Sahin lobt Werders aktuelle Entwicklung

„Ich würde uns nicht abschreiben“

Obwohl einige Spieler weiter fehlen, gelang Werder ein starkes 2:2 in Dortmund. Deshalb lobt Nuri Sahin die Mannschaft und will von einer B-Elf nichts hören. Er glaubt weiter an eine gute Saison.
01.10.2019, 10:20
Lesedauer: 4 Min
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Von Jean-Julien Beer
„Ich würde uns nicht abschreiben“
nordphoto

Es wirkte, als wäre Nuri Sahin dieser eine Satz fast ein wenig unangenehm. Ausgerechnet in Dortmund, bei seinem langjährigen Verein. Ein paar Meter entfernt standen noch ein paar seiner früheren BVB-Kollegen, und so beugte sich Sahin ein bisschen herüber zu seinen Gesprächspartnern in der Medienzone des Dortmunder Stadions und sagte mit etwas leiserer Stimme: „Ganz ehrlich: Wir hätten hier mit etwas Glück sogar gewinnen können. Aber auch dieses 2:2 zu holen, das war eine sehr, sehr gute Leistung.“

Sahin kennt dieses Stadion natürlich bestens, er hat mehr als sein halbes Fußballer-Leben dort verbracht. Er weiß deshalb auch, dass diese imposante schwarz-gelbe Kulisse mit mehr als 80 000 Zuschauern auf den steilen Tribünen einschüchtern kann. So mancher Gegner schafft es nicht, dort konzentriert und befreit Fußball zu spielen. Genau das hatte Sahin deshalb angesprochen, als sich Werders Spieler zu einem Kreis versammelten: „Da habe ich gesagt: Um große Spieler zu werden, um eine große Mannschaft zu werden, müssen wir in solchen Stadien bestehen und unseren Mann stehen. Und das haben wir getan. Weil wir eine Mannschaft sind, die sich auf solche Spiele freut.“

Die Bremse rausgehauen

Vor allem in der sehr starken zweiten Halbzeit, als Werder viel mutiger mitspielte, passierte etwas in den Köpfen und in den Füßen der Werderspieler. Sahin beschreibt es so, „dass wir die Bremse rausgehauen haben“, nachdem zuvor doch arg viele Pässe schnell beim Gegner gelandet waren. „Und da haben wir uns gesagt: Hey, wir können auch Fußball spielen. Warum verlieren wir jeden Ball?“ Man sei dann durchaus selbst etwas überrascht worden, „wie gut wir in der zweiten Halbzeit drin waren in diesem Spiel. Da haben wir richtig gut Fußball gespielt.“ Und das bei einem Gegner, der unter der Woche in der Champions League aufläuft.

In der Schlussphase schwankte die Partie plötzlich hin und her, Werder hatte den Rückstand in ein 2:2 verwandelt und war psychologisch im Vorteil. Und dann kam eine der Szenen, die Sahin meinte, als ein Schuss des eingewechselten Benjamin Goller abgefälscht wurde und knapp das Dortmunder Tor verfehlte. „Wenn der reingeht, holen wir drei Punkte“, sagte Sahin, „das ist eine Entwicklung, die wir noch gehen müssen. Große Mannschaften hätten da vielleicht noch das dritte Tor gemacht, aber wir kommen auch noch dahin. Es sollte immer unser Ziel sein, ein solches Spiel zu gewinnen. Und das ist ja auch schon Werders Ziel.“

„Wir sind keine Lückenfüller“

Solche Worte zeugen von Sahins Selbstvertrauen. In seiner Karriere trug er auch die Trikots von Weltklubs wie Real Madrid oder dem FC Liverpool mit Freude. Nun möchte er durch Leistung und durch Führung dazu beitragen, auch Werder auf ein höheres Level zu heben. Auch deshalb will er sich nicht damit beschäftigen, dass in Bremen seit Wochen und Monaten wichtige Spieler ausfallen. Ganz im Gegenteil. Sahin geht die öffentliche Wahrnehmung der heiklen Personalsituation sogar in die völlig falsche Richtung. „Es kommt mir immer ein bisschen zu kurz, dass wir noch ein paar gute Namen auf dem Platz hatten“, betont Sahin und stellt sich geradezu schützend vor die jetzige Werder-Formation, die in den letzten vier Bundesligaspielen sieben Punkte holte: „Es hört sich so an, als wenn wir die Lückenfüller für irgendwelche Leute sind. Aber wir sind auch gut. Wir haben auch Qualität, das gefällt mir nicht, wie das immer geschrieben wird.“ Als Beispiel führt Sahin seinen Mannschaftsteil an, also das Bremer Mittelfeld: „Da spielen wir mit Klaassen, Maxi Eggestein, Sahin, und Bittencourt – das ist kein so schlechtes Mittelfeld, bei allem Respekt. Wir können auch Fußball spielen.“

Dortmund als Bonusspiel

Für das Mittelfeld kann man das natürlich so sehen, aber die Probleme im Sturm und in der Abwehr kann man auch nicht ignorieren. Sahin räumt deshalb zwar ein, dass die Abwehrformation so sicher nicht vorgesehen war, ordnet aber auch das positiv ein: „Aber ich finde, Christian Groß und Theo Gebre Selassie haben das als Innenverteidiger sehr gut gemacht. Sie haben gegen einen sehr starken und dominanten Gegner mutig nach vorne verteidigt. Respekt! Die Entwicklung ist gut, in der zweiten Halbzeit haben wir richtig gut gespielt.“ Dieser Punkt in Dortmund sei für Werder deshalb mehr wert als ein Punkt in einem anderen Stadion. Sahin nennt es „ein Bonusspiel“, denn: „Ohne den anderen Teams zu nahe treten zu wollen: Beim BVB wird nicht jeder gewinnen oder einen Punkt holen. Dieses Ergebnis auswärts in Dortmund geholt zu haben, das ist gut für die Tabelle, aber auch für unsere Entwicklung.“

„Wir haben eine sehr gute Mannschaft“

Und die sei ja nicht einmal annähernd abgeschlossen. Nach und nach kommen nun potentielle Stammkräfte nach ihren Verletzungen zurück, und trotz des schwierigen Saisonstarts ist das Saisonziel Europacup nicht aussichtlos weit weg. Sahin ist sich sicher: „Wenn wir weiter machen und ruhig bleiben, wenn auch die Leute im Verein ruhig bleiben, was hier in Bremen wirklich top ist, dann sage ich: Wir werden eine gute Saison spielen. Ich würde uns nicht abschreiben.“ Was ihn dabei so sicher mache, das seien die täglichen Eindrücke mit diesem Team. „Wir haben eine sehr gute Mannschaft. Wir haben wirklich eine sehr gute Mannschaft. Ich sehe das im Training.“ Und in der zweiten Halbzeit in Dortmund sah es jeder auch auf dem Feld. Auch ohne so manche potenzielle Stammkraft.

Quasi als letzten Beweis dafür, wie Werder in diesen Wochen allen Widrigkeiten begegnet, erzählte Sahin aus der Vorwoche. Weil er gegen Leipzig gesperrt fehlte, war er auch nicht bei jenem Abschlusstraining dabei, als sich Niclas Füllkrug das Kreuzband riss. Sahin erfuhr es übers Handy, „es hat mich extrem getroffen“. Und dann sei er am Samstag ins Stadion gegangen und habe sein Trainerteam gesehen: „Die waren voll motiviert und mit guter Laune. Das war stark. Da wusste ich: Die gehen das Ding an.“

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