Werder Bremen entlässt Viktor Skripnik Impuls in der Nacht

Die Ära Viktor Skripnik als Cheftrainer beim SV Werder Bremen ist Geschichte. Vielen kam die Entscheidung zu spät. Sportchef Frank Baumann sieht das anders und erklärt seine Sichtweise.
18.09.2016, 23:55
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Impuls in der Nacht
Von Andreas Lesch

Die Ära Viktor Skripnik als Cheftrainer beim SV Werder Bremen ist Geschichte. Vielen kam die Entscheidung zu spät. Sportchef Frank Baumann sieht das anders und erklärt seine Sichtweise.

Frank Baumann nahm sich Zeit. Auch als die Fernsehkameras abgeschaltet waren, ging er noch nicht. Er blieb, er lehnte sich an eine Wand in den Katakomben des Weserstadions und redete. Es gab so viele Fragen, nach diesem wilden Werder-Wochenende, und er mühte sich, Antworten zu finden. Der Sportchef Baumann, hellblaues Hemd, Ärmel aufgekrempelt, sprach an diesem Sonntagvormittag so ruhig, wie er immer spricht. Aber was er sagte, das ließ erahnen, welch unruhige Stunden er und sein Verein hinter sich hatten.

In der Nacht zuvor, auf der Busfahrt von Mönchengladbach nach Bremen, hatte Baumann dem Trainer Viktor Skripnik mitgeteilt, dass er entlassen ist. Das sei kein angenehmes Gespräch gewesen, berichtete der Sportchef. Aber es half alles nichts mehr. Es musste sein. Zu abenteuerlich waren die Aufstellung und die Taktik gewesen, die Skripnik für das Spiel in Gladbach gewählt hatte. Zu schockierend war die Unterlegenheit seiner Mannschaft, die schon nach 21 Minuten 0:3 zurücklag. Zu deutlich war, dass es mit diesem Trainer keinen Mut, keine Hoffnung, keine Zukunft mehr gab. Baumann sagte, er sei „extremst enttäuscht” gewesen über die Art, wie Werder zuletzt aufgetreten ist. Die erste Hälfte von Gladbach fand er „sehr ernüchternd”.

Also sprach Baumann nach der Partie noch im Borussia-Park mit Klaus Filbry, dem Vorsitzenden von Werders Geschäftsführung. Er sprach auch mit Marco Bode, dem Chef des Aufsichtsrats. Die Entscheidung aber, das betonte Baumann, habe dann allein die Geschäftsführung getroffen: „Das war schon immer so. Auch bei der Verlängerung mit Viktor und der Entscheidung, mit Viktor weiterzumachen, gab’s keine Vorgabe oder Beeinflussung des Aufsichtsrats.” Innerhalb der Geschäftsführung sei der Entschluss, sich von Skripnik zu trennen, einstimmig gefallen, sagte Baumann.

Die erste harte Entscheidung

Also entließ der Sportchef seinen Trainer auf der Fahrt durch die Dunkelheit. Baumann berichtete, das Kündigungsgespräch sei respektvoll verlaufen. Nach der Ankunft in Bremen habe Skripnik sich von der Mannschaft verabschiedet und ihr Glück gewünscht. Aber hatte der Sportchef nicht noch kürzlich, nach dem 0:6 beim FC Bayern, gesagt, Skripnik bleibe auch dann, wenn sein Team die nächsten acht Spiele nicht gewinnt? Ja, das hatte er. „Aber ich habe nicht damit gerechnet, dass wir in vier Pflichtspielen drei ganz, ganz schlechte Leistungen abliefern.” Baumann hatte nach der Peinlichkeit von Gladbach „das Gefühl, dass jetzt einfach der richtige Zeitpunkt ist”. Er wusste, er musste die erste harte Entscheidung seiner Amtszeit treffen.

Wer hörte, wie Baumann über Skripnik sprach, der ahnte, wie sehr die Debatten um den Trainer den Sportchef in den vergangenen Wochen beschäftigt haben. „Natürlich war mir bewusst, dass das Trainerteam relativ wenig Kredit hatte bei allen Beteiligten”, sagte Baumann. „Trotzdem waren wir nicht blauäugig.” Ein starker Start in die Saison, so hatte er gehofft, könne die Skeptiker überzeugen. Doch dann wurde der Start ein Desaster. Baumann betonte, das sei nicht allein Skripniks Schuld gewesen. Die Verletzungen von Stammkräften wie Claudio Pizarro, Max Kruse und Philipp Bargfrede hätten ihm sehr zu schaffen gemacht.

Überhaupt habe es Skripnik in den vergangenen Monaten nicht leicht gehabt. „Was auf ihn eingeprasselt ist, das ging häufig über das normale Maß an Kritik hinaus”, sagte Baumann. „Insofern muss man auch verstehen, dass er in einen oder anderen Situation nicht so reagiert hat, wie man’s vielleicht erwarten könnte.” Trotz all dem, was war, sei Skripnik kein bisschen erleichtert gewesen, als er in der Nacht im Bus hörte, dass er gehen muss. „Er wollte sich und vor allem den Verein aus dieser Situation herausbringen”, sagte Baumann. „Er hat sich gestern noch mal klar positioniert, dass er nicht aufgibt und überzeugt ist, die Mannschaft aus dem Keller zu befreien. Er hätte definitiv darum gekämpft.” Nur wollte Werder ihn nicht mehr kämpfen lassen.

Vorerst betreut nun der bisherige U23-Trainer Alexander Nouri das Bremer Bundesligateam. Nouri sei „eine Übergangslösung”, sagte Baumann. Er selbst sondiere nun den Markt und suche eine optimale Lösung. Bisher, beteuerte der Sportchef am Sonntagvormittag, habe er aber „weder Gespräche geführt noch Erkundigungen eingeholt”. Auf die Frage, ob es möglich sei, dass Nouri im Erfolgsfall dauerhaft bleibt, antwortete Baumann: „Es ist immer alles möglich.”

Lesen Sie auch

Das hatten die Bremer auch gedacht, als Skripnik kam: dass alles möglich ist, dass alles besser wird, dass die grün-weiße Welt wieder heil wird. Und jetzt? Ist diese Welt ein heilloses Durcheinander. Werder ist Tabellenletzter der Bundesliga, mit null Punkten und 2:12 Toren aus drei Spielen; vom DFB-Pokal-Aus beim Drittligisten Sportfreunde Lotte redet ja schon gar niemand mehr. „Ich bin sehr selbstkritisch und weiß, dass wir alle Fehler gemacht haben. Dass ich Fehler gemacht habe”, sagte Baumann. „Das Trainerteam hat mit Sicherheit auch nicht alles richtig gemacht.”

Aber, und das war ihm wichtig, nun müssten endlich auch mal die Spieler zeigen, was sie können – und zwar jetzt gleich, in den anstehenden Heimspielen am Mittwoch gegen Mainz 05 und am Sonnabend gegen den VfL Wolfsburg. Baumann sagte: „Das erwarten wir: dass wir von der Mannschaft die entsprechende Reaktion sehen und dass wir so eine Leistung, wie wir sie in Gladbach in der ersten Halbzeit geliefert haben, nicht auf uns sitzen lassen wollen.”

Die zwei talentierten Assistenten

Viktor Skripnik wird die Mannschaft in diesen Partien nicht mehr betreuen, und seine Assistenztrainer Torsten Frings und Florian Kohfeldt auch nicht; sie wurden ebenfalls entlassen. Aber Baumann deutete an, dass alle drei durchaus eine Zukunft bei Werder haben könnten, früher oder später. Skripnik sei „in irgendeiner Funktion” absolut vorstellbar, sagte Baumann: „Das muss aber Sinn machen – für Werder vor allem, aber auch für Viktor.” Skripnik habe eine intensive Zeit hinter sich, befand Baumann. Deshalb sei es sinnvoll, mit der Entscheidung über seine Zukunft ein paar Wochen, wenn nicht Monate zu warten.

Kohfeldt und Frings könnten deutlich schneller zurückkehren, womöglich schon als Assistenten des neuen Cheftrainers – wer immer das wird. „Beide haben ihre Qualitäten, beide sind mit vollem Herzen Werderaner”, sagte Baumann. „Wir wären ja blöd, wenn wir diese Qualitäten in Zukunft nicht nutzen würden.” Er schwärmte: „Beide werden ihren Weg gehen als Trainer. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass sie als Cheftrainer irgendwann mal in einer hohen Klasse tätig sind.” Wenn der Sportchef aber so überzeugt ist von den beiden jungen Trainern, warum hat er sie dann nicht gleich als Interimslösung installiert? Warum waren sie für ihn, anders als der U23-Coach Nouri, keine Option? „Weil ich glaube, dass die Mannschaft einfach einen neuen Impuls braucht”, sagte Baumann.

Es wurde Zeit für diesen Impuls, das merkte man auch dem Sportchef an. Am späten Sonnabend, in Mönchengladbach, hatte er sich bei jeder Frage nach dem Trainer gewunden. Er hatte laviert und versucht, mit vielen Worten wenig zu sagen. Er wirkte ganz schön gequält. Am Sonntag in Bremen konnte Baumann endlich wieder freier sprechen. Da hatte er Klarheit, zumindest für den Moment. Wie es mit Werder weitergeht, das war auch am Ende dieses wilden Wochenendes völlig offen.

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+