Aaron Hunt über Werder Bremens Perspektiven "Jetzt beginnt die entscheidende Phase"

Bremen. Nicht nur wegen seines sehenswerten Treffers am Sonnabend in Mainz verkörpert Aaron Hunt wie kein anderer den momentanen Aufschwung bei Werder. Im Interview spricht er über den eigenen Höhenflug und den der Mannschaft.
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Von Thorsten Waterkamp

Bremen. Nicht nur wegen seines sehenswerten Treffers am Sonnabend in Mainz verkörpert Aaron Hunt wie kein anderer den Aufschwung bei Werder. Im Interview mit Thorsten Waterkamp spricht er über den eigenen Höhenflug und den der Mannschaft – und für was Werder wirklich gut ist in dieser Saison.

Sie haben kürzlich im Training im Alt-gegen-Jung-Spiel bei den Alten gespielt. Mal was Neues?

Aaron Hunt: Nein, das ist diese Saison schon ein paar Mal vorgekommen. Ob ich mich so richtig damit anfreunden kann, weiß ich noch nicht – meistens gewinnen die Jungen.

Aber das Alter macht sich sicherlich auch anders bemerkbar. Wird man nicht abgeklärter, fühlt man sich nicht reifer?

Reifer natürlich. Man lernt in jeder Saison dazu und sammelt neue Erfahrungen. Auch aus der vergangenen Saison kann man viel mitnehmen, in der es nicht so gut gelaufen ist...

Was denn zum Beispiel?

Ich habe mit Werder zum ersten Mal gegen den Abstieg gespielt, das hatte ich vorher noch nicht. Man kann dann einfach nicht so befreit aufspielen, wie man gerne will. Es passt dann einfach nicht: Die Mannschaft spielt nicht gut, man hat selber mit der Form zu kämpfen – so war das in der vergangenen Saison eigentlich immer.

Aber was haben Sie daraus gelernt? Können Sie sagen: Okay, hier habe ich was falsch gemacht und da muss ich was ändern?

Ich habe darüber viele Gespräche mit dem Trainer und mit Klaus Allofs geführt. Da ging es um Dinge wie meine Körpersprache, es ging auch darum, dass sie mich mehr als Führungsspieler sehen wollen. Was ich gelernt habe? Dass es in einer Mannschaft – auch wenn es schlecht läuft – normalerweise immer noch drei, vier Spieler geben sollte, die trotzdem ihre Leistung bringen und so versuchen, der Mannschaft zu helfen. Das war in der vergangenen Saison nicht so, da hatte jeder mit sich zu kämpfen.

Stärkt es das Selbstbewusstsein, wenn man aufgefordert wird, als Führungsspieler aufzutreten?

Das würde ich so nicht sagen. Das sind ja Dinge, die ich selbst von mir auch verlange. Es ist ja nichts Neues für mich, wenn der Trainer oder Klaus Allofs so etwas sagen – es sind keine Fremdwörter für mich.

In dieser Saison spielt nicht nur die Mannschaft deutlich besser, sondern ganz besonders auch Sie selbst. Ist Aaron Hunt das Gesicht des Wandels?

Den Wandel gibt’s nicht nur bei mir. Man kann mich nehmen, man kann Claudio nehmen – auch sein Spiel ist besser geworden. Oder Clemens, bei dem eine Steigerung zu erkennen ist...

Clemens Fritz fühlt sich in seiner neuen Rolle im Mittelfeld so richtig wohl...

(lacht) Ja, sieht so aus.

Gibt es eigentlich so etwas wie eine unausgesprochene Übereinkunft, dass Sie einen offensiveren Part im Mittelfeld übernehmen und Clemens Fritz einen defensiveren?

Nein, da gibt es keine Vorgaben. Wir ergänzen uns gut. Wenn Clemens geht, dann gehe ich hinten rein und versuche, den Rückraum abzusichern. Da macht der eine den Weg für den anderen mit.

Auf der Spielmacherposition wissen zurzeit weder Marko Marin noch Mehmet Ekici zu überzeugen. Warum klappt es dort nicht so wie gewünscht?

Gute Frage. Es stimmt schon – hundertprozentig läuft’s noch nicht. Marko war zuletzt etwas angeschlagen. Und Memo? Das würde ich nicht zu hoch hängen. Er ist neu hier, er muss erst hineinfinden. Wenn man ihm die Zeit gibt, wird er uns auf dieser Position ganz sicher noch helfen – die Anlagen dazu hat er.

Ist es eine Position, für die speziell nur diese beiden Spieler infrage kommen? Oder würden Sie sich dort auch sehen?

Ich kann da auch spielen, aber auf den Halbpositionen klappt es zurzeit sehr gut mit Clemens und mir. Deshalb gibt es keinen Bedarf, mich auf die Zehnerposition zu stellen und viel zu rotieren.

Werder ist Vierter, hat nach elf Spielen 20 Punkte eingefahren – mehr als in der kompletten Hinrunde der vergangenen Saison. Wo wir jetzt stehen, das passt. Wir haben sicherlich ein, zwei Spiele unglücklich verloren, wenn ich an Dortmund denke oder an Augsburg...

...das 1:1 in Augsburg ist tatsächlich eine gefühlte Niederlage...

Ja. Genau. Aber wir haben auch in einigen Spielen Glück gehabt. Gegen Berlin machen wir zum Beispiel erst in der 92. Minute das Tor zum 2:1. Von daher hat sich das schon ausgeglichen. Unser jetziger Tabellenstand entspricht durchaus unserer bisherigen Leistung. Das passt schon.

Auffällig ist, dass die Mannschaft sehr starken Schwankungen unterworfen ist. Mal klappt es vorne sehr gut, dann geht's hinten nicht – oder umgekehrt.

Das ist richtig. Aber wir haben auch noch mehr Probleme...

Bitteschön, dann mal los...

Dass wir jedes Mal in Rückstand geraten, zum Beispiel. Einen Rückstand kann man sicherlich mal aufholen, wie wir gezeigt haben. Aber irgendwann gibt es dann einmal ein Spiel, in dem es nicht geht – das war zum Beispiel in Augsburg der Fall. Und solche Punkte, die wir unbedingt holen müssen, fehlen uns natürlich am Ende. Und gegen Dortmund kann man zwar verlieren, aber wenn man das Spiel gesehen hat, war die Niederlage eigentlich unnötig. Wir sind im Moment noch auf der Suche nach der richtigen Mischung zwischen Offensive und Defensive. Da fehlt uns immer noch die Balance. Vielleicht ist das ein Reifeprozess, den wir noch bewältigen müssen.

Können Sie sagen, wohin die Reise in dieser Saison geht?

Wir wollen auf jeden Fall wieder international spielen. Es ist schon komisch, unter der Woche kein Spiel zu haben – und auch ein bisschen langweilig, wenn man zu Hause sitzt und die Champions League nur im Fernsehen gucken kann...

...vergangene Woche mussten Sie sogar den DFB-Pokal vom Sofa schauen...

Genau, das auch noch. Es fehlt einfach etwas in dieser Saison. Aber wohin die Reise geht? Jetzt beginnt die entscheidende Phase, die uns den Weg vorgibt. Wenn wir bis zur Winterpause noch dort stehen, wo wir uns jetzt befinden, dann können wir auch unter die ersten Vier kommen.

Werder möchte nicht nur international mitspielen, Werder muss es. Wenn es nicht klappt, wird gespart und der Etat gesenkt – das schließt Transfers ein. Können Sie sich vorstellen, dass mit einem Mal auch für Sie Schluss ist in Bremen?

Das ist natürlich sehr spekulativ, so weit ist es ja noch nicht. Und gedacht habe ich an eine solche Situation auch noch nicht.

In der Liga geht es sehr eng zu. Auszuschließen ist es nicht, am Ende leer auszugehen...

Ja, aber wenn es dann letztlich so sein sollte, dann würde man sich zusammensetzen. Dafür kennen wir uns ja auch lange genug.

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