BVB-Sportdirektor Michael Zorc im Interview

„Ich hoffe, Werder bleibt in der Bundesliga“

Im Gespräch mit dem WESER-KURIER erklärt Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc die Hintergründe der spektakulären Haaland-Verpflichtung und äußert sich über die Kohfeldt-Gerüchte und den Bremer Weg in der Krise.
22.02.2020, 09:09
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Von Jean-Julien Beer
„Ich hoffe, Werder bleibt in der Bundesliga“

Dortmunds Michael Zorc ist der dienstälteste Manager der Bundesliga - und hat ein Herz für Traditionsvereine wie Werder Bremen.

dpa

Herr Zorc, nach dem Pokal-Aus vor zwei Wochen in Bremen haben Sie Ihrer Mannschaft „Lahmarschigkeit“ vorgeworfen. Muss Werder befürchten, dass Dortmund diesmal einen rasanteren Auftritt in Bremen hinlegt?

Michael Zorc: Das hoffe ich sehr. Das wird für uns auch notwendig sein, um ein besseres Ergebnis zu erzielen als im DFB-Pokal. Es geht darum, diesmal in Bremen zu gewinnen.

Merkwürdig ist das ja schon: Bei den letzten vier Duellen gelang dem BVB kein Sieg gegen Werder, weder im Pokal, noch in der Bundesliga. Viele andere Mannschaften haben Werder in dieser Saison geschlagen. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum Bremen Ihrer Borussia nicht liegt?

Nicht wirklich. Das ist in der Tat sehr auffällig. Vergangene Saison gab es das 2:2 im Weserstadion in der Endphase der Meisterschaft, im Pokal-Achtelfinale hatten sie damals bei uns gewonnen. Dann jetzt wieder das Pokal-Aus und davor ein 2:2 in der Hinrunde in Dortmund. Es gibt manchmal solche Phänomene im Fußball, die du nicht wirklich erklären kannst. Ich weiß nicht, ob sich Werder gegen uns immer besonders ins Zeug legt – vielleicht ist das der Grund. Aber ich hoffe, dass wir diese Serie nun in Bremen nicht bestätigen.

Vielleicht macht der Trainer die Mannschaft besonders heiß, Florian Kohfeldt ist ja ein wenig Fan von Dortmund…

Ich weiß nicht, ob er das ist. Aber eines stimmt: Seine Mannschaft spielt gegen uns oft besonders gut. Aber zuletzt im DFB-Pokal lag das schon auch sehr stark an uns, dass wir unsere PS nicht auf den Platz gebracht haben.

Nach der großen Bühne Champions League gegen Paris geht es für Dortmund nun ins zwar ausverkaufte, aber kleinere Weserstadion – und statt Neymar und Mbappé stehen nun Bittencourt & Co. auf dem Rasen. Wie schwer ist es da, wenige Tage später wieder eine Topleistung abzurufen?

Es sind vier Tage, das ist ausreichend. Schwieriger wird es, wenn du einen Dreitagesrhythmus hast, also von Mittwochabend auf Samstagmittag. Vor allem, wenn du dann auch noch auswärts spielst, dann ist es auch physisch nicht so einfach. Aber die Reise nach Bremen ist jetzt nicht allzu weit, zumindest körperlich werden wir in einer sehr guten Verfassung sein. Wir müssen eben wissen, wie unsere Saison verläuft – und dazu reicht ein Blick auf die Tabelle. Wenn wir weiter oben mitspielen wollen, dann brauchen wir die drei Punkte in Bremen. Das ist einfach so und letztlich einfache Mathematik. Wir haben schon zu viele Punkte liegen gelassen. Deshalb können wir uns keine weiteren Ausrutscher erlauben.

Alle Welt redet von Erling Haaland, der nicht nur Dortmund im Sturm erobert. Wie schafft es der Junge bei dem ganzen Rummel, so normal zu bleiben? Er ist erst 19 Jahre alt.

Er hat außerhalb des Platzes eine fast schon stoische Ruhe und ist da sehr gefestigt. Erling Haaland ruht in sich und weiß, was er will. Das ist einer, der nur Fußball im Kopf hat und sich total darauf fokussiert. Auch neben dem Platz tut er alles dafür, topfit zu sein. Natürlich bekommt er den Rummel mit. Ich wurde schon nach seinen ersten zwei Spielen gefragt, ob ich nicht die Euphorie um Haaland bremsen müsse. Aber warum? Ich denke: Lasst uns doch diese positive Stimmung mitnehmen und nutzen, so viel hatten wir davon ja nicht in den letzten Monaten in Dortmund. Man sieht, dass das bei ihm gut funktioniert.

Wie haben Sie es denn geschafft, dass sich Haaland bei all den Top-Angeboten für den BVB entschieden hat? Geld wird es eher nicht gewesen sein, er hätte überall viel verdienen können. War es also der emotionale Faktor?

Der monetäre Faktor war es jedenfalls nicht, denn da lagen Angebote auf dem Tisch, die deutlich besser waren als unseres. Aber es war nicht nur der emotionale Faktor und auch nicht nur die Gelbe Wand in unserem Stadion, sondern es ist natürlich auch eine clevere Karriereplanung. Wir brauchten den Jungen für unser Spiel. Wir haben genau dieses Stürmerprofil gesucht, und das haben wir ihm vermitteln können, dass er bei uns den nächsten Karriereschritt machen kann in einer Mannschaft, die sehr viel Wert auf Ballbesitz legt. Bei uns kann er zu einem kompletten Stürmer reifen und definiert sich dann nicht mehr nur übers Umschaltspiel. Das hat ihn überzeugt.

Sie haben schon viele dieser Top-Stürmer nach Dortmund geholt. Lewandowski, Aubameyang, jetzt Haaland. Wie gelingt Ihnen das immer wieder, die zu entdecken und vom BVB zu überzeugen?

Da geht es nicht nur um mich, da steckt auch eine sehr gute Scoutingabteilung beim BVB dahinter, die solche Transfers sehr gut vorbereitet. Zudem haben wir als Borussia Dortmund ein sehr gutes Gesamtprodukt zu bieten und sind für diese Top-Top-Talente in Europa momentan der beste Klub. Weil sie eben bei uns lernen, unter Druck Fußball zu spielen und gewinnen zu müssen, aber gleichzeitig auch eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit haben, auf ihre Spieleinsätze zu kommen. Und das auf höchstem Niveau, was bedeutet, eben nicht nur in der dritten Pokalrunde mal dabei zu sein, sondern in der Champions League und in den Topspielen der Bundesliga. Wir können den Jungs die Spielberichtsbögen zeigen. Die sind in der Regel das beste Argument pro BVB. Bei uns spielen die Jungs, egal, wie alt sie sind.

Ihr Gegner Werder Bremen hängt im Abstiegskampf fest. Sind Sie überrascht von Werders Saison?

Ich hatte sie eigentlich höher eingestuft, aber dann erwischte sie in der Hinrunde sehr viel Verletzungspech. Man kennt das, wenn man lange im Fußball dabei ist, es gibt dann manchmal so eine schleichende Abwärtsdynamik. Und man kann gar nicht so viel dagegen machen. Grundsätzlich betrachte ich Werder Bremen sicher nicht als Abstiegskandidaten.

Sie haben es mit dem BVB in der Saison 2014/15 selbst erlebt, wie so eine Abwärtsspirale bei einem Traditionsverein funktioniert. Nach tollen Jahren mit Jürgen Klopp stand Dortmund im Winter sogar auf Platz 18. Wie haben Sie es damals geschafft, die Saison trotzdem mit diesem Trainer zu beenden – auch wenn von allen Seiten ständig ein Trainerwechsel thematisiert wurde?

Aufgrund der vorherigen Erfolge mit Jürgen Klopp war das für uns natürlich kein Thema. Du musst immer schauen, ob der Trainer die Mannschaft noch erreicht und die Spieler umsetzen, was er vorgibt. Bekommt der Trainer die Mannschaft noch ans Laufen, so nenne ich das immer ganz gerne. Und wer Jürgen Klopp ein bisschen kennt, der weiß, dass das immer gegeben ist. Wir waren sicher, dass wir mit ihm die Saison vernünftig beenden würden. Am 19. Spieltag waren wir auf Platz 18 und haben es am Ende doch noch in die Europa League geschafft.

Also spielen Vertrauen und Überzeugung in der Trainerfrage die größte Rolle?

Das ist so, ja. Wir hatten damals schon viele Jahre zusammen gearbeitet und wussten, dass das Band noch immer vorhanden ist.

Fühlen Sie mit, wenn ein langjähriges Bundesligamitglied wie Werder Bremen jetzt solche Probleme hat?

Ich hoffe, dass Werder am Ende in der Bundesliga bleibt, weil ich mir schon wünsche, dass uns diese Traditionsvereine erhalten bleiben. Auch wenn man das in Bremen vielleicht nicht so gerne hört, wünsche ich mir deshalb auch einen Aufstieg des Hamburger SV.

Ihr Manager-Kollege Frank Baumann hat für sich entschieden, Werder mit Ruhe und völlig unaufgeregt durch die Krise zu steuern. Das ähnelt stark dem Dortmunder Weg von damals. Ist das nicht schwerer, als wenn man wie die guten alten Hoeneße und Calmunds dieser Welt jede Woche Dampf ablässt?

Ich habe mit Frank Baumann bei manchem Transfer in den vergangenen Jahren viel zu tun gehabt, er ist ein sehr angenehmer und kompetenter Mann. Ich schätze ihn. Es war aber schon immer der Werder-Weg, wenn ich das über viele Jahre und fast Jahrzehnte verfolge. Die haben das in Bremen immer etwas anders gemacht und sich eben nicht unter Druck setzen lassen von der Öffentlichkeit oder von Medien. Das ist angenehm zu beobachten.

Nach dem Spiel Dortmund gegen Werder in der Hinrunde gab es plötzlich viele Berichte über eine Zukunft von Florian Kohfeldt beim BVB. Ihr Funktionärskollege Sebastian Kehl reagierte erzürnt, auch Kohfeldt fand das unangebracht, vor allem seinem Trainerkollegen Lucien Favre gegenüber. Regen Sie sich mit Ihrer Erfahrung über so etwas noch auf – und woher kommen diese Geschichten über Kohfeldt und den BVB?

In der Regel kommen solche Geschichten aus Ihrer Zunft, aus einigen Medien. Das hatte damals überhaupt keine Grundlage, auch wenn ich Florian Kohfeldt als Werder-Trainer sehr schätze. Ich rege mich aber nicht mehr auf, weil ich gelernt habe, dass es einfach nicht mehr zu ändern ist. Wir leben leider in einer Zeit, in der ungezählte Portale irgendetwas ungeprüft veröffentlichen. Und das wird dann leider hundertfach ungeprüft übernommen. Dann hast du irgendwelche Gerüchte am Markt, die Fans regen sich mitunter auf, obwohl das Fundament des ganzen Ärgers schlicht eine Falschmeldung ist. Als Klub kannst du nichts dagegen machen, sonst wärst du den ganzen Tag nur noch am Dementieren. Ich beschwere mich übrigens gar nicht, das ist einfach eine sachliche Zustandsbeschreibung. Und weil es so ist wie es ist, haben wir es uns abgewöhnt, Gerüchte zu kommentieren. Wir lassen die Leute schreiben und reden. Wenn wir etwas zu vermelden haben, dann melden wir uns. Und sonst eben nicht.

Unabhängig von Dortmund: Verliert ein junger Mann wie Kohfeldt, unlängst noch Trainer des Jahres, im Abstiegskampf an Renommee? Oder muss man ihm zugutehalten, dass Werder nicht das Schlaraffenland der Bundesliga ist, wo man jedes Spiel gewinnen kann?

Entscheidend wird jetzt sein, glaube ich, wie Werder aus der Situation herauskommt. Dann kann man auch als junger Trainer gestärkt aus so einer misslichen Lage hervorgehen. Jürgen Klopp ist in seiner Mainzer Zeit auch nicht jedes Jahr aufgestiegen oder in der Liga geblieben. Wir haben ihn damals nur bekommen, weil er mit Mainz eben nicht aufgestiegen ist. Wir haben Klopp aus der zweiten Liga zum BVB geholt, das vergessen heute viele Leute.

Im Sommer haben Sie Ömer Toprak nach Bremen abgegeben, zunächst auf Leihbasis. Er fiel seither immer wieder mit schweren Verletzungen aus. Hat Sie das überrascht?

Es ist vor allem sehr schade. Weil Ömer ein Top-Junge ist, aber eben auch den Wunsch hatte, vermehrt zu spielen.

Ist Toprak der Typ, der sich auf sein altes Niveau zurückkämpft?

Ja. Ömer ist charakterlich einwandfrei, hat so viel Erfahrung und schon so viele Schlachten geschlagen, dass es Werder im Rest dieser Saison sehr gut tun würde, wenn er auf dem Platz steht.

Bleibt Werder in der Bundesliga, wechselt Toprak gegen ein paar Millionen Euro fest nach Bremen. Bei einem Abstieg kommt er zu Ihnen zurück. Was nehmen Sie im Sommer lieber in Empfang: Das Geld oder den Spieler?

Die Vereinbarung wurde in dem Sinne geschlossen, dass Werder die erste Liga erhält. Insofern bin ich weiter zuversichtlich, dass das auch so kommt.

Beim zweiten Ex-Dortmunder in Bremen, Nuri Sahin, läuft der Vertrag aus. Derzeit sieht es nicht nach einer Verlängerung aus. Könnte er schon im Sommer eine Aufgabe beim BVB übernehmen, was immer im Gespräch war, oder ist er noch zu jung und sollte weiter Fußball spielen?

Darüber haben wir uns noch keine Gedanken gemacht und auch nicht gesprochen. Nuri ist ja erst 31 Jahre alt, ich glaube, damit ist er noch jung genug, um weiter in der ersten Liga Fußball zu spielen.

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