Werder Bremen ist im DFB-Pokal ausgeschieden Imageverlust und finanzieller Schaden

Heidenheim. Werder Bremen hat durch die 1:2-Niederlage in der ersten Runde des DFB-Pokals beim 1. FC Heidenheim schon vor dem Bundesliga-Auftakt das erste Saisonziel verfehlt. "Das ist ein Riesen-Rückschlag", so Werder-Boss Klaus Allofs.
31.07.2011, 05:00
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Von Frank Hellmann

Heidenheim. Es war ein netter Versuch, dass die Versager in den grünen Trikots nicht sofort in die Kabine flüchteten. Sondern wenigstens eine Danksagung an jene unentwegten Getreuen des SV Werder loswerden wollten, die die beschwerliche Reise in die Schwäbische Ostalb mitgemacht hatten. Doch schnell wurde den Bremer Bundesliga-Profis klar gemacht, dass mit dem eigenen Anhang an diesem Tag nicht zu spaßen war: Wütend reckten sich Fäuste in die Luft, Bierbecher flogen. Also machte der Trauermarsch wieder kehrt.

Wie viel Schaden die 1:2 (1:0)-Blamage beim 1. FC Heidenheim in der ersten Pokalrunde angerichtet hat, war eine Stunde später daran abzulesen, dass tatsächlich einige Dutzend Werder-Fans wütend eine Sitzblockade vor dem Bremer Mannschaftsbus organisiert hatten. Ein Getränkebecher flog, "Allofs raus" wurde gerufen. Erst mit Hilfe der Polizei konnte sich das Luxusgefährt schließlich freie Fahrt verschaffen. Vielleicht war es für die gefrusteten Anhänger nicht zu ertragen gewesen, dass aus den Lautsprechern im Stadion Karnevalslieder plärrten und im Mittelkreis die Heidenheimer Veitstänze aufführten, während die Verlierer Löcher in die Luft starrten.

"Wir haben uns wirklich dumm angestellt", stammelte der mit der neongelben Mannschaftsführerbinde ausgestattete Clemens Fritz, "wir müssen mehr tun, es hat etwas gefehlt." Im Grunde boten Kapitän und Kollegen ein erschreckendes Abziehbild aus einigen schockierenden Erlebnissen der vergangenen Saison. Kein Biss und keine Spannung; keine Kreativität und kein Konzept. Alibifußball. Trainer Thomas Schaaf drückte sich in seiner Wertung indes nicht so drastisch aus. "Wir haben die Dinge nicht verfolgt, wie es nötig gewesen wäre. Das ärgert uns maßlos."

Den Auftritt als spielerisch armselig zu bezeichnen, ging dem 50-Jährigen zu weit. "Wir haben uns schwer getan, das hat nicht druckvoll ausgesehen, das ist richtig." Doch viele neutrale Beobachter empfanden als fürchterlich, was bekanntlich bestens entlohnte Erstliga-Stars gegen tapfere Drittliga-Kicker anstellten. Der Kardinalfehler: Während Möchtegern-Stars wie die später ausgewechselten Tim Borowski oder Aaron Hunt die Pflichtaufgabe im Trabertempo erledigen wollten, "sind wir um unser Leben gelaufen", wie Heidenheims Tim Göhlert ohne jedes Pathos feststellte, "und wenn ein Gegner so auftritt, gibt es keinen Grund in Ehrfurcht zu erstarren."

Das Besorgniserregende aus Bremer Sicht: Von einer Sensation ist nicht zu sprechen, wenn der mit einem Fünf-Millionen-Etat operierende Außenseiter am Ende tatsächlich das bessere, weil leidenschaftlichere Team stellt. Schon der Prachtschuss von Markus Rosenberg zum 1:0 (33.) platzte in eine Phase, in der der Favorit ein ziemlich pomadiges Bild abgab. Trotzdem hätten wohl alle einen Haken unter die Partie gemacht, wenn Marko Marin mit einem von ihm selbst eingeleiteten Handelfmeter nicht am vorzüglichen Torwart Frank Lehmann gescheitert wäre (51.). Diese Szene habe der Mannschaft "weh getan", sagte Schaaf hernach, "danach haben wir mit der Situation gehadert." Marin ("Ich war als Schütze eingeteilt") empfahl allerdings, "nicht alles auf diese Szene zu schieben, wir haben immer noch 1:0 geführt und auch noch andere Fehler gemacht". Das stimmte: Erst schlenzte Christian Sauter einen in der Entstehung überflüssigen Freistoß ins Tor (57.), dann glückte Marc Schnatterer das kecke

Ausrufezeichen nach dem besten Spielzug des Tages (59.). Symbolhaft, wie Fritz hinterherlief und der desorientierte Andreas Wolf ins Leere grätschte. Zu diesem Zeitpunkt zog sich Klaus Allofs arg verärgert auf der Ersatzbank in eine Ecke zurück, verschränkte Arme und Beine. Der Vorstandsvorsitzende brauchte eine Weile, um das Erlebte in Worte zu fassen: "Das ist ein Riesen-Rückschlag. Wir haben nicht nur einen Imageverlust, sondern auch einen materiellen Schaden erlitten." Damit stürzt der SV Werder zur Unzeit gleich in die nächste sommerliche Sinnkrise, kaum ist das Theater zwischen Aufsichtsrat und Vorstand nach außen hin beigelegt.

Doch hinter verschlossenen Türen ist nun wieder Grundsätzliches zu debattieren; gut möglich, dass der Aufsichtsrat um Willi Lemke darauf drängt, der Geschäftsführung jetzt endgültig Daumenschrauben anzulegen. Denn versäumt wurde, den leichtesten Weg ins internationale Geschäfts zu nehmen. Allofs: "Der Pokal ist nicht zusätzliche Motivation, sondern auch eine zusätzliche Einnahmequelle. Es ist ein großer Schaden angerichtet." Der 54-Jährige sagte zwar, dass das Ereignis "keine Auswirkungen auf geplante Verpflichtungen" haben werde. Doch eingedenk des ohnehin arg überreizten Budgets ist zu vermuten, dass über eine Neuorientierung in der laufenden Transferperiode nachgedacht werden muss - heißt: zu verkaufen statt zu kaufen.

Allofs' Weggefährten Schaaf blieb vor der Abreise nur, dem durchgeschwitzten Kollegen Frank Schmidt ("Ich habe meinen Jungs gesagt, sie müssen laufen, laufen, laufen") zu gratulieren. Außerdem sagte er noch: "Für Werder hoffe ich, dass unsere zweite Mannschaft es gegen diesen Gegner besser macht."

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