Friedl: Das erste Tor war nur der Anfang

„Ich will noch wichtiger werden“

Seitdem ihn Werder im Sommer fest verpflichtete, stand Marco Friedl in jedem Spiel in der Startelf. Trainer Florian Kohfeldt lobt Friedls Entwicklung. Und der junge Österreicher will noch mehr.
02.10.2019, 10:02
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Von Jean-Julien Beer
„Ich will noch wichtiger werden“

Der Sprung ins Glück: Marco Friedl bejubelt seinen Kopfballtreffer zum 2:2 in Dortmund.

nordphoto

Sein nasses Werder-Trikot mit der Rückennummer 32 hat Marco Friedl mit nach Hause genommen. Es wird gewaschen und behalten. „Es war ein besonderer Tag in meiner Karriere“, betonte der 21 Jahre junge Österreicher nach dem ersten Bundesligator seiner Karriere. Schön sei vor allem gewesen, „dass es nicht irgendein Tor war, sondern auch ein wichtiges Tor, das der Mannschaft geholfen hat“. Nämlich der Treffer zum 2:2-Endstand im Dortmunder Tollhaus. Vor mehr als 80.000 Zuschauern. Direkt vor den jubelnden Werder-Fans.

Dabei war Friedl bei diesem Eckball gar nicht als Nummer 32 unterwegs, sondern eigentlich als falsche 18. Die trägt bei Werder der Kapitän Niklas Moisander. Die Bremer haben in den vergangenen zwei Jahren schon einige solcher Tore nach Ecken erzielt, und das meist nach diesem Muster: In der Mitte verlängert einer den Ball (zuletzt die Aufgabe von Yuya Osako), und dann lauert Moisander am zweiten Pfosten und bringt den Ball ins Netz. „Das war natürlich ein einstudiertes Tor“, lobte Trainer Florian Kohfeldt später, musste aber selbst ein wenig schmunzeln: „Josh Sargent sollte den Osako machen und auf den ersten Pfosten gehen – und Marco Friedl sollte den Moisander machen. Das hat ganz gut geklappt.“

Nicht seine optimale Position

Es ist schon eine besondere Geschichte mit Friedl in dieser Saison. Im Sommer hätte er Bremen verlassen können, er war ja nur ausgeliehen von seinem Stammverein Bayern München. Und mit dem für ihn typischen Selbstbewusstsein hatte er angekündigt, aus allen Angeboten natürlich den Verein auszuwählen, wo er am meisten spielen werde. Als er sich dann entschied, die Offerte eines Dreijahresvertrags bei Werder anzunehmen, fragten sich viele: Ja, wo will er denn hier spielen? Die Antwort lautet bisher: Friedl spielt immer.

Das hängt natürlich auch mit der angespannten Personalsituation in der Bremer Defensive zusammen. Im Grunde war Friedl schon im Sommerurlaub ein Gewinner. Während er sich noch von den Strapazen der U21-Europameisterschaft in Italien erholen durfte, wurden in Bremen die Tage bis zu seiner Rückkehr ins Training gezählt. Denn schon da war klar, dass die beiden Innenverteidiger Sebastian Langkamp und Milos Veljkovic lange ausfallen würden; beide haben bis zu diesem Oktober noch nicht gespielt. Zwischenzeitlich meldeten sich auch noch Ömer Toprak und Niklas Moisander mit schweren Verletzungen auf dieser Position ab. Doch kurioserweise spülte all das den jungen Innenverteidiger Friedl nicht in Werders Startelf – sondern der Ausfall von Linksverteidiger Ludwig Augustinsson wegen einer Knie-Operation. Schon vergangene Saison hatte Friedl hier und da auf der Außenbahn einspringen müssen, was im Grunde eine undankbare Aufgabe ist für einen Schlacks wie ihn, der lieber zentral verteidigt als vorne die Stürmer mit Flanken zu füttern. Doch er machte das so solide, dass schnell klar war: Besser macht das jetzt kein anderer im Kader. „Es ist zwar nicht meine Lieblingsposition“, meint Friedl, „aber das ist derzeit auch nicht wichtig. Als junger Profi ist für mich nur wichtig, dass ich auf meine Spiele komme.“

Kohfeldt: „Er muss auf dem Boden bleiben“

In allen sechs Bundesligaspielen stand er in der Startelf, auch in der ersten Pokalrunde gegen Delmenhorst. Zwei Vorteile tragen dazu entscheidend bei: Friedl ist nie verletzt. Und er lernt schnell. „Man sieht bei ihm eine Entwicklung“, lobt Kohfeldt, „so langsam bekommt er Souveränität. Vor der Saison zu erzählen, dass er mehr Spielzeit haben will, das ist das eine. Aber dann kriegst du die Verantwortung plötzlich und dann spielst du immer! Da hat er schon ein bis zwei Wochen gebraucht, bis er diese Souveränität hatte. Jetzt freue ich mich für ihn. Er muss aber auf dem Boden bleiben.“

Augenscheinlich hat Friedl auch das verstanden. Jede noch so clevere Frage nach seinem Tor in Dortmund beantwortete er zunächst immer mit dem Hinweis, dass bei diesem Treffer vor allem wichtig war, „dass ich der Mannschaft helfen konnte und wir dadurch einen wichtigen Punkt mitnehmen konnten“. Erst dann gewährte er Einblicke in seiner Gefühlswelt. Es gibt ja weiß Gott unspektakulärere Orte und unwichtigere Spielstände für so ein erstes Bundesligator. „Es war ein schöner Moment für mich, für jeden Spieler ist das erste Bundesligator etwas, was man sein Leben lang nicht vergisst“, sagte Friedl, „ich hatte das noch nie erlebt, es war emotional und super schön. Aber noch mal: Wichtiger ist, dass ich der Mannschaft helfen konnte.“ In Gedanken ging er seinen Kopfballtreffer noch einmal durch: „Eine Verlängerung auf den zweiten Pfosten ist immer gefährlich, diese Verlängerung von Josh Sargent war super gemacht, die Ecke auch, da hat alles gepasst.“

Krämpfe nach dem Tor

Natürlich auch bei Friedl. Der habe in dieser Szene „sein Näschen für Tore bewiesen“, lobte Sportchef Frank Baumann, der im Mai mit den damals noch freudetrunkenen Double-Bayern eine Ablösesumme von etwa drei Millionen Euro ausgehandelt hatte. Gut investiertes Geld mit der Aussicht auf eine stattliche Rendite, wenn Friedls Entwicklung so weitergeht. Der Stammspieler der österreichischen U21-Auswahl will in Bremen jedenfalls weiter seine Spuren hinterlassen. „Mit den sechs Spielen bin ich im Moment sehr zufrieden“, erklärt er, „es ist aber nur eine Momentaufnahme. Ich will noch mehr spielen und mich noch verbessern, ich will noch wichtiger werden. Die sechs Spiele, die ich jetzt immer auf dem Platz stand, die sind ein kleiner Schritt, hoffentlich geht es so weiter.“

Erschwerend kommt für ihn ja noch hinzu, dass er nicht nur auf einer ungewohnten Position verteidigen muss, sondern die ganze Abwehrformation zuletzt immer eine Notlösung war und dem jungen Friedl keinen zusätzlichen Halt geben konnte. Nach der starken Bremer Leistung beim 2:2 in Dortmund sagte Friedl deshalb: „Ich denke, an uns alle in der Abwehr ist nach diesem Spiel ein Lob auszusprechen. Es ist ja ohnehin schon schwer in Dortmund, außerdem spielten einige in der Abwehr nicht auf ihren angestammten Positionen. Deshalb bin ich froh, dass es so geklappt hat. Wir wussten, dass jeder ans Limit gehen muss.“

Torschütze Friedl sogar ganz besonders, wie sein Trainer nach dem Spiel mit einem Augenzwinkern verriet: „Marco war einfach toll. Und für sein erstes Bundesligator ist er so hoch gesprungen, dass er die letzten fünf Minuten Krämpfe hatte.“ Krämpfe, ein Tor, ein Punkt – solche Abende in Dortmund sind unvergesslich. „Die Mannschaft hat eine super Moral und Mentalität bewiesen“, freute sich Friedl, „dieses Spiel gibt uns hoffentlich Auftrieb für die nächsten Wochen.“ Und auch in denen wird es nach Lage der Dinge bei Werder heißen: Friedl spielt immer.

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