Partien laut ran-Datenbank Bundesliga-Spitze, Werder mit 24,86 Jahren Elfter. Die Schwaben sprinten wesentlich häufiger als die Hanseaten, belegen im Bundesliga-Ranking Platz zwei, Werder ist dort Letzter. Mit 35,42 km/h gehört Silas Wamangituka zur Top-Ten, der beste Bremer ist über einen Stundenkilometer langsamer: Davie Selke mit 34,19. Auch beim Ballbesitz sowie der Pass- und Zweikampfquote hat der VfB die Nase vorne. Immerhin läuft Werder etwas mehr pro Spiel und wird so oft gefoult wie kein anderes Team in der Liga.

Die Trainer
Pellegrino Matarazzo (43) ist zwar fünf Jahre älter als sein Bremer Kollege Florian Kohfeldt (38), aber als Trainer in der Bundesliga unerfahrener. Während Kohfeldt seit Herbst 2017 bei Werder das Sagen hat, bekam Matarazzo erst im Dezember 2019 seine Chance als Chefcoach bei den Profis – damals noch in der Zweiten Liga beim VfB. Er schaffte mit den Stuttgartern sofort den Aufstieg und erlebt nun eine sorgenfreie Premieren-Saison im Fußball-Oberhaus. Als Spieler schafften es beide Trainer nicht nach ganz oben, bei Kohfeldt war als Keeper in der Bremen-Liga Schluss, bei Matarazzo als Defensivspezialist in der Regionalliga.

Die Macher
Ex-Profi Thomas Hitzlsperger ist als Vorstandsvorsitzender der starke Mann beim VfB, liegt aber im Dauer-Clinch mit Club-Präsident Claus Vogt. Das sorgt immer wieder für Unruhe bei den Schwaben. Der heimliche Star ist allerdings Sportdirektor Sven Mislintat, der als einer der besten Kaderplaner in der Bundesliga, vielleicht sogar in Europa, gilt. Er entdeckte zum Beispiel Silas Wamangituka in der zweiten französischen Liga. Doch der 21-jährige Stürmer fällt nun mit einem Kreuzbandriss lange aus.
So schnell kann das eben auch bei Topstars gehen – Werder kennt das von Niclas Füllkrug. Sportchef Frank Baumann behält trotzdem immer die Ruhe. Er plant mit Clemens Fritz den Kader und bestimmt mit seinem Geschäftsführer-Kollegen Klaus Filbry die Geschicke des Clubs. Aufsichtsratschef Marco Bode sorgt für die nötige Rückendeckung. Allerdings könnte eine Opposition mit TV-Moderator Jörg Wontorra an der Spitze für Veränderungen sorgen. Unumstritten ist die Bremer Führungsriege nicht mehr.

Gehaltskosten
Nach dem Abstieg 2019 musste der VfB seine Gehaltskosten drastisch zurückfahren. Es folgte der sofortige Wiederaufstieg, aber auch die Coronakrise. Deshalb wurde der Personaletat der Profis – anders als geplant – nur von angeblich 40 auf 45 Millionen Euro erhöht. Werder zahlt seinen Spielern zwar mehr, es lief allerdings auch umgekehrt. Um die Kosten um zehn Prozent auf etwa 52 Millionen Euro zu senken, wurden auslaufende Verträge gerade mit älteren Spielern nicht verlängert.

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Die Finanzen
Beide Clubs mussten sich Geld leihen, um die Coronakrise mit den ausbleibenden Zuschauereinnahmen zu überstehen. Der VfB Stuttgart erhält nun 25 Millionen Euro von der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Auch Werder wollte sich ursprünglich von der KfW Geld leihen, doch das dauerte alles sehr lange. Im Dezember sorgte eine Bürgschaft des Landes Bremen dafür, dass Werder von drei Banken 20 Millionen Euro bekam. Weil das Geld nicht reichen würde, falls auch in der neuen Saison keine Tickets verkauft werden können, möchte sich Werder nun mit einer Mittelstandsanleihe in ähnlicher Größenordnung absichern.

Die Vereine
Mit 71.500 Mitgliedern gehört der VfB zu den zehn größten Vereinen Deutschlands, Werder hat rund 40.000. Seit 2003 haben die Bremer ihren Profi-Fußball und ein paar andere Sportarten in eine GmbH & Co. KG Aa ausgelagert. Der VfB hat es 2017 ähnlich gemacht, die Fußballer firmieren nun unter der VfB Stuttgart 1893 AG – einer nicht börsennotierten Aktiengesellschaft. Dabei wurden sofort 11,75 Prozent der Anteile an den Investor Daimler AG verkauft. Ein Großteil der 41,5 Millionen Euro wurde in neue Spieler investiert, trotzdem stieg der VfB 2019 erneut ab. Werder hat bislang darauf verzichtet, Anteile zu verkaufen.

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