Werder-Kolumne von Jörg Wontorra

Hilfe, schon wieder ein Heimspiel!

In seiner Kolumne nimmt sich Jörg Wontorra vor dem Werder-Spiel gegen Hertha BSC die Bremer Heimbilanz vor. Das einstige Selbstbewusstsein des Werder-Fans ist längst einer leichten Angst gewichen.
29.01.2016, 10:11
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörg Wontorra
Hilfe, schon wieder ein Heimspiel!

Am Sonnabend läuft Werder Bremen wieder im Weserstadion auf - verbessert sich dann die bislang schwache Heimbilanz?

imago

In seiner Bundesliga-Kolumne nimmt sich Jörg Wontorra vor dem Werder-Spiel gegen Hertha BSC am Sonnabend (15.30 Uhr im Liveticker) die Bremer Heimbilanz vor. Das einstige Selbstbewusstsein des Werder-Fans ist längst einer leichten Angst gewichen.

Mensch, war das eine geile Zeit, als wir ins Weserstadion gingen und schon beim Vorglühen in der Brommy-Kneipe feststand, dass der SV Werder wieder einen seiner ruhmreichen Siege einfahren würde. Allenfalls die Höhe des Erfolgs löste noch matte Diskussionen aus. Und heute ? Alles vorbei! Da musst du als Fan schon nach Mainz, Augsburg oder Gelsenkirchen fahren, um dir Labsal für die grünweiße Seele zu holen. Und selbst, wenn jetzt Hertha kommt, dieser eigentlich sehr höfliche Gast, der schon gerne mal die Punkte als Geschenk mit Schleifchen abgegeben hat, selbst beim Lieblingsgegner also geht dir dieser blöde Gedanke durch den Kopf: Hilfe, schon wieder ’n Heimspiel !

In der eigenen Hütte ist eben nix mehr, wie es mal war. Dabei haben wir es nicht mit einem Werder-Phänomen zu tun, sondern eher mit einem Trend in der Bundesliga. Bei 162 Spielen in der laufenden Saison sprangen bisher mickrige 68 Heimsiege raus – gerade mal 40 Prozent. Werder steht freilich an der Spitze dieser Bewegung mit nur 1 (in Worten: einem) Erfolgserlebnis.

Für Heimspiele fehlt die Qualität

Jörg Wontorra (67) war Sportchef bei Radio Bremen, Aufsichtsrat bei Werder und mehr als zehn Jahre Moderator des Fußball-Talks „Doppelpass“. Im Wechsel mit Manfred Breuckmann, Arnd Zeigler, Günther Koch und Lou Richter schreibt er in unserer Zeitung, was ihm im Bundesliga-Geschehen aufgefallen ist.

Jörg Wontorra (67) war Sportchef bei Radio Bremen, Aufsichtsrat bei Werder und mehr als zehn Jahre Moderator des Fußball-Talks „Doppelpass“. Im Wechsel mit Manfred Breuckmann, Arnd Zeigler, Günther Koch und Lou Richter schreibt er in unserer Zeitung, was ihm im Bundesliga-Geschehen aufgefallen ist.

Foto: Roland Scheitz

Marco Bode wird sich an solch eine Bilanz des Grauens aus seiner aktiven Zeit nicht erinnern können. Da war ein Heimspiel noch ein Heimspiel, mit all seinen Freuden, und nach Auswärtsklatschen diente es auch noch als Mutmacher für eine bessere Zukunft. Aus dieser Zeit stammt der Standardspruch einer ganzen Kicker-Generation: „Die Punkte müssen wir zu Hause holen.“ Ein Satz, schon damals geeignet als Schenkelklopfer, mehr Phrase geht nicht. Aber heute fehlt dieser weisen Erkenntnis zusätzlich auch noch der Wahrheitsgehalt.

Irgendwelche Gründe muss es doch geben für das verlorene Heimatgefühl in der Beletage des deutschen Fußballs. Die Tabelle entlarvt, dass gleich sechs Klubs im eigenen Stadion weniger zustande bringen als auswärts, allesamt übrigens Vereine aus der Aschenputtel-Fraktion der Liga. Und das liefert vielleicht eine Erklärung. Zu Hause erwartet der Fan, dass die eigene Mannschaft in die Offensive geht, das Spiel macht und den Gegner beherrscht. Aber weder Darmstadt, Hannover oder auch Werder haben für diese hohe Schule des Fußballs ausreichend Qualität im Kader. Also stellt sich das Auswärtsteam dort bewusst tief auf, sieht zu, wie der Konkurrent sich müde spielt und nutzt den erstbesten Fehler zum entscheidenden Konter. Im Weserstadion gut zu besichtigen gegen Ingolstadt oder den HSV.

Dreckig gewinnen!

Auf fremdem Geläuf funktioniert die Sache andersherum – aus Bremer Sicht jüngst wieder zu bestaunen auf Schalke. Wenn Werder das Spiel nicht aktiv gestalten muss, tut sich Werder leichter. Die Mannschaft steht irgendwann stabil hinten drin und setzt plötzlich und unerwartet Nadelstiche, die zum Erfolg führen. 14 Punkte in fremden Stadien belegen diese These und führen zu einem logischen Umkehrschluss: Sollen sie doch auch im Weserstadion mal ihre Auswärtstaktik anwenden.

Hört sich ja irgendwie schlüssig an, diese Forderung, ist aber wahrscheinlich schwer durchsetzbar. Denn bei einer defensiven Grundorganisation wird die Fangemeinde des Heimteams gern mal ungeduldig, und das braucht Werder zurzeit am wenigsten.

So haben wir uns denn bei den derzeitigen Fähigkeiten des Fachpersonals wohl zu entscheiden: zu Hause entweder Fußball im Hurra-Stil versuchen und wahrscheinlich scheitern, oder die anderen mal kommen lassen und einfach dreckig gewinnen. Gegen Hertha wäre mir Letzteres am liebsten, damit es in der Brommy-Kneipe dann wenigstens mit dem Nachglühen klappt.

sport@weser-kurier.de

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