Friedl setzt sich im Abwehrzentrum fest

Höhenflug nach harter Schule

Noch vor gar nicht allzu langer Zeit, war Marco Friedl eine Art Prügelknabe, der regelmäßig von Fans und Journalisten kritisiert wurde. Mittlerweile ist er bei Werder nicht mehr aus der Abwehr wegzudenken.
14.10.2020, 17:15
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Höhenflug nach harter Schule
Von Malte Bürger
Höhenflug nach harter Schule

Marco Friedl hat sich einen Platz in Werders Innenverteidigung gesichert.

nordphoto

Der Blick zurück sorgt manchmal für ungläubiges Staunen. Wer hätte schließlich vor nur einem Jahr geahnt, für welch turbulente Monate ein Virus sorgen würde? Es geht aber auch ein paar Nummern kleiner. Und da kommt Werder ins Spiel. Wer hätte vor knapp zwölf Monaten gedacht, dass Marco Friedl aus der Bremer Startelf nicht mehr wegzudenken ist? Mehr noch: Dass sich der 22-Jährige nun sogar anschickt, die österreichische Nationalelf zu bereichern?

Rückblende: Als Werder im Herbst 2019 immer weiter in der Tabelle abrutschte und ein schwaches Spiel an das nächste reihte, gab es einige Spieler, die kritisiert wurden. Doch kaum einen erwischte es so wie Marco Friedl. Fans und Journalisten attackierten den Youngster gleichermaßen, nachdem über seine linke Abwehrseite einige Gegentreffer entstanden waren. „Das war am Anfang schwierig für mich, weil ich als junger Spieler sehr häufig kritisiert wurde. Damit hatte ich zu kämpfen, das hat mich auf jeden Fall getroffen“, räumt Friedl mit einigem Abstand ein. „Es war das erste Mal seitdem ich Profi bin, dass ich öffentlich öfter angezählt wurde.“ Umso dankbarer war er für die Rückendeckung, die er im Verein erhalten hat. „Das Trainerteam hat mich von Tag eins an unterstützt“, sagt er. „Ich selbst habe meine Lehren daraus gezogen und versucht, ein anderes Gesicht auf dem Platz zu zeigen. Ich denke, dass mir das speziell nach der Coronapause ordentlich gelungen ist.“

Gutes Verhältnis zu Moisander

In der Tat wirkte Friedl nach der erzwungenen Auszeit wie ausgewechselt. Plötzlich verteidigte er aufmerksamer, aggressiver. Immer in dem Wissen, dass er doch eigentlich viel lieber in der Abwehrzentrale bei Werder spielen würde. Doch da die dortigen Positionen besetzt waren und Ludwig Augustinsson zugleich verletzungsbedingt fehlte, musste Friedl auf der Außenbahn aushelfen.

Bis zum Sommer. Marco Friedl ist nun auch offiziell Innenverteidiger, hat dort alle drei bisherigen Ligaspiele gemacht und sogar Kapitän Niklas Moisander vorerst auf die Bank verdrängt. „Unser Verhältnis hat sich dadurch aber nicht verändert“, sagt Friedl. „Niklas ist jeden Tag für mich da, wir reden viel miteinander.“ Es ist das Modell, das sich Trainer Florian Kohfeldt eigentlich schon für das vergangenen Jahr gewünscht hatte. Doch dann kamen die vielen Verletzungen im Kader – und Friedl musste Löcher notdürftig stopfen anstatt sie behutsam und langfristig auszubessern. Eine ganz schön harte Schule für den Österreicher. Eine, die er nun nicht mehr missen möchte. „Ich bin sehr glücklich darüber, wie das letzte Jahr für mich gelaufen ist“, sagt er. „Dass Standing ist ein anderes geworden, ich fühle mich insgesamt wohler, habe mehr Selbstvertrauen und bin gereift.“

Ein erfüllter Kindheitstraum

Inzwischen klingt der Wunsch nach Spielzeit nicht mehr wie ein sehnsüchtiger Wunsch, sondern wie ein berechtigter Anspruch. Doch Friedl weiß um den Konkurrenzkampf mit Moisander, Ömer Toprak und Milos Veljkovic. „Es ist das erste Mal so, dass wir alle nahezu zu 100 Prozent fit sind. Deshalb wird der Trainer sicherlich ganz genau hinschauen, wer auf dem Platz zueinander passt“, sagt er. „Fakt ist, dass wir uns alle untereinander sehr gut kennen, wir haben alle schon miteinander gespielt. Jeder weiß um die Stärken des anderen und wie er tickt.“

Wie Marco Friedl tickt, das dürfte jetzt auch Franco Foda wissen. Der Nationalcoach der Alpenrepublik nominierte ihn nicht nur für seinen Kader, im Test gegen Griechenland (2:1) spielte er auch noch über die kompletten 90 Minuten. Zwar wieder auf der linken Seite, aber das war in diesem Fall wirklich zweitrangig. „Es ist ein Kindheitstraum gewesen, ein Spiel für die Nationalmannschaft zu machen. Ich hoffe, dass noch einige dazukommen werden“, sagt Friedl. „Als ich einberufen wurde, wusste ich schon, dass Franco Foda mich als Linksverteidiger einplant. Er weiß, dass ich im Verein jetzt als Innenverteidiger spiele, aber er sieht mich in der Nationalmannschaft auf der linken Seite.“

Dankeschön für den Opa

Der intensive Schnupperkurs nahm jedoch ein frühes Ende. Die beiden folgenden Spiele der Österreicher gegen Nordirland und Rumänien musste Friedl sausen lassen, Werder hatte sein Veto eingelegt und wollte den Defensivakteur nicht in Risikogebiete reisen lassen. „Leider muss er jetzt Covid-bedingt wieder nach Bremen. Er hat seine Aufgabe nämlich sehr, sehr gut gemacht und ist auf jeden Fall ein Perspektivspieler für die Zukunft“, lobte Foda den Debütanten, der selbst auch gern geblieben wäre. „Wenn du das erste Mal richtig dabei bist, dann willst du natürlich auch jede weitere Sekunde dabei sein, also auch bei den zwei Nations-League-Spielen“, sagt Friedl. „Es war schade, dass das nicht geklappt hat, aber ich kann den Verein voll und ganz verstehen.“

Geblieben sind wunderbare Erinnerungen und das Premierentrikot, das der 22-Jährige seinem Großvater schenken möchte. „Ich habe mit meinem Opa sehr viel Zeit am Fußballplatz verbracht, er war immer für mich da. Deshalb hat auch er einen gewissen Anteil daran.“ Und es muss ja nicht das letzte Shirt der A-Elf sein, wenngleich offen ist, ob Friedl nicht erst einmal wieder zur U21 muss. „Ich werde hier im Verein alles raushauen, um auch beim nächsten Lehrgang dabei zu sein.“

Ausgeruht wird sich also nicht. Und davon profitiert im Idealfall auch Werder. „Ich will mehr erreichen, will der Mannschaft noch mehr helfen und mehr Verantwortung übernehmen“, sagt Friedl. Vor allem erfolgreich will er mit den Bremern sein und eine Saison wie die vorherige nicht noch einmal erleben. „Das Entscheidende ist, dass wir Punkte sammeln. Natürlich haben wir noch nicht den Fußball gespielt, den wir uns vorstellen, aber das letzte Jahr haben wir es extrem zu spüren bekommen, dass du Punkte sammeln musst. Egal wie, Hauptsache du sammelst sie.“

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