Offensive seit 784 Minuten ohne Tor

Historisch harmlos

Die Bremer Offensive findet kaum noch statt und hat seit 784 Minuten keinen Treffer mehr selbst erzielt. Werder will nun zwar nicht noch mehr Risiko gehen, eine Veränderung der Taktik ist aber durchaus möglich.
24.02.2020, 10:13
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Von Malte Bürger
Historisch harmlos

Josh Sargent und Co. strömen derzeit nur wenig Gefahr aus.

nordphoto

Es sind Zahlen, die schnell für ein ausgeprägtes Schwindelgefühl sorgen ­können. Zum sechsten Mal in Folge verlor Werder ein Heimspiel. So schlecht lief es für die Bremer in der Bundesliga-Historie noch nie. Seit nun schon neun Liga-Partien gab es im Weserstadion keinen Sieg, auch ein eigener Treffer vor eigenem Publikum gelang nun schon seit 460 Minuten nicht mehr. Überhaupt wurde seit inzwischen 784 Minuten kein selbsterzieltes Tor mehr bejubelt. Will Werder tatsächlich noch den Klassenerhalt schaffen, muss diese Harmlosigkeit dringend abgelegt werden. Die Frage ist nur, wie das ­gehen soll.

Nun sind Borussia Dortmund und kürzlich auch RB Leipzig in ihrer aktuellen Verfassung nicht eben Gegner, die einem das Toreschießen leicht machen. Werders Probleme im Angriff sind allerdings nicht neu, auch gegen die direkten Konkurrenten aus der unteren Tabellenhälfte hakte es in der Offensive bereits. Genau deshalb steht Werder so schlecht da wie seit 1980 nicht mehr. Und dieser Negativtrend setzt sich unbeirrt fort.

Erfolgreich statt Harakiri

Doch wer Punkte braucht und siegen will, kommt an möglichst vielen eigenen Treffern nicht vorbei. Jetzt in der Krise einfach das Risiko zu erhöhen, ist trotzdem kein Plan, den Sportchef Frank Baumann schmackhaft findet. „Es geht darum, dass wir erfolgreichen Fußball und nicht Harakiri-Fußball spielen“, sagt er. „Wir werden auch in den nächsten Spielen über eine Leidenschaft, über Zweikämpfe und eine Bereitschaft ins Spiel finden. Es ist definitiv wichtig für uns, weiter nach vorne zu spielen und zwingender zu werden. Es geht jetzt aber nicht darum, ein Offensivspektakel abzufackeln, sondern dass wir ­erfolgreich spielen. Und da hilft eine stabile Defensive.“

Damit die Abwehr möglichst stressfrei agieren kann, sorgt ein Spieler wie Davie Selke dafür, dass der Druck in anderen Teilen des Spielfeldes hochgehalten wird. Doch das hat seinen Preis. „Es ist ein sehr intensiver Plan, die gegnerischen Jungs immer wieder zu beschäftigen, sie anzulaufen, ihnen auf den Füßen zu stehen und da zu sein“, sagt Selke. „Dass man dann nicht die hundertprozentige Frische hat, ist auch klar. Wir wollten Nadelstiche wie im Pokal setzen und versuchen, Umschaltsituationen zu kreieren. Das haben wir leider nicht so häufig hinbekommen.“

Wechsel der Ausrichtung möglich

Immerhin: Ein wenig mehr Entlastung war gegen Dortmund schon erkennbar. Dadurch, dass Theodor Gebre Selassie und Ludwig Augustinsson auf den Außenbahnen wieder einsetzbar sind, hat sich die Qualität des ­Bremer Spiels spürbar verbessert – wenngleich gefährliche Durchbrüche noch zu selten zu beobachten sind. „Diese beiden Spieler sind sehr wichtig für uns, weil sie es sind, die außen eine Überzahl schaffen“, sagt Florian Kohfeldt. „Ich hoffe, dass sie jetzt stabil dabei bleiben.“

Die Gesundheit dieses Duos ist aber allenfalls ein winziges Detail im großen schiefen Bremer Bild. Werder benötigt in allen Bereichen Fortschritte. Möglichst schnell. „Es sind noch elf Spiele, das ist wenig“, weiß auch Florian Kohfeldt. „Es ist aber eben auch noch ein gutes Drittel der Saison. Noch ist es nicht vorbei, aber es ist dramatisch.“ Es ist eine Phase, in der Werders Coach ganz genau schaut, ob die Art des Fußballs, die er und seine Mannschaft gewählt haben, noch immer die passende für diese Situation ist.

„Das müssen wir für die einzelnen Spiele jetzt auch prüfen, deshalb ist diese Trainingswoche nun auch so wichtig“, sagt Kohfeldt. „Ich muss ein Gefühl dafür bekommen, ob wir es schaffen, wieder in die Räume zu kommen, in denen wir letztes Jahr waren oder auch am Anfang der Saison. Wenn das nicht gelingt, bietet der Kader durch die Verpflichtung von Davie Selke, aber auch durch Spieler wie Josh Sargent und Yuya Osako inzwischen die Möglichkeiten, gegebenenfalls mal über eine andere Herangehensweise nachzudenken.“

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