Clemens Fritz über seinen Scouting-Posten

„Ich erfinde das Rad nicht neu“

Clemens Fritz weiß um die Schwierigkeit seiner neuen Aufgabe bei Werder als Chef-Scout, hat aber keine Angst davor, dass er nun ganz genau beäugt wird und bei möglichen Transferpatzern kritisiert werden könnte.
27.11.2019, 17:59
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„Ich erfinde das Rad nicht neu“
Von Malte Bürger
„Ich erfinde das Rad nicht neu“

Clemens Fritz ist Werders neuer Chef-Scout und sich seiner großen Verantwortung bewusst.

nordphoto

Es war eine zähe Angelegenheit, Werder hat sich einige Monate Zeit genommen, um einen passenden Nachfolger für Tim Steidten als Leiter der Scouting-Abteilung zu präsentieren. Die Lösung war am Ende die unspektakulärste, weil naheliegendste: Clemens Fritz. Der Ex-Profi hat seit dem Frühjahr 2018 als Trainee sämtliche Abteilungen abseits des Rasens durchlaufen, seit dem vergangenen Sommer seinen neuen Posten bereits interimsmäßig gemeinsam mit Sebastian Hartung bekleidet. Nun tut er dies also offiziell.

Eine Sache ist Clemens Fritz ganz wichtig. „Ich erfinde das Rad nicht neu – will ich auch gar nicht“, betonte der 38-Jährige am Mittwoch. „Hier wurde in den letzten Jahren gute Arbeit gemacht. Ich komme nicht hierher und will alles verändern.“ Stattdessen erhofft er sich einen fließenden Übergang von seiner bisherigen Arbeit und der künftigen Aufgabe. „Ich habe mich in viele Themen eingearbeitet, mit Sebastian Hartung ergänze ich mich sehr gut. Es ist ohnehin ein Vorteil, dass ich den Großteil des Teams schon kenne“, sagte Fritz. „Jetzt ist es wichtig, mir einen besseren Überblick über das Leistungszentrum zu verschaffen. Auch Themen wie Beraternetzwerk und Marktkenntnisse kommen jetzt auf mich zu.“

Vorbereiter Fritz, Vollstrecker Baumann

Auf dem Papier ist Fritz also der direkte Nachfolger des nach Leverkusen abgewanderten Tim Steidten. Einen kleinen, aber feinen Unterschied gibt es jedoch. Steidten wurde in Bremen stets auch als Kaderplaner bezeichnet, diesen Titel lehnt Clemens Fritz allerdings direkt ab. Und zwar nicht nur deshalb, weil sein Hauptaugenmerk neben dem Profibereich eben auch auf dem vereinseigenen Leistungszentrum der Nachwuchsspieler liegt. „Wir müssen in unserer Abteilung den Markt, die Spieler kennen und alles so gut wie möglich vorbereiten“, sagte Fritz, „aber letztlich sind es Sportchef Frank Baumann und Trainer Florian Kohfeldt, die sich unsere Empfehlungen anhören und dann ihre eigene Meinung bilden – und dann am Ende auch entscheiden, was passiert.“

Clemens Fritz weiß, dass seine Arbeit in der Öffentlichkeit genau beobachtet wird. Gelingen dem Verein gute Transfers, dürfte es Lob regnen. Greift Werder daneben, sind die Kritiker nicht weit. Die Vita des Ehrenspielführers dürfte jedenfalls nicht gerade dafür sorgen, dass er im Schatten der Öffentlichkeit werkeln wird. Angst hat er davor nicht. „Vielleicht wird das bei mir jetzt etwas mehr beäugt, aber sonst dürfte ich ja gar nichts mehr machen. Dann müsste ich sagen, dass ich mich total aus dem Fußballgeschäft rausziehe“, sagte Fritz. „Ich war mein ganzes Leben lang damit konfrontiert, kritisiert oder auch gelobt zu werden.“

Chef-Scout nur eine Zwischenstation?

Früher ging es darum, mit Werder auf dem Platz erfolgreich zu sein, nun muss er dies auf dem heißen Pflaster des Transfermarkts schaffen. „Es weiß jeder, dass wir hier nicht den Geldkoffer unterm Hocker vorziehen können“, sagte Fritz. „Es ist auch weiterhin die Herausforderung, kreativ zu sein und Spieler zu finden, die sich hier weiterentwickeln und uns weiterhelfen können.“ Und auch wenn er nun als Chefscout an der Spitze der verantwortlichen Abteilung steht, ist es ihm wichtig, den Teamgedanken zu betonen. Fast so wie damals, als er noch Kapitän einer im Idealfall funktionierenden Mannschaft war. „Ich bin ein sehr kommunikativer Chef“, sagt Fritz über sich. „Das war schon früher so, dass ich immer Dinge angesprochen habe, wenn mir etwas aufgefallen ist.“

Momentan befindet er sich vor allem mit Frank Baumann im regen Austausch. Eben jener Sportchef, der nach eigenem Bekunden in sechs Jahren eine Auszeit nehmen möchte und als dessen Nachfolger auch immer wieder Clemens Fritz genannt wird. Ist der jetzige Job also eine Zwischenstation? „Ich habe mich nie davor gesträubt, Verantwortung zu übernehmen. Das ist aber so weit weg. Ich kann heute noch gar nicht sagen, was in zwei, drei oder vier Jahren ist. Oder 2025“, sagte Fritz. „Ich habe einen Riesenrespekt davor, wie Frank Baumann seinen Job ausführt. Ich freue mich, dass ich die Möglichkeit habe, viel von ihm mitzubekommen und dass ich immer auf ihn zugehen kann, wenn ich Fragen habe.“

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