Heidenheims Trainer im Interveiw "Wir sind unseren Weg gegangen"

Wer über Heidenheim spricht, landet bei einem Namen: Frank Schmidt. In seiner Geburtsstadt trägt der 47-Jährige seit 2007 Verantwortung. Im Interview spricht er über die verlorene Relegation gegen Werder.
29.09.2021, 20:09
Lesedauer: 7 Min
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Von Hans-Günther Klemm

Herr Schmidt, denken Sie noch häufig an die Relegation gegen Werder aus dem Sommer 2020 zurück?

Nur, wenn ich wie jetzt von anderen darauf angesprochen werde. Mein Motto lautet: Was ich nicht ändern kann, damit beschäftige ich mich nicht mehr. Für mich zählt nur die Gegenwart.

Der Aufstieg in die Bundesliga, diese „Lebenschance“, wie Sie es einmal formuliert haben, war für Sie greifbar nah. Welche Gefühle hatten Sie damals?

Natürlich haben wir uns geärgert, es so knapp verpasst zu haben. Es ist umso bitterer, dass es zwei Remis waren, wir also gescheitert sind, ohne eine Niederlage kassiert zu haben. Wir haben es verpasst, in Bremen ein Tor zu erzielen. Ob es gerecht gewesen ist, dass die erzielten Auswärtstore gerade in Pandemie-Zeiten ohne Publikum entscheidend waren, darf in Zweifel gezogen werden. Doch es bringt mir nichts, dem nachzutrauern. Wir mussten es akzeptieren und haben es akzeptiert. Wir haben weitergemacht und sind unseren Weg gegangen.

Und wie! Heidenheim spielt weiterhin eine führende Rolle in der 2. Liga.

Was nicht selbstverständlich ist. Es gibt auch andere Beispiele. Wie schwer es nach einer verlorenen Relegation werden kann, zeigt sich bei Holstein Kiel momentan. Wir haben es geschafft und haben im letzten Jahr eine sorgenfreie Saison abgeliefert.

Ist der Aufstieg in die Erstklassigkeit für Heidenheim überhaupt möglich?

Natürlich, wenn andere straucheln und wir eine nahezu perfekte Spielzeit hinlegen, ist es machbar. Doch der Aufstieg kann derzeit nicht unsere Zielsetzung sein. Weil wir mit ganz anderen finanziellen Mitteln und Rahmenbedingungen kämpfen als viele unserer Konkurrenten. Mehr als ein halbes Dutzend der Zweitligisten hat diese Zielsetzung formuliert. Diese Clubs wollen, ja sie müssen den Aufstieg in die Bundesliga anpeilen.

Heidenheim ist neben den hochkarätigen Rivalen ein Phänomen der Liga. Können Sie die Rolle Ihres Clubs beschreiben?

Phänomen ist aus meiner Sicht das falsche Wort. Ich würde eher von einer besonderen Konstellation sprechen, wie wir sie in Deutschland vielleicht noch in Freiburg vorfinden. Wir sind ein familiärer Club mit professioneller Struktur, mit professionellem Denken. Wir gehen ehrlich und direkt miteinander um. Hier nimmt sich niemand wichtiger, als er ist. Dabei haben wir uns alles erarbeitet. Uns alle in Heidenheim verbindet, dass wir immer an die Grenze gehen und das Bestmögliche anstreben. Auch ich als Trainer suche stets die neue Herausforderung. Es wird nie langweilig, ich habe weiterhin richtig Bock auf meine Arbeit.

Seit diesem Monat sind Sie 14 Jahre lang Trainer in Heidenheim. Wenn das Spiel gegen Werder angepfiffen wird, geschieht das an Ihrem 5241. Arbeitstag für den Verein. Sind Sie stolz auf diese Zahlen?

Stolz ist für mich der falsche Begriff. Ich bin glücklich und zufrieden damit. Stolz können Menschen aus anderen Berufszweigen sein. Mediziner beispielsweise, die im OP stehen und Menschenleben retten. Als Trainer strebe ich den größtmöglichen Erfolg an. Ich kann versichern, dass ich auch nach all den Jahren noch viel Energie habe.

Was die Verweildauer auf dem Trainerstuhl anbelangt, ist der Ex-Freiburger Volker Finke mit 16 Jahren der Rekordhalter. Sie sind momentan der dienstälteste Coach im deutschen Profifußball. Streben Sie an, den Finke-Rekord zu brechen?

Nein, das spielt für mich keine Rolle, es sind nur Zahlen. Mich treiben andere Dinge an, ein Team zu formen, mich mit meiner Mannschaft immer zu beweisen. Alles andere ist nur eine Begleiterscheinung.

Erst Spieler, später eigentlich Interimstrainer auf Zeit, nun Langzeit-Coach. Einmal Heidenheim, immer Heidenheim. Sie sind in Sichtweite der Voith-Arena geboren und gelten als heimatverbunden und authentisch. Was verbinden Sie mit Heimat?

Heimat ist die Region, in der meine Wurzeln sind, dort, wo alles vertraut ist und ich alles kenne. Ich empfinde es als Privileg, hier arbeiten zu dürfen, meinem früheren Hobby als Beruf nachgehen zu können. Ich kenne die Mentalität der Menschen hier, die es gewohnt sind, hart zu arbeiten. Da hat sich schon eine spezielle Beziehung entwickelt. So einen Fußball spielen zu lassen, die berühmte Maloche auf den Rasen zu bringen, das wollen wir als Team verkörpern.

Über Werders Langzeit-Trainer Thomas Schaaf hieß es häufig, er könne nur in Bremen erfolgreich arbeiten. Es mag ein Vorurteil gewesen sein, dennoch die Frage: Kann Frank Schmidt nur Heidenheim?

Mit jedem Tag, den ich hier als Trainer verbringe, wird dieser Stempel größer. Ich werte solche Bemerkungen eher als Beweis der Anerkennung meiner Arbeit. Es interessiert mich nicht so sehr. Nun bin ich verantwortlich in Heidenheim, einem Standort, mit dem ich viel Identifikation habe und lebe. Ich lebe in der Gegenwart, Fußball ist Gegenwart. Alles zu seiner Zeit, sage ich mir immer. Augenblicklich interessiert mich das Spiel bei Werder, damit beschäftige ich mich in dieser Woche. Und zudem: Ich muss niemandem etwas beweisen. Warum sollte ich? Ich bin glücklich in meinem Job, allein das zählt.

Stichwort Identifikation: Im Sommer war diese Tugend bei einigen Ihrer Kollegen aus der 1. Liga nicht gerade ausgeprägt. Sie haben – auch dank Ausstiegsklauseln – die Stellen getauscht. Ein neuer Trend? Was halten Sie davon?

Vorausgeschickt diese Bemerkung: Heidenheim wie auch Freiburg sind gewisse Nischen, nicht die Norm. Trainerwechsel gehören zum Profifußball. Und dass Kollegen, die Klauseln vertraglich vereinbart haben, davon Gebrauch machen, ist nachvollziehbar und nicht verwerflich. Solche Klauseln werden ja immer von zwei Seiten vereinbart. Ich habe für mich entschieden, dass ich es in Heidenheim so durchziehe. Und zwar nach dem bewährten Ethos der Kaufleute: Mein Wort zählt, ich brauche keinen Vertrag.

Kommen wir zum Spiel in Bremen. Kennen Sie eigentlich Ihre Bilanz in den Duellen mit Werder-Trainer Markus Anfang?

Kenne ich nicht, doch sie wird nicht so positiv sein, wenn Sie danach fragen.

Richtig. Neben einem Sieg und einem Remis stehen vier Niederlagen.

Wie gesagt: Ich lebe und handle in der Gegenwart, Vergangenes und auch Zukünftiges spielt keine Rolle. Das bedeutet auch, dass ich nicht abergläubisch bin. Irgendwann hat mir mal jemand meine Quote in den Vergleichen mit Torsten Lieberknecht präsentiert, es hatte auch keine Auswirkungen auf die Vorbereitung für das anstehende Spiel.

Anfang favorisiert ein bestimmtes System, das allgemein bekannt ist. Einige Trainer betonen, dass sie die Spielweise entschlüsselt hätten. Sie auch?

Entschlüsselt – das ist ein wenig zu hoch gegriffen. Natürlich analysieren wir den Gegner und wissen somit auch, wie die Mannschaften von Markus Anfang taktisch vorgehen. Sein Ansatz ist viel Ballbesitz, möglichst kreatives Offensivspiel und flacher Spielaufbau. Doch Fußball ist mitunter wie ein Schachspiel. Nicht jeder Zug ist vorhersehbar, Strategien werden auch verändert. Im Übrigen: Wir wollen auf uns selber schauen, nicht nur und nicht zu viel auf den Gegner. Wir wollen auch in Bremen unsere Stärken auf den Platz bringen.

Werder ist durchwachsen in die Saison gestartet. Zählt der Verein für Sie noch zu den Topfavoriten auf den Aufstieg?

Es gibt einige Schwergewichte in der 2. Liga, die als gefühlte Erstligisten einzustufen sind. Es sind die bekannten Namen. Was ich aus langjähriger Erfahrung sagen kann: Der Aufstieg in die Bundesliga ist kein Selbstläufer, was beispielsweise der Hamburger SV, Hannover und Düsseldorf belegen. Viele wollen rauf, viele müssen ihren Erwartungen gemäß auch rauf. Doch alle können in einer Saison nicht aufsteigen. Die 2. Liga ist eine extrem enge Spielklasse. Die letzten fünf Prozent des Leistungsvermögens sind entscheidend, ob eine Mannschaft ganz oben oder ganz unten steht.

Sie gelten als ein Musterexemplar im Profifußball, was Authentizität und Nahbarkeit betrifft. Wie sehen Sie den bezahlten Fußball nach Corona?

Aus meiner Sicht ist er in einem Zustand, den ich als runderneuert charakterisieren würde. Viele Vorbehalte sind wieder abgebaut worden. Es gab eine Phase, in der sich der Fußball fast entschuldigen musste. Dabei hatte die DFL eine Vorreiterrolle eingenommen und als erste Organisation im Profisport ein Konzept während der Pandemie entworfen. Inzwischen sind wir auf dem Weg zur Normalität. Der Fußball mit seiner ganzen Emotionalität gewinnt wieder seine Daseinsberechtigung als der Deutschen liebstes Kind. Noch sehen einige Fans, dass Fußballgucken auch auf dem Sofa schön sein kann, doch viele werden dazu kommen, das Erlebnis im Stadion mit Bratwurstgeschmack und Rasenduft wieder zu schätzen. Nur im Stadion gibt es diese Emotionen, die den Fußball so auszeichnen. Ich hoffe, dass bald, spätestens im Frühjahr, die Stadien wieder ganz voll werden.

In Bremen ist das dank der 2G-Regel bereits gestattet. Das Stadion wird am Freitag gut gefüllt sein.

Toll, ich freue mich darauf. Hoffentlich dürfen auch bei uns demnächst wieder mehr Fans in die Voith-Arena.

Spannung in der 2. Liga, Langeweile im Oberhaus, vor allem an der Tabellenspitze. Was halten Sie von den diskutierten Plänen, das Interesse an der Bundesliga durch Playoffs am Saisonende zu beleben?

Ich möchte mich nicht so sehr mit der Bundesliga beschäftigen. Ich kann nur für die 2. Liga feststellen, dass der Wettbewerbsgedanke besonders ausgeprägt ist. Es ist eine attraktive Spielklasse, die von Dramatik und Spannung lebt. In der 1. Liga ist das zuletzt anders gewesen. Doch ob es förderlich ist, über eine Änderung im Hinblick auf Entscheidungsspiele nachzudenken, bezweifle ich. Es gibt dafür andere Ansätze wie beispielsweise die Verteilung der TV-Gelder.

Holger Sanwald, der Vorstandsvorsitzende des 1. FC Heidenheim, hat früher einmal betont, dass in Heidenheim nur der Trainer Schmidt den Trainer Schmidt entlassen könne. Was muss vorfallen, damit das passiert

Ich bewerte diese Aussage als Wertschätzung meiner Person, sehe mich aber nicht in dieser Rolle. Wir werden gemeinsam reflektieren und es besprechen, wenn es zu diesem Fall jemals kommen sollte. Es darf nicht den Anschein haben, hier herrsche ein gewisses Urvertrauen, losgelöst von den sportlichen Entwicklungen. Am Ende des Tages gilt auch in Heidenheim: Entscheidend sind die Punkte, entscheidend ist Erfolg.

Das Gespräch führte Hans-Günther Klemm. 

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