Sportchef Baumann im Interview „Ich bin entspannt“

Frank Baumann sieht dem Saisonstart gegen Hoffenheim gelassen entgegen. Im Gespräch mit Mein Werder erklärt er, warum der Wunschstürmer noch nicht da ist und kein Verteidiger mehr kommt.
18.08.2017, 17:49
Lesedauer: 6 Min
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Von Patrick Hoffmann Christoph Sonnenberg

Herr Baumann, ein Foto vom vergangenen Mittwoch zeigt Sie, wie Sie ganz entspannt in einem Golfcart sitzend das Training verfolgen. Wie gelassen sind Sie vor dem Bundesligaauftakt in Hoffenheim?

Frank Baumann: Ich bin entspannt, weil ich Vertrauen in die Mannschaft und das Trainerteam habe. Wir sind gut aufgestellt. Auf zwei, drei Positionen haben wir uns gezielt ergänzt und verstärkt. Einige Spieler wie Maxi Eggestein, Milos Veljkovic oder Florian Kainz sind weiter in ihrer Entwicklung und werden eine größere Rolle spielen. Die Struktur des Kaders stimmt.

Sie haben als Spieler selbst in der Qualifikation der Champions League gespielt und mussten zugleich in der Bundesliga antreten. Wie sehr denken die Hoffenheimer an das Rückspiel gegen Liverpool?

Als Spieler denkt man nicht groß voraus, sondern fokussiert sich auf die Partie, die ansteht. Das ist unser Spiel in Hoffenheim, das wird im Fokus stehen. Es wird kein Spieler mit ein, zwei Prozent weniger Konzentration auflaufen.

Es geht für Hoffenheim in zwei Spielen um den Lohn für die vergangene Saison. Und jeder Profi träumt von der Champions League. Lässt sich das einfach ausknipsen?

Es sind alles Profis, die das trennen können. Das ist kein Faktor, mit dem wir rechnen dürfen.

Werden Sie wehmütig, wenn Sie Serge Gnabry im Hoffenheimer Trikot sehen?

Letzte Saison war für beide Seiten eine Win-win-Situation. Wir haben Serge eine gute Plattform geboten, er hat uns mit seinen Leistungen und Toren viel geholfen. Schade, dass er nicht mehr da ist. Er kann sich im Spiel gegen uns gerne zurückhalten.

Gab es die Möglichkeit, ihn für ein Jahr vom FC Bayern auszuleihen?

Serge wollte international spielen und hat sich deshalb für einen Wechsel entschieden. Wer die Partie gegen Liverpool gesehen hat, kann vielleicht nachvollziehen, wie interessant das ist. Wir konnten ihm das nicht bieten.

Am Tag der Fans Anfang August haben Sie die Zuversicht geäußert, schon bald einen Neuzugang für Sturm oder Verteidigung zu präsentieren. War das etwas leichtfertig, um für gute Stimmung unter den Anhängern zu sorgen?

Es gab im Laufe der Wochen viele Gespräche mit Kandidaten, und bei dem einen oder anderen Spieler eine positive Tendenz. Wir waren auf einem guten Weg, ohne das die Unterschrift unmittelbar bevorstand. Aber es gab die Aussicht darauf. Deshalb hatten wir die Hoffnung und waren optimistisch, den Stürmer vor dem ersten Bundesligaspiel hier zu haben. Jetzt wird es sich noch etwas hinziehen.

Sowohl Sie als auch Trainer Alexander Nouri haben zu Beginn der Vorbereitung betont, noch einen Innenverteidiger und einen Stürmer holen zu wollen. Jetzt heißt es, es könnte auch ohne gehen. Was ist passiert?

In der Verteidigung wollten wir neben Niklas Moisander, Lamine Sané, Milos Veljkovic und Luca Caldirola noch einen Innenverteidiger mit Perspektive holen. Da war auch Jesper Verlaat ein Kandidat. In der Vorbereitung hat er es sehr ordentlich gemacht, ihm trauen wir den Sprung jetzt zu. Robert Bauer hat sich in der Vorbereitung zu einer sehr guten Option in der Innenverteidigung entwickelt. Trotz der Verletzung von Moisander haben wir einen Konkurrenzkampf. Wir vertrauen unseren Spielern.

Mit der Aussage, in Sturm und Verteidigung nachzulegen, haben Sie und der Trainer Hoffnungen auf Verstärkungen geweckt.

In der Innenverteidigung wollten wir einen jungen Spieler mit Perspektive, wie Verlaat einer ist. Nach der Verletzung von Moisander (Muskelfaserriss; Anm. d. Red.) wollten wir unter Umständen das Anforderungsprofil überdenken und einen erfahrenen Spieler dazu holen. Dass das unbedingt notwendig ist, haben wir nie gesagt.

Die Stürmersuche haben Sie klarer formuliert?

Wir haben gesagt, dass uns ein anderer Stürmertyp fehlt. In dem Bereich schauen wir uns intensiv um und möchten gerne noch etwas realisieren. Es gibt drei Möglichkeiten damit umzugehen, falls wir keinen finden, der unsere Anforderungen erfüllt: Abstriche bei der Qualität machen, das Profil verändern oder gar keinen holen. Am unwahrscheinlichsten ist, dass wir gar nichts machen. Wir sind auf der Suche.

Haben Sie zu sehr darauf gesetzt, dass der Transfer von Davie Selke klappt?

Nein, das war zu einem sehr frühen Zeitpunkt. Und wir haben offen gesagt, dass es sehr schwer wird, das zu realisieren. Wir haben nie nur auf Davie gesetzt, sondern sind schon damals mehrgleisig gefahren.

Ist es auch eine Option, nach Ende der Transferperiode einen vereinslosen Stürmer zu holen?

Wir wollen keine Ewigkeit warten. Es hat Priorität, einen Spieler in den nächsten 14 Tagen zu verpflichten.

Claudio Pizarro wird demzufolge definitiv kein Thema mehr?

Da haben wir eine Entscheidung getroffen, und es gibt keine Anzeichen, dass sich diese ändert.

Einen Stürmer zu leihen, ist eine Option?

Wir haben natürlich unsere Vorstellungen. Dazu gehört, einen Spieler am liebsten fest zu verpflichten. Und wenn eine Leihe, am liebsten inklusive Kaufoption. Aber das Fußballtransfergeschäft ist kein Wunschkonzert. Eine Leihe will ich nicht komplett ausschließen. Wichtig ist dann jedoch, dass der Spieler uns in dem einen Jahr definitiv verstärkt.

Führen Sie aktuell Gespräche mit einem Kandidaten?

Wir haben mehrere, die wir uns grundsätzlich sehr gut vorstellen können. Aber wir sind nicht alleine auf der Suche nach guten Stürmern. Und es gibt immer mehr Vereine, die Spieler nicht verkaufen müssen, sondern Angebote ablehnen können. Viele Klubs haben die finanzielle Notwendigkeit nicht. Oder sie finden selbst bei Summen von 40, 50, 60 Millionen Euro keinen gleichwertiger Ersatz und sagen deshalb Nein.

Werden Sie bei einem Angebot für Max Kruse auch Nein sagen?

Max hat betont, dass er sich wohlfühlt. Wir, dass wir keinen Leistungsträger mehr abgeben wollen. Deswegen können alle Fans ruhig schlafen. Aber wer weiß, falls Barcelona Ousmane Dembélé nicht bekommt und stattdessen für 150 Millionen Euro Max holen will, sind wir gesprächsbereit. (lacht) Im Ernst: Wir wollen ihn nicht abgeben, haben kein Angebot vorliegen, und es gibt nichts, was uns bewegen könnte, ihn abzugeben.

Zlatko Junuzovic hat angekündigt, seinen Vertrag bis 2018 zu erfüllen. Gibt es Anzeichen, dass er seinen Vertrag verlängert?

Es gibt Gespräche und das Bestreben, mit ihm zu verlängern. Das werden wir die nächsten Wochen weiter angehen. Zlatko fühlt sich wohl, hat eine hohe Identifikation mit dem Verein und ist Kapitän.

Und Sie bessern Ihr erstes Angebot nach, mit dem Junuzovic nicht zufrieden war?

Darüber werden wir sprechen. Es sind immer verschiedene Faktoren, die eine Rolle spielen. Der eine Spieler möchte eine hohe Garantiesumme haben, der andere lieber im Erfolgsfall auf etwas mehr kommen. Da gibt es verschiedene Parameter.

Karl-Heinz Rummenigge und HSV-Investor Klaus-Michael Kühne haben vorgeschlagen, Gehälter und Ablösesummen zu deckeln. Damit soll auf dem Transfermarkt ein Gleichgewicht hergestellt werden. Eine gute Idee?

Da bin ich skeptisch. Transferobergrenzen halte ich rechtlich für schwierig. Gehaltsobergrenzen werden immer in irgendeiner Form umgangen werden. Financial Fairplay ist auf einem guten Weg, denke ich. Diese Regelung sollte weiterentwickelt und gestärkt werden.

Zeigt der Transfer von Neymar mit einem Volumen um die 500 Millionen Euro nicht, dass der Weg falsch ist? Paris wird diese Summe schwerlich wieder einnehmen.

Warten wir doch mal ab, welche Konsequenzen dieser Transfer hat. Und ob sich Paris nicht doch an die Regelung hält. Im ersten Jahr geht es ja nicht um die komplette Summe. Und sie werden sicher noch den einen oder anderen Spieler verkaufen.

Kommen wir zu Ihnen. Seit gut einem Jahr sind Sie Geschäftsführer Sport bei Werder. Marco Bode sagte uns kürzlich, er sei sehr glücklich mit Ihnen auf dieser Position. Wie glücklich sind Sie selbst?

Ich bin glücklich, mit einem ganzen Team – Geschäftsführung, Scouting, Trainerteam, Spieler – etwas entwickeln zu können. Meine Aufgabe ist es, möglichst gute Rahmenbedingungen zu schaffen. Infrastruktur, Philosophie, Strategie, Konzeptionen, Personal. Die Arbeit erledigen dann ja die Mannschaft und das Trainerteam. Deshalb kann ich ganz entspannt auf dem Golfcart sitzen. (lacht)

Sie haben oft betont, kein Mann für die erste Reihe zu sein. Wie geht es Ihnen damit, das jetzt zu sein?

Dass ich auf dem Golfcart fotografiert werde und ständig in der Öffentlichkeit auftauche, brauche ich nicht. Ich weiß, dass es dazugehört, präsent zu sein und sich zu vielen Dingen äußern zu dürfen. Oder zu müssen. (lacht) Ich werde noch häufiger erkannt als zu Spielerzeiten, was Auswirkungen auf das Privatleben hat. Und das war wiederum der Hauptgrund, einen solchen Berufen nicht auszuüben. Aber das ist in Ordnung, ich mache den Job sehr gerne.

Sind die grauen Haare durch den Stress des vergangenen Jahres etwas mehr geworden?

Nein, die hatte ich vorher schon. Das Gewicht hat sich etwas verändert. Der Stress hingegen hat sich zu meiner Zeit im Nachwuchsbereich oder als Assistent von Klaus Allofs nicht verändert, der Aufwand war gleich. Ich empfinde es auch nicht als Stress, mir macht die Arbeit Spaß. Und es gelingt mir ganz gut, zwischendurch auch mal abzuschalten.

Das Gespräch führten Christoph Sonnenberg und Patrick Hoffmann.

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