Werder Bremen - Borussia Mönchengladbach Hahn: "Großes Kompliment" an Werder

2010 spielte André Hahn noch in der Regionalliga beim FC Oberneuland. Nun steht er mit Borussia Mönchengladbach vor dem Bundesligaspiel gegen Werder mit einem Bein in der Champions League.
15.05.2015, 00:00
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2010 spielte André Hahn noch in der Regionalliga beim FC Oberneuland. Nun steht er mit Borussia Mönchengladbach vor dem Bundesligaspiel gegen Werder mit einem Bein in der Champions League. Mit Timo Sczuplinski spricht Hahn über magere Monate in Bremen, einen knapp verpassten Wechsel zu Werder und seine besondere Verbindung zu Tiefkühlpizzen.

Herr Hahn, Mittwoch muss ein besonderer Tag für Sie gewesen sein.

André Hahn: Oh, da muss ich kurz überlegen ... helfen Sie mir auf die Sprünge?

Der 13. Mai, der Tag Ihres Länderspieldebüts vor einem Jahr. Ein 0:0 gegen Polen in Hamburg.

Ach so, ja natürlich. Ich bin eingewechselt worden. Das war ein Riesenerlebnis damals. Aber auch schon wieder so lange her. Im Profigeschäft geht alles so schnell.

So schnell, dass Sie in der nächsten Saison schon Ihr Debüt in der Champions League feiern könnten. Dabei war vor wenigen Jahren noch gar nicht absehbar, dass Sie überhaupt Profi werden. Müssen Sie sich manchmal kneifen?

Kneifen nicht direkt. Aber wenn ich mit meiner Familie über diese Entwicklung rede, können wir es manchmal immer noch kaum fassen. Das ist schon Wahnsinn. Wenn alles nach Plan läuft, höre ich nächstes Jahr die Champions-League-Hymne auf dem Platz. Das ist doch irre. Da ist man auch sehr stolz drauf.

2010 spielten Sie noch beim FC Oberneuland in der Regionalliga. Da war die Champions League ganz schön weit weg.

Und wie. Das war eine interessante Zeit damals in Bremen. Sportlich lief es ganz okay. Ich bekam meine Einsatzzeiten. Alles andere lief nicht so berauschend. Deswegen war ich ja auch nur ein halbes Jahr dort.

Der Verein hatte die Gehälter damals nur unregelmäßig bezahlt.

Es war finanziell eine schwierige Zeit. Wenn man nicht so viel verdient und dieses Geld dann auch nicht so regelmäßig kommt, dann ist es nicht immer leicht. Ich habe in einer Fünfer-WG gelebt, mit vier Mitspielern, in der Nähe vom Weserstadion. Jeder musste seine Ausgaben irgendwie managen. Jeder musste irgendwie leben. Ich hatte Glück, dass ich da meine Familie hatte, die mich sehr unterstützt hat.

Gab es eine Haushaltskasse in Ihrer WG?

Nicht direkt. Aber es kam schon mal vor, dass wir geguckt haben, wer am meisten Sprit im Tank hatte. Und dann haben wir uns mit unseren Sporttaschen zu fünft in ein Auto gequetscht und sind zum Training gefahren. Als Sportler haben wir uns auch nicht immer nur von gutem Essen ernährt.

Was gab’s denn?

Es gab das, was wir für wenig Geld bekommen haben. Das war öfter mal eine Tiefkühlpizza. Da hat man in manchen Supermärkten für 99 Cent drei Stück bekommen. Das war ziemlich gut. Da konnte man dann wieder eineinhalb Tage von leben.

Hatten Sie damals große Zweifel, ob es mit der Profikarriere noch was wird?

Ich habe darüber oft mit meinem Vater gesprochen. Wir haben überlegt: Wie geht es weiter? In Oberneuland habe ich zwar gespielt, aber wir standen ziemlich weit unten in der Tabelle, ich hatte bis dahin kein Tor geschossen. Da ist es schwierig, dann noch mal eine Liga höher zu kommen. Oder überhaupt irgendwo unterzukommen. Zuvor in Hamburg war ich ja in einer ähnlich schwierigen Situation.

In welcher?

Als Nachwuchsspieler beim HSV lief mein Vertrag vor meinem Wechsel zum FCO aus, es gab aber Signale für eine Verlängerung. Der HSV hatte damals aber keinen Sportdirektor. So ging die Zeit ins Land. Irgendwann wurde dann gar kein Vertrag mehr verlängert. Und dann stand man da, weil alle Vereine ihre Kader schon fest hatten. Als HSV-Fan vom Dorf wäre für mich damals ein Traum in Erfüllung gegangen. Aber so musste ich umplanen.

Hatten Sie in Ihrer Bremer Zeit schon einen Ersatzplan?

Ich hatte die Kündigung beim FCO damals ja zum Winter hin eingereicht, weil es so einfach nicht mehr weitergehen sollte. Da stand noch nicht fest, dass ich mit Fußball so weitermache. Mein Vater hatte ein eigenes Versicherungsbüro. Da hätte ich eine Ausbildung gemacht. Und das Büro ein paar Jahre später wahrscheinlich übernommen. Aber so, wie es dann lief, bin ich mit meiner Berufswahl doch zufriedener.

Sie bekamen ein Angebot vom Drittligisten TuS Koblenz. Über Offenbach ging es nach Augsburg und Gladbach. Wann haben Sie gemerkt: Jetzt läuft’s!

Mit entscheidend waren die Pokalspiele in Offenbach, in denen ich mich gegen einige Erstligisten hervorgetan habe. Dann kam das Angebot aus Augsburg, die damals noch in der zweiten Liga gespielt haben. Aber da wusste ich dann: Hey, jetzt kriegst du echt die Chance, im Oberhaus spielen zu dürfen.

Wie sehr hat das Ihren Willen noch einmal gekitzelt?

Ich glaube, dass mein Ehrgeiz ohnehin einfach größer ist als mein Talent. Aber natürlich habe ich auch viel Talent, sonst wäre ich nicht bis nach oben gekommen.

Auch Werder soll zwischendurch Interesse an Ihnen gehabt haben.

Ja, das war mal im Gespräch, als ich noch in Koblenz war. Aber als Werder anfragte, hatte ich einen Tag zuvor schon bei Kickers Offenbach unterschrieben.

Hätten Sie sich vielleicht anders entschieden, wenn die Bremer einen Tick schneller gewesen wären?

Es wäre für mich natürlich interessant gewesen. Das ist ja meine Heimat da oben. Aber das war dann keine Option mehr für mich. Und ich will die Zeit in Offenbach auch nicht missen, wer weiß, wie die Entwicklung sonst gelaufen wäre …

Können Sie das Profigeschäft angesichts Ihrer Entwicklung mehr genießen?

Ich glaube schon, dass ich eine andere Sichtweise habe als einer, der über die Jugendteams und das Internat nach oben kommt.

Inwiefern?

Für mich ist das hier alles nicht selbstverständlich. Ich genieße es jederzeit. Das ist auch der Grund, warum ich in der Rückrunde ruhig geblieben bin, obwohl ich nicht mehr so oft gespielt habe. Ich habe keinen Stunk gemacht, wollte keine Unruhe reinbringen. Sondern habe weiter Gas gegeben.

Wie gehen Sie mit diesem kleinen Tief um?

Es kann eben nicht immer so steil bergauf gehen. Für mich persönlich lief die Rückrunde jetzt nicht so gut, aber dafür für die Mannschaft umso besser. Meine Achillessehnen-Verletzung hatte mich zurückgeworfen. Und wir hatten nicht mehr so viele englische Wochen in der Rückrunde. Also auch nicht mehr so viel Wechselbedarf. Ich muss nun die Sommerpause nutzen, dann werden die Karten neu gemischt. Aber auch mit diesem ersten Jahr in Gladbach kann ich sehr zufrieden sein.

Auf Ihrer Außenposition ist die Konkurrenz mit Patrick Herrmann und Ibrahima Traoré sehr groß. Müssen Sie sich auf dem Platz künftig stärker umorientieren?

Ich war früher Mittelstürmer. Ich habe da viel mit dem Trainer drüber gesprochen, habe ihm auch vorgeschlagen, dass ich da spielen kann. Er hat es ausprobiert und war da sehr zufrieden mit mir. Natürlich würde ich aber auch sehr gerne meine Außenposition wieder bekommen. Da habe ich es bis zur Nationalmannschaft gebracht.

Wie Sie hat sich auch Ihr Klub in den letzten Jahren nach oben zurückgekämpft. Passen Sie besonders gut zusammen?

Ja, das passt wirklich sehr zueinander. Deshalb bin ich damals ja auch hierhergekommen. Weil man hier nicht sofort Bäume ausreißen will, sondern sich alles über Jahre Schritt für Schritt erarbeitet hat.

Wie sehr stören da aktuell die Abgänge von Weltmeister Christoph Kramer und Stürmer Max Kruse?

Klar tun solche Abgänge von Kruse und Kramer schon weh. Aber wir haben mittlerweile die Qualität, so etwas auch auffangen zu können. Finanziell hat der Klub bessere Möglichkeiten als noch vor fünf Jahren. Wir werden Neuzugänge bekommen. Da kann Gladbach auch mit der Teilnahme am Europapokal, vielleicht ja sogar mit der Champions League, locken.

Ist der Gladbacher Höhenflug auch ein Vorbild für die anderen Traditionsvereine, dass mit weniger Geld ganz oben in der Tabelle doch noch etwas möglich ist?

So kann man das sehen. Gerade bei Werder geht es ja derzeit auch wieder steil nach oben. Warum sollten sie nicht einen ähnlichen Weg gehen? Den Bremern muss man ein großes Kompliment machen, was sie für eine Rückrunde hingelegt haben. Das macht die Sache am Wochenende nicht einfacher für uns. Aber mir wäre es lieber, wenn wir jetzt schon die nötigen Punkte zur endgültigen Qualifikation für die Champions League holen. Dann ist alles im Sack.

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