Werders Levin Öztunali im Interview "Ich brauche auch mal meine Ruhe"

Ja, er ist der Enkel von Uwe Seeler. Und ja, er hat als gebürtiger Hamburger in der Jugend auch für den Hamburger SV gespielt. Levin Öztunali im Interview mit Timo Sczuplinski.
09.05.2015, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Timo Sczuplinski

Ja, er ist der Enkel von Uwe Seeler. Und ja, er hat als gebürtiger Hamburger in der Jugend auch für den Hamburger SV gespielt. Drüber reden will Levin Öztunali aber lieber nicht mehr. Schließlich hat Werders Mittelfeldspieler längst seine eigene Fußballgeschichte geschrieben. Abseits von Opa Uwe und dem HSV. Im Interview mit Timo Sczuplinski spricht der U-19-Europameister über sein Bundesliga-Debüt in Leverkusen mit 17, seine Rolle als Nachwuchsspieler und seine Ziele in Bremen.

Herr Öztunali, beim Blick auf Ihren Werdegang könnte man auf die Idee kommen, man hat es mit einem Routinier zu tun. Dabei sind Sie gerade erst 19 Jahre alt. Sind Sie überrascht, wie schnell alles geht?

Levin Öztunali: Naja, ich bin es ja nicht anders gewohnt, dass bei mir eins aufs andere kommt. Schule, Fußball, die Vereinswechsel von Hamburg nach Leverkusen, nun die Ausleihe nach Bremen. Das musst du dann eben alles unter einen Hut bringen, da lernt man schnell, selbstständig zu sein.

Ging bei Ihnen immer schon alles etwas rasanter als bei anderen?

Auf jeden Fall lief es bei mir immer ziemlich gut, das hat diese Entwicklung dann vielleicht beschleunigt. Ich hatte früh Erfolge in den Jugend-Auswahlteams, dann kam das frühe Debüt in der Bundesliga. Ich habe immer versucht alles mitzunehmen, was möglich war.

Mit 17 Jahren und vier Monaten sind Sie der elftjüngste Debütant der Bundesligageschichte.

Diese Details hat man nicht wirklich im Blick. Als Fußballer lebst du ja meist im Hier und Jetzt. Nur darauf bist du ständig fokussiert. Da ist der Rhythmus Spiel, Training, Spiel. Da willst du dich immer zeigen und denkst über anderes nicht so viel nach.

Vor zehn Jahren war es noch eine Sensation, wenn ein deutscher Spieler unter 20 in der Bundesliga debütiert hat. Wie normal kommt Ihnen das mittlerweile vor?

Klar, es gibt heute deutlich mehr Talente, die den Sprung schaffen. Aber für mich persönlich war das Debüt natürlich das Allergrößte. Davon hatte ich immer geträumt. Wenn man den Sprung einmal geschafft hat, gewöhnt man sich immer schneller an das hohe Level. Heute ist man als junger Spieler gerade auch bei Werder ja keine Seltenheit.

Gibt es als Nachwuchsspieler noch eine Art Welpenschutz im Profiteam?

Ich denke, man wird ganz normal bewertet, man bekommt eine gute Rückmeldung, wenn man gut gespielt hat. Eine schlechte, wenn man schlecht gespielt hat. Wie jeder andere auch.

Aus der U-19-Europameisterelf von 2014 haben es neben Ihnen bisher nur Werders Davie Selke, Leverkusens Julian Brandt und Frankfurts Marc Stendera in die Bundesliga gepackt. Woran liegt’s?

Der Titel damals hat uns einen wahnsinnigen Schub gegeben. Aber bei manchen geht es danach eben schneller, bei anderen nicht. Aber Hany Mukthar zum Beispiel ist ins Ausland gegangen (Benfica Lissabon, Anm. d. Red.) und Joshua Kimmich ist Stammspieler bei RB Leipzig in der zweiten Liga. Jeder macht seinen Weg.

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Warum haben Sie den Sprung geschafft?

Schwer zu sagen. In der ersten Liga musst du immer wach sein, keine Fehler machen. Die werden eiskalt bestraft. Es geht alles noch schneller. Damit musst du umgehen können. Das habe ich hinbekommen.

Von welchem Spieler haben Sie sich denn früher am meisten abgeguckt?

Man hat natürlich gerne den großen Klubs vorm Fernseher zugeschaut. Da habe ich mich von vielen Spielern inspirieren lassen. Kaká fand ich zum Beispiel einfach super. Der konnte alles, das hat einfach Spaß gemacht, ihm zuzuschauen.

Nach Ihrem Wechsel von Hamburg nach Leverkusen durften Sie dann selbst im Konzert der Großen mitmischen. Parallel haben Sie noch ihr Abi gemacht. Wie wichtig war Ihnen das?

Ich hatte da nur noch ein Jahr Schule vor mir. Und ich fand es wichtig, dass ich die nicht einfach abbreche. Das hat sich gelohnt. Mir steht damit alles offen.

Waren Sie oft in der Zwickmühle – trainieren oder für die Schule lernen?

Das war wirklich nicht immer leicht. Als ich zum Beispiel mein Vorabi geschrieben habe, hat Leverkusen gerade an dem Abend in Paris in der Champions League gespielt. Da wäre ich vielleicht eingewechselt worden, aber so hatte erst mal die Schule Vorrang. Das hat einem schon den einen oder anderen Einsatz genommen.

Sie hatten die Leistungskurse Sport und Deutsch, da mussten Sie wohl eher für Deutsch pauken…

Naja, die Alternative wäre Mathe gewesen. Da war Deutsch das kleinere Übel.

Fiel es Ihnen schwer, mit 17 Jahren bei Ihrer eigenen Familie auszuziehen, um nach Leverkusen zu gehen?

Das war schon ein großer Schritt für mich. An freien Tagen bin ich auch mal nach Hamburg gefahren. Oder meine Eltern nach Leverkusen.

Fiel es Ihnen leichter, weil Sie bei einer Gastfamilie untergekommen waren?

Das war dort der Ersatz fürs Internat. Leverkusen hatte gute Erfahrungen damit gemacht. Bei René Adler war es damals ja ähnlich, als er bei den Vollborns gewohnt hat.

Wie lief es bei Ihnen?

Ich war schnell im Familienalltag integriert. Wir haben zusammen einiges unternommen, im Sommer mal gegrillt. Sie konnten mir auch viel von der Stadt zeigen.

Wie sehr hat Ihnen das beim Einstieg in Leverkusen damals geholfen?

Sehr, ich hatte zwar keine Gastgeschwister. Aber auch das hatte Vorteile. Ich hatte meinen eigenen Bereich. Da hatte ich dann oft meine Ruhe und konnte mich auf das Wesentliche konzentrieren.

Und zum Training ging’s mit dem Fahrrad?

Das kam drauf an, manchmal wurde ich auch von meinen Gasteltern gebracht. Oder ich bin mit dem Bus gefahren. Selbst Auto fahren durfte ich da mit 17 nur in Begleitung.

Als Sie später das Abi in der Tasche hatten, konnten sie eigentlich durchstarten, oder?

Ich konnte mich mehr auf das Training konzentrieren. Das war ein riesiger Vorteil. Und man hatte nicht ständig im Hinterkopf, dass man gleich noch Unterricht hat oder für eine Klausur lernen muss. Allein, dass man nicht mehr so früh aufstehen musste, war hilfreich. Man konnte besser regenerieren, war nicht so sehr im Stress.

In Leverkusen kamen Sie zuletzt dann dennoch nicht so regelmäßig zum Zuge, wie Sie sich das gewünscht hatten.

Klar wollte ich mehr spielen als in Leverkusen. Dann hat sich die Chance bei Werder aufgetan. Ich spiele hier fast jedes Wochenende. Dafür bin ich sehr dankbar.

Wie sehr fühlen Sie sich in Bremen schon zuhause?

Ich bin hier vom Hotel in eine eigene Wohnung gezogen. In der Nähe vom Stadion, mit Blick auf die Flutlichter. Die kurzen Wege finde ich ganz gut. Auch dass man nach dem Spiel den Abend für sich hat, mal abschalten kann. Ich muss nicht immer unterwegs sein. Vielleicht mal mit Freunden ins Kino. Ich brauche ab und zu auch mal meine Ruhe.

Wie schwer ist es denn, überhaupt heimisch zu werden, wenn man weiß, dass man 2016 nach Ablauf der Ausleihzeit wieder nach Leverkusen zurückkehrt?

So weit blicke ich noch gar nicht voraus. Aber eineinhalb Jahre ist schon einmal besser als nur ein halbes. Da kann man hier richtig ankommen, kann eine Sommervorbereitung mitmachen. Das ist nicht zu unterschätzen.

Und dann nächste Saison womöglich im Europapokal spielen.

Ja, damit hatte ich im Winter eher nicht gerechnet. Aber ich hatte damals auch nicht das Gefühl, zu einem Abstiegskandidaten zu kommen. Die Stimmung war von Anfang an super, die Qualität im Team gut. Dieser Eindruck hat sich später dann ja auch immer mehr bestätigt. Und jetzt versuchen wir alles mitzunehmen, was möglich ist. So, wie ich das immer versucht habe. Wenn es dann die Europa League ist, sagt man ja nicht nein.

Wie wichtig ist es für Ihre eigene Entwicklung, dass es im ganzen Team gut läuft?

Das hilft sehr. Es klappt bei mir auch immer besser. Und ich glaube, dass ich mich schon jetzt weiterentwickelt habe.

Das dürfte die Leverkusener auch freuen…

Der Kontakt ist jedenfalls nicht abgerissen. Man bekommt schon regelmäßig einen Anruf oder eine Nachricht.

Auch im Sommer gibt es kaum eine Verschnaufpause. Dann geht es für Sie und Davie Selke zur U-20-WM nach Neuseeland.

Nach dem U-19-Titel 2014 wollen wir natürlich nachlegen. Wir wollen zeigen, was wir können. Wir sind eine super Truppe. Und alle sind heiß darauf.

Mit Werder steht nun das Auswärtsspiel gegen Hannover 96 an. Wieder ein Abstiegskandidat.

Ja, gegen solche Teams haben wir uns zuletzt schwer getan. Aber ich hoffe, dass wir es besser machen als in den anderen Partien gegen Paderborn oder Stuttgart. Wir wissen, was auf uns zu kommt. Für Hannover geht es so ziemlich um alles. Aber auch wir wollen nachlegen.

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