U23-Coach Konrad Fünfstück im Interview

"Ich definiere mich nicht über eine Spielliga“

Konrad Fünfstück heißt der neue Trainer von Werders U23. Im Interview mit Mein Werder spricht der 38-Jährige über seine Ambitionen, das Saisonziel in der Regionalliga und fehlenden Demut bei jungen Talenten.
26.06.2019, 19:30
Lesedauer: 8 Min
Zur Merkliste
Von Malte Bürger

Seit einigen Tagen stehen Sie mit Ihrer neuen Mannschaft schon auf dem Trainingsplatz, ihrem neuen sportlichen Zuhause. Sind Sie auch sonst gut in Bremen angekommen?

Hotel, Trainingszentrum, Stadion – alles ist gut. Ansonsten kann ich leider noch nichts über Bremen sagen (lacht). Aber der Start war wirklich gut.

Aber als Süddeutscher greift doch sicher auch bei Ihnen die Erkenntnis, dass das Wetter gar nicht so schlecht ist, wie immer alle sagen.

Es gibt ja kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung (schmunzelt). Außerdem bin ich schon immer sehr gern in Norddeutschland gewesen. Deswegen ist mögliches Regenwetter für mich nichts Ungewöhnliches (grinst).

Berührungspunkte gibt es also, wie genau ist aber das jetzige Engagement bei Werder zustande gekommen?

Es gab einen intensiven Austausch mit Björn Schierenbeck, Frank Baumann, Thomas Schaaf und Florian Kohfeldt. Der Zeitpunkt war für mich nach zwei Jahren in der Schweiz einfach günstig. Als sich die Möglichkeit ergeben und ich das Projekt der Werder-U23 kennengelernt hatte, war das eine Aufgabe, auf die ich mich sehr freute.

In den vergangenen Jahren hat man es hier immer wieder mal erlebt, dass der Coach der U23 später zum Cheftrainer der Profis aufgerückt ist. Dieser Weg ist durch Florian Kohfeldt erst einmal langfristig – sofern alles nach Plan läuft – verbaut. Warum ist diese Aufgabe in Bremen dennoch reizvoll für Sie?

Wenn ich das aus vielen hundert Kilometern Entfernung aus der Schweiz betrachtet habe, ist diese Partnerschaft zwischen Werder und Florian Kohfeldt perfekt. Und das ist auch gut so. Jeder Verein, der auf dieser Position Kontinuität hat, wird am Ende auch erfolgreich sein. Bremen ist da das Beispiel mit den früheren langen Laufzeiten der Trainer. Ich habe hier ein Arbeitspapier für die U23 unterschrieben, weil ich glaube, dass es spannend ist, in dieser Phase ein Teil der Werder-Familie zu sein. Der ganz große Unterschied zwischen mir und anderen U23-Trainern, die hier gearbeitet haben, ist, dass ich ja schon Cheftrainer gewesen bin.

Sie sprechen Ihre Amtszeiten beim 1. FC Kaiserslautern und beim schweizerischen Zweitligisten FC Wil an.

Richtig. Ich habe alle Facetten schon erlebt und mich bewusst für diese Aufgabe bei der U23 entschieden – und für nichts anderes.

Aber eben gerade weil Sie schon höherklassiger trainiert haben, könnte man ja davon ausgehen, dass Sie Werder gern auch als ein Sprungbrett für andere Aufgaben nutzen würden.

Ich habe auch andere Möglichkeiten in der Schweiz gehabt, habe mich aber bewusst für Werder entschieden. Ich definiere mich nicht über eine Spielliga, in der ich arbeite. Das ist grundverkehrt, wenn sich ein Mensch wegen einer Liga für etwas verschreit. Es geht einfach um die Aufgabe, das Umfeld und die Leute, mit denen man zusammenarbeitet. Und hier habe ich ein Umfeld, von dem ich meine, mich gut einbringen zu können. Ich kann meine Rolle gut ausfüllen, mit Talenten zu arbeiten und sie hochzubringen. Jeder unterschreibt einen Vertrag mit einer gewissen Überzeugung – und ich habe das gemacht, weil ich der Meinung bin, dass es jetzt hier für mich in Bremen passt. Wofür sollte ich also ein Sprungbrett suchen? Und es ist, glaube ich, auch für Werder ein gutes Gefühl zu wissen, dass da jemand ist, der weiß, welche Probleme habe ich als Trainer oben aber auch als Coach der U23.

Wie genau wird die Zusammenarbeit mit Florian Kohfeldt laufen?

Wir haben hier bei Werders handelnden Personen eine unheimlich hohe Expertise. Da ist ein guter Austausch über die einzelnen Spieler ganz, ganz wichtig. Das haben wir jetzt schon gemacht und werden es auch die ganze Saison so tun. Die U23 hat in erster Linie ganz klar die Aufgabe, Talente zu entwickeln und sie für die Bundesligamannschaft vorzubereiten. Und dann wollen wir den Spielern natürlich die Mentalität einbringen, dass man erfolgsorientiert in den Spielen ist und darüber hinaus bereit, immer ans Maximum zu gehen. Das kommt nicht von heute auf morgen. Für viele ist das jetzt ein neuer Abschnitt. Jugend- und Nachwuchsfußball ist vorbei, jetzt müssen sie sich im Seniorenbereich akklimatisieren. Das ist die letzte Klippe, um dann auch ganz oben reinzukommen.

Inwiefern besteht aber die Möglichkeit, dass Florian Kohfeldt Ihnen sagt, wenn er einen Spieler zu Ihnen abgibt, wo er eingesetzt wird? Müssen Sie sich dann bedingungslos unterordnen?

Das ist doch ganz normal, dass man sich als Cheftrainer in erster Linie erst einmal Gedanken um den Bundesligakader macht. Die Rolle der U23 ist es ja ebenfalls, gewissen Spielern im Falle des Falles die benötigte Spielpraxis zu ermöglichen. Das macht dann auch nur auf den Positionen Sinn, auf denen sie oben eventuell infrage kommen. Das ist der ganz normale Weg – das weiß man als Spieler, das weiß man als Trainer. Wenn das ein Spieler nicht versteht, dann muss er sich vor der Saison überlegen, ob die U23 für ihn die richtige Mannschaft ist.

Wie wichtig ist es überhaupt, dass ein Verein wie Werder so hartnäckig an der eigenen U23 festhält und ambitionierte Ziele verfolgt? Der bundesweite Trend ist ein anderer, viele Teams wurden abgemeldet.

Ich spüre wieder diesen Trend dahin, dass U23-Mannschaften sehr wichtig sind. Viele Vereine, die ihre U23 abgemeldet haben, bereuen es inzwischen wieder, weil sie erkennen, dass sie einen guten Unterbau benötigen. Es braucht einfach eine Zwischenstufe zwischen Jugend und Profi-Mannschaft. Eine U23 macht aber nur dann Sinn, wenn du diese Durchlässigkeit auch ermöglichst – wenn die Qualität stimmt. Genau das habe ich in den Gesprächen hier in Bremen festgestellt: Man hat die U23 nicht nur des guten Willens wegen, sondern weil hier auch Spieler durchkommen sollen. Das ist aber auch das große Plus, das Werder hat, nämlich mit Florian Kohfeldt einen Cheftrainer, der diese Werder-DNA in sich trägt und weiß, wie es ist, Jugend- und auch U23-Coach zu sein. Deshalb kann man dem Verein nur wünschen, dass diese Zusammenarbeit, die so blendend harmoniert, noch ganz, ganz lange bestand hat.

Welche Rolle spielt dabei der Aufstieg in die 3. Liga? Ist er Pflicht?

Wenn man unbedingt aufsteigen möchte, dann hätte man die Kaderplanung vielleicht noch ein wenig in Richtung Erfahrung ausbauen müssen. So hat es der VfL Wolfsburg beispielsweise gemacht. Hier in Bremen ist die klare Perspektive, Talente zu fördern und zu fordern. Wir haben eine sehr junge Mannschaft, die bewusst mit vielen Spielern aus dem 2000er Jahrgang gewählt wurde. Und man darf die Regionalliga Nord auch nicht unterschätzen, auch dort gibt es ambitionierte Mannschaften, die gern aufsteigen wollen.

Etliche Spieler des bisherigen Kaders sind verliehen worden, ein Schritt der mit Blick auf die Entwicklung nachvollziehbar ist, aber auch ein wenig verwundert. In diesem Jahr gibt es in der Regionalliga Nord schließlich einen direkten Aufstiegsplatz in die 3. Liga. Hätte man nicht kompromisslos alles diesem Ziel unterordnen müssen, damit Werders Youngster sich künftig „im eigenen Haus“ höherklassig entwickeln können?

Ich denke, dass jeder dieser Spieler, die jetzt verliehen wurden, eine eigene Vita hat und vielleicht auch mal eine Luftveränderung braucht, sich auch mal wieder in einem anderen Umfeld bewegen muss. Man kann das aber nicht verallgemeinern. Ich denke aber, dass der Weg, der hier eingeschlagen wurde, ein guter ist. Es wäre jedenfalls zu einfach, zu sagen, dass man alle Spieler, die man jetzt verliehen hat, besser in der Regionalliga-Mannschaft belassen hätte. Das wäre kein guter Ansatz gewesen.

Ein Spieler, der noch nicht verliehen wurde – und vielleicht auch nicht wird – ist Luca Plogmann. Ein Keeper, der eigentlich höher spielen kann und will, aber es vermutlich nicht tun wird. Wie gehen Sie mit dieser Personalie um?

Das ist eine Personalie der Lizenzmannschaft, deshalb müssten Sie darüber auch mit den dortigen Verantwortlichen reden. Grundsätzlich ist es wichtig – gänzlich weg von der Personalie Plogmann – allen Spielern ein Gefühl von Demut zu vermitteln. Sie können hier unter Vollprofibedingungen, in einem tollen Umfeld und immer mit der Perspektive, dass sie oben gesehen werden, Fußball spielen. Mir fehlt grundsätzlich heute die Realität im Fußball, zu sagen, wie schön es ist, dass ich in solch einem tollen Verein spielen und meine Karriere machen kann. Die wirklich wichtigen Berufe wie Arzt, Krankenschwester oder Pfleger haben Probleme, keine Wertschätzung und werden zum Teil auch noch richtig schlecht bezahlt. Deshalb sage ich häufig mit Blick auf den Profifußball: Nicht so viel jammern und unzufrieden sein, sondern sich selbst sagen, dass es mir richtig, richtig gut geht. Das habe ich den Spielern auch bei der ersten Mannschaftsbesprechung gesagt. Ausbildung ist nicht immer nur eine Frage der Spielliga.

Welche Rolle spielt neben der Demut der Faktor Geduld? Wie schwierig ist es, jungen Spielern Tag für Tag immer wieder zu vermitteln, dass der jetzige Weg genau der richtige ist?

Das ist eine ganz spannende Frage. Ein Problem ist meiner Meinung nach zum Beispiel die Begriffsdefinition Junioren-Bundesliga. Viele junge Spieler sagen mittlerweile, dass sie doch schon in der Bundesliga gespielt haben. Sie vergessen aber, dass dies der Nachwuchs war. Das hat mit dem Profibereich der Männer überhaupt nichts zu tun. Sie kommen jetzt aber in den Bereich – auch in der Regionalliga – wo sie auf richtig gute Mannschaften und eine hohe individuelle Qualität treffen. Da muss man sich erst einmal zurechtfinden. Wer sich zu sehr mit seinen eigenen Problemen und Befindlichkeiten beschäftigt, wird ganz schnell vom Nächsten überholt. Dafür gibt es einfach zu viele extrem gute Fußballer. Diejenigen, die die Situation annehmen und sich durchbeißen, die schaffen es auch und werden erfolgreich sein.

Die Spieler kennen Sie jetzt schon ein paar Tage, für viele Bremer werden Sie noch recht unbekannt sein. Wer also ist dieser Konrad Fünfstück, wie würden Sie sich und Ihre Arbeit charakterisieren?

Ich bin ein Trainer, der sehr strukturiert arbeitet und von dem man bei meinen Stationen behauptet hat, dass die jeweiligen Mannschaften offensiv und defensiv eine klare Handschrift hatten. Ich bin aber auch ein absoluter Teamplayer, der sehr loyal und vertrauensvoll ist. Das fordere ich auch von meinem Umfeld ein, lebe es aber auch vor. Und ich habe Freude an den Details.

Wie schwierig ist es bei den Details, die Spieler nicht zu überfordern, sondern für jeden die richtige Ansprache zu finden?

Es ist ja alles nicht so kompliziert, wie es immer gemacht wird. Das sieht man auch an einigen Begriffen. Manchmal frage ich mich, ob es wirklich noch um Fußball geht. Entscheidend ist, dass es defensiv eine klare Struktur gibt, da gibt es auch keine zwei Meinungen. Ich verstehe Fußball immer als Orchester, in dem jeder wissen muss, wann er seinen Einsatz hat. Offensiv möchte ich Optionen mitgeben, aber auch die Kreativität ausleben lassen. In der letzten Zone vor dem Tor muss man den Spielern dann auch Fehler zugestehen. Wir wollen keine Roboter auf dem Platz.

Sie haben zuletzt in der Schweiz beim FC Wil bewiesen, dass Sie ein Team kontinuierlich weiterentwickeln können. Trotz eines Mini-Etats führten Sie den Klub innerhalb kürzester Zeit sogar für einige Wochen an die Spitze der Zweitligatabelle. Lässt sich solch ein Erfolg übertragen?

Das weiß ich nicht. Grundsätzlich hat ja jeder Verein, jede Mannschaft ein Spezifikum. Als Trainer hat man dort immer andere Voraussetzungen. Es ist ein Zyklus im Fußball-Business, mal hat man ein Hoch, mal ein Tief. Wichtig ist, dass man in jeder Phase konzentriert und fokussiert bleibt und sich auf seine eigene Aufgabe konzentriert.

Aber ein anderes Ende in Wil hätten Sie sich sicherlich gewünscht, oder? Sie haben bereits im Winter Ihren Abschied zum Saisonende bekannt gegeben, dann blieb der Erfolg aus und sie mussten schon im März gehen.

Wir haben die Mannschaft bei meinem Abschied aus Wil übergeben, als der Aufstieg noch möglich war, andererseits stand mit Ciriaco Sforza der Trainer der neuen Saison bereit, der direkt übernehmen konnte und wollte. Für den Verein war es also eine Win-Win-Situation. Das ist ein ganz normaler Prozess. Ich bin extrem stolz auf das, was wir in der Schweiz erreicht haben. Wir haben 14 U-Nationalspieler entwickeln können, eine eigentlich abgestiegene Mannschaft bis in die Spitzengruppe geführt – mit einem Altersschnitt von 21 Jahren. Das hat in der Schweiz für Schlagzeilen und Furore gesorgt.

Zurück nach Bremen. Sie haben es nicht nur mit einer neuen Mannschaft mit vielen neuen Spielern zu tun, sondern lernen mit Björn Dreyer auch gerade einen neuen Co-Trainer kennen. Inwiefern erschwert das Ihre Aufgabe?

Ich finde es positiv, dass ich mit Björn Dreyer, aber auch Mirko Votava und allen anderen Personen ein Trainer- und Funktionsteam habe, die den Verein und die Abläufe kennen. Alles andere ist noch zu frisch und zu neu, um es abschließend zu bewerten. Aber alle sind die Saison sehr engagiert angegangen. Die Arbeit und der Austausch machen richtig Spaß.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+