Die Bundesliga-Kolumne

Im Streifenwagen über die Münchner Autobahn

Unserer Kolumnist Christian Stoll offenbart seine wahren Gefühle für den FC Bayern.
19.01.2018, 18:04
Lesedauer: 3 Min
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Von Christian Stoll

Tempora mutantur, die Zeiten verändern sich. Und damit wohl auch die Sicht auf die Dinge. Das hängt wahrscheinlich mit der Weisheit des Alters zusammen (jaja, das ist natürlich bei mir ausgeschlossen, das mit der Weisheit, nicht das mit dem Alter!) Ganz ehrlich, früher war mir der FC Bayern nicht nur unsympathisch, früher habe ich den FCB wirklich aus tiefster grün-weißer Seele verabscheut. Das Wort Hass hat im Sport nichts zu suchen, deshalb vermeide ich es an dieser Stelle. Es gibt Momente, die das damals, in der Saison 1985/86, versinnbildlicht haben: Augenthalers Brutalo-Foul gegen Völler, die Bemerkungen der Bayern-Führung dazu („Wenn der nicht so schnell gewesen wäre, hätte Auge sicher den Ball getroffen“ o.s.ä.) und unser meisterliches K.o. nach Kutzop-Pfosten und Stuttgart-Niederlage. Heute weiß ich, ja die Bayern haben böse provoziert, aber wir habens letztendlich selbst verdaddelt.

Kein Fussball-Klub polarisiert so wie die Truppe aus der Arroganz-Arena. Wie sagte schon der Ur-Münchner Robert Lembke ( „Was bin ich“) sehr zurecht: „Mitleid bekommt man geschenkt, Neid muss man sich hart erarbeiten“. Bei allem Respekt den anderen großen Klubs gegenüber, der FC Bayern München ist die einzige deutsche Fußball-Weltmarke. Und zwar nicht nur der sportlichen Erfolge wegen. Auch das gesamte Drumherum stimmt. Warum? Weil es in allen Bereichen von absoluten Fachleuten und topbezahlten Profis bestimmt wird. Nehmen wir nur mal das frühere Feindbild Nummer eins aller Werder-Fans. Ich hatte Uli Hoeneß 2007 auf dem Podium einer Versicherung in Hannover zu Gast und wurde ihm als Stadionsprecher unseres SVW vorgestellt. Sein Kommentar dazu: „Das gefällt mir, mit Bremern ist immer gut Streit zu haben“. Welch bemerkenswert zweideutiger Satz! Nebenbei bemerkt war der Bayer, der eigentlich ein Schwabe ist, in der anschließenden Diskussion eloquent, wissend, nicht besser wissend und durchaus selbstironisch. Er ist nicht so, wie ich vorher dachte, dachte ich hinterher. Und er steht zu den Dingen.

Bayern hat meinen Respekt

Zu seinem Club, wie wir immer schon wussten und zu seinen Verfehlungen, wie wir später lernen konnten. Ulrich H. war im Knast und hat seine Strafe abgesessen; ich kann nicht beurteilen, ob er bereut hat, aber ich vermute es. Und sein alter Widersacher Werder-Willi hat es auch vermutet und dann haben sich der Rote und der Schwarze die Hände gereicht. Keine Show wie vielleicht manchmal früher, einfach eine menschliche Geste. Gut so. Ich muss den FCB nicht mögen, aber er hat meinen Respekt. Und wir, das kleine gallische Dorf Werder Bremen, sollten uns tunlichst nicht mit den Münchnern vergleichen. Dass wir eine gewisse Zeit lang zumindest sportlich auf Augenhöhe waren, ist in der Historie zugleich glorreich und einmalig zu nennen. Mein zweitschönster Werder-Moment nach dem Nichtabstieg gegen Frankfurt bleibt der 8. Mai 2004: Olympiastadion München, Bayern – Werder 1:3. So schließt sich ein Kreis und das mein Kumpel Uwe und ich dann derart freudetrunken waren, dass wir mit einem Werder-Taxi, sprich Streifenwagen (damals noch in grün-weiß!) von der Münchner Stadtautobahn geshuttelt wurden, macht dieses Datum umso unvergesslicher.

Denn mal ganz ehrlich: Was hat denn der gemeine Bremer heute noch vorzuweisen in einer Stadt, die einst zu den sogenannten A-Ländern, sprich Geberländern gehörte? Damals, als Bayerns designierter Ministerpräsident Markus Söder noch in seine Lederhose gepullert hat. Was bietet unsere Heimatstadt noch? Becks geschluckt, Milka gegessen, Use Akschen und Vulkan untergegangen, Kaisen und Koschnick tot. Okay wir haben noch den Stern in Sebaldsbrück, den Freimarkt, das Sechstagerennen, die Schaffermahlzeit und die Eiswette. Da wird ja immer auch gefragt: Geiht oder steiht Werder? Werder geiht, weil es eben immer irgendwie weitergehen muss und Werder steiht, weil das einer der letzten Leuchttürme dieser Stadt ist, der derzeit ein Tief namens Abstieg abwettern muss. Und nur das zählt und nicht, ob wir morgen in München punkten oder bei Kiefert 'ne Bratwurst platzt. Mahlzeit!

Christian Stoll (57)

ist seit 1996 Stadionsprecher von Werder Bremen im Weserstadion. Im wöchentlichen Wechsel mit Thomas Eichin, Jörg Wontorra und Lou Richter sowie gelegentlichen Gastautoren schreibt er in unserer Kolumne, was ihm rund um Werder aufgefallen ist.

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