Heidenheim-Kapitän Schnatterer im Interview

„Jetzt dürfen wir endlich ins große Stadion“

2011 schoss Heidenheims Kapitän Marc Schnatterer Werder aus dem Pokal. Im Interview mit dem WESER-KURIER spricht er über den einstigen Coup, die Neuauflage, Bremer Jungs beim FCH und Erinnerungen an Platz 11.
30.10.2019, 11:00
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„Jetzt dürfen wir endlich ins große Stadion“
Von Malte Bürger
„Jetzt dürfen wir endlich ins große Stadion“

Vorfreude auf das Pokalspiel im Weserstadion: Marc Schnatterer spielt seit zwölf Jahren in Heidenheim und schoss Werder mal aus dem Pokal...

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Es soll Menschen in Bremen geben, die noch immer zusammenzucken, wenn sie Ihren Namen hören. Können Sie das nachvollziehen?

Wenn man eingefleischter Werder-Fan ist, dann ist das vielleicht so (lacht). Aber im Pokal ist die Gefahr eben immer da, dass man als Erst- oder Zweitligist rausfliegen kann. An jenem Tag hatten wir das Momentum auf unserer Seite und ich war der Glückliche, der das Spiel damals entscheiden durfte. Aber das ist jetzt schon so lange her, mittlerweile gab es genügend andere positive wie negative Schlagzeilen.

An jenem 30. Juli 2011 begann mit Ihrem Siegtreffer in der ersten Runde des DFB-Pokals allerdings so etwas wie ein kleiner Fluch für Werder, auch in den beiden Folgejahren schied der Verein gegen unterklassigere Teams gleich zum Auftakt aus. Lassen Sie mich raten, Sie sind sich keiner Schuld bewusst?

Nein. Für uns war das einer der Momente, in denen wir als 1. FC Heidenheim 1846 so richtig bekannt geworden sind in Fußball-Deutschland. Das haben wir einfach genossen – gerade wenn man solch eine namhafte Mannschaft mit so viel Tradition und so vielen Erfolgen schlagen kann.

Hand aufs Herz: Haben Sie das Video von Ihrem abgezockten Tor damals noch immer griffbereit auf dem Smartphone?

Ich muss ehrlicherweise sagen, dass ich die Sequenz vom Tor nicht mehr habe, man kann es im Internet aber bestimmt noch abrufen. Ich kann mich jedoch nicht mehr daran erinnern, wann ich es zuletzt angeschaut habe. Vielleicht sollte ich es noch einmal tun vor dem kommenden Mittwoch (lacht).

Welche Erinnerungen haben Sie an das Spiel, als Heidenheim ja sogar noch Drittligist war und zum ersten Mal überhaupt in der Vereinshistorie weiterkam? Ist es einer der schönsten Tage in Ihrem Fußballerleben gewesen?

Dieser Tag gehört definitiv zu den ganz besonderen Momenten. Natürlich auch die Aufstiege mit dem FCH und selbst das Spiel letzte Saison gegen die Bayern, als wir verloren haben (Heidenheim unterlag im Pokal-Viertelfinale in München mit 4:5, Anm. d. Red.). Der Sieg gegen Werder hat damals einfach etwas ausgelöst in den Menschen. Ein Spiel, in dem man auch noch zurückliegt und unser Torwart einen Elfmeter hält, in knapp zehn Minuten zu drehen und auf diese Art zu gewinnen – da lagen sich wildfremde Menschen in den Armen. Man glaubt ja immer an Überraschungen im Pokal, aber dass es dann wirklich Realität geworden ist, war für viele mit allerlei Emotionen und purer Freude verbunden.

Welche Bedeutung hatte diese Partie für die weitere Entwicklung des 1. FC Heidenheim? Wäre der Klub heute dort, wo er jetzt ist?

Ich glaube nicht, dass wir abhängig davon waren und unseren Weg sonst nicht hätten gehen können. Aber man wird dann schon in der Öffentlichkeit ganz anders wahrgenommen. Plötzlich wird viel mehr darauf geschaut, was in Heidenheim passiert.

Mit dieser Vorgeschichte: Wie sah dann jetzt Ihre erste Reaktion aus, als Sie von der Auslosung gehört haben?

Ich muss ganz ehrlich sein: Es war jetzt nicht direkt das Spiel, an das ich gedacht habe. Mein Cousin ist großer Werder-Fan und war damals natürlich zwiegespalten. Er hat mir den Erfolg und das Tor gegönnt, aber er hat mir in den letzten Jahren jedes Mal, wenn die Auslosung war und beide Mannschaften noch dabei waren, gesagt, dass es wieder dieses Duell gibt. Deshalb war ich jetzt sofort mit ihm in Kontakt. Er hat sich natürlich auch darauf gefreut, dass das Spiel jetzt noch einmal stattfindet. Deswegen war mein erster Gedanke eher privater Natur.

Sie müssen mit Ihrer Mannschaft nun aber nicht „absichtlich“ verlieren, um den Familienfrieden wiederherzustellen?

Nein, er hat sich schon damals unheimlich für mich gefreut. Er ist aber eben großer Werder-Anhänger, das war schon so, als wir früher immer zusammen Fußball geschaut haben. Auch jetzt ist er im Stadion dabei. Es gibt deshalb sicherlich kleinere Sticheleien, aber auch einen ganz lockeren Umgang damit. Wir lachen da eher viel miteinander, deshalb war es auch jetzt ganz amüsant, als die Auslosung das Spiel Bremen gegen Heidenheim gebracht hat.

Sie waren schon damals Kapitän, sind es heute noch: Warum sind Sie in Heidenheim so etwas wie der personifizierte Widerspruch zum schnelllebigen Fußballgeschäft?

Einerseits ist es vielleicht auch der Tatsache geschuldet, dass ich meine ersten Schritte in der 2. Bundesliga erst sehr spät mit Heidenheim gemacht habe. Andererseits habe ich mich hier immer super wohlgefühlt und mich in Ruhe weiterentwickeln können. Ich konnte mich immer selbst verwirklichen und eben mit dem Verein in die zweite Liga kommen. Für mich war immer klar, dass es passen muss – und hier habe ich mich immer wohlgefühlt. Deswegen bin ich jetzt schon im zwölften Jahr in Heidenheim und muss sagen, dass es jedes Jahr wieder eine neue Herausforderung gibt. Und so lange es mir nicht langweilig wird, ist alles gut.

Ihr Trainer Frank Schmidt ist sogar seit 2007 da. Auch in Bremen kennt man sich durch Otto Rehhagel und Thomas Schaaf mit langen Amtszeiten aus, viele Fans hoffen, dass auch Florian Kohfeldt noch einige Jahre Coach bleibt. Stimmt die Annahme, dass Frank Schmidt für Sie persönlich eine ganz wichtige Figur ist?

Auf jeden Fall. Er hat mir in meinen Anfangsjahren sehr viel Spaß am Fußball vermittelt, mir Freiräume auf dem Platz gegeben. Ich konnte als Spieler, aber auch persönlich reifen. Das Vertrauen und der Zuspruch, den ich von ihm über die Jahre bekommen habe, ist ein Grund, weshalb ich mich so gut entwickeln und meine Leistungen über einen solch großen Zeitraum bringen konnte.

Würden Sie fast von einem freundschaftlichen Verhältnis sprechen oder verbietet sich das im Grunde, weil er eben Ihr Vorgesetzter ist?

Es ist beides. Wir haben einen guten Draht zueinander, einen guten Weg der Kommunikation. Er ist der Chef und genießt die volle Autorität, trotzdem ist der Umgang in gewissen Situationen auch freundschaftlich. Wir wissen beide einfach, wie wir ticken.

Das ist dann natürlich auch ein Umfeld, das man nicht so gerne verlässt, selbst wenn sich die Chance bietet.

Es muss immer alles stimmen. Natürlich strebt man als Spieler nach mehr, wenn man die Möglichkeit sieht, aber vielleicht auch nicht um jeden Preis. Ich weiß, was ich an Heidenheim habe und kann auch hier auf hohem Niveau Fußball spielen. Es macht ja auch unheimlich Spaß, dass ich einen großen Teil zum Werdegang des Vereins beitragen konnte. Das ist etwas, das einen stolz macht.

Das klingt danach, als stünde der große Traum von der Bundesliga für Sie unter dem Motto: Entweder in Heidenheim oder gar nicht.

Ich werde in nicht einmal einem Monat 34 Jahre alt, da bin ich sehr realistisch, was das angeht. Das Motto trifft es schon und Lust hätte ich darauf. Aber für den Standort Heidenheim ist auch die 2. Bundesliga etwas Besonderes, jetzt schon im sechsten Jahr. Deswegen muss man das auch als Spieler realistisch einschätzen und wissen, dass alles perfekt laufen muss. Letztes Jahr lief vieles sehr gut und nahezu perfekt, am Ende haben wir es dann nicht geschafft. Aber dass man immer so ein Jahr spielt, dafür gibt es keine Garantie. Ich bin froh, dass ich in der zweiten Liga dabei bin – und sollte noch etwas Überraschendes passieren, dann bin ich nicht abgeneigt und nehme das sehr gern mit. Aber auch so ist alles top, alles andere wäre meckern auf sehr, sehr hohem Niveau.

Aktuell sind Sie und Ihre Mannschaft Tabellenfünfter in der Zweiten Liga, zuletzt haben sie gegen den FC St. Pauli gewonnen. Auffällig: Mit Marnon Busch, Norman Theuerkauf, Oliver Hüsing und Patrick Mainka bildeten gleich vier Ex-Bremer die Viererkette. Warum passt diese „Werder-Combo“ so gut nach Heidenheim?

Das ist eine gute Frage. Werder macht immer eine gute Jugendarbeit, hat die eigene U23 lange in der 3. Liga gehabt. Dort bekommst du also auch eine gute Ausbildung. Davon profitieren wir jetzt. Die Jungs sind charakterlich sehr gut, haben sportlich einiges drauf und passen somit perfekt zu uns. Wir sind froh, dass wir sie haben.

Hat Ihnen das Quartett schon vorgeschwärmt, was für eine Atmosphäre im Weserstadion auf Sie und Ihr Team zukommen könnte?

Sie freuen sich riesig darauf zurückzukehren und haben schon gesagt, dass es immer etwas Besonderes ist, dort zu spielen. Insbesondere wenn das Flutlicht angeht. Die Stimmung ist immer top. Auch jeder andere von uns freut sich deshalb extrem darauf, dort einmal spielen zu dürfen, die Stimmung mitzubekommen und welche Wucht von außen auf den Platz kommt.

Sie selbst haben das Stadion ja meist nur aus der Ferne gesehen. Dreimal waren Sie zu Heidenheims Drittligazeiten in Bremen zu Gast – allerdings stets auf Platz 11. Die größeren Arenen sind dann doch schöner, oder?

Das gehört aber dazu. Wenn man dort hin möchte, muss man auch die kleineren Plätze mitnehmen. Bei uns ist es nun auch nicht so überdimensional groß (die Voith-Arena bietet aktuell 15.000 Plätze, Anm. d. Red.), dass man sagen könnte, dass wir Riesiges gewohnt sind. Das ist ein Traum jetzt. Wir sind immer daran vorbeigefahren, jetzt dürfen wir auch mal im großen Stadion spielen. Und ich denke, das haben wir uns auch verdient, dass wir nun nicht links abbiegen Richtung Platz 11, sondern direkt am Weserstadion aussteigen dürfen.

Wie schmal ist der Grat, sich nicht von einer derartigen Kulisse einschüchtern zu lassen, wenn man sonst vor eher kleinerem Publikum spielt?

Das Publikum kann eine wichtige Rolle spielen. Man bekommt das ja auch im Fernsehen mit, dass die Zuschauer immer voll mitgehen. Du darfst dich davon als Spieler aber nicht einschüchtern lassen, sondern musst es einfach genießen – ganz unabhängig davon, wie das Spiel läuft. Man muss sich einfach freuen, dass man so etwas erleben darf. Das ist der richtige Weg, um die passende Einstellung zu haben, wenn einem ein großes Publikum gegenübersteht, um dann nicht zu nervös zu werden.

Wie realistisch ist es denn aus Ihrer Sicht, dass es eine neuerliche Überraschung gibt?

Die Voraussetzungen sind klar: Werder spielt zu Hause und seit Florian Kohfeldt Trainer ist, spielt die Mannschaft richtig tollen Fußball. Mir macht es sehr viel Spaß, ihr zuzuschauen. Die Bremer haben viel Potenzial, Qualität und Tempo im Spiel nach vorne. Das ist schon beeindruckend. Für uns ist das eine schwierige Aufgabe. Aber es ist eben der Pokal – und da hoffen wir, dass wir auch die eine oder andere Chance bekommen und diese nutzen können. Es wäre top, wenn wir es schaffen können, dass das Spiel lange eng bleibt.

Werder hat nicht den allerbesten Start in der Liga hingelegt und will nun unbedingt im Pokal für ein Erfolgserlebnis sorgen. Spielt das in der Vorbereitung Ihrer Mannschaft eine Rolle? Wirkt ein Bundesligist wie Werder schlagbarer, weil er momentan eben nicht zu den allerersten deutschen Adressen zählt und hinter den eigenen Wünschen bleibt?

Ich finde, dass Werder lediglich von der Punktausbeute her hinter den Erwartungen geblieben ist. Spielerisch sehe ich das nicht so drastisch, die Bremer haben viele gute Spiele gemacht, aber eben maximal nur einen Punkt geholt oder sind als Verlierer vom Platz gegangen. Natürlich müssen wir daraus Positives mitnehmen, dass bei Werder vielleicht nicht alles so geklappt hat, wie sie es sich vorgestellt haben. Trotzdem könnten die Bremer mit etwas mehr Spielglück auch deutlich mehr Punkte haben.

Die Bremer schwächeln gerade ordentlich bei gegnerischen Standards. Ihr Trainer hat mal über Sie gesagt: „Einen so starken rechten Fuß wie er haben nicht viele Spieler in Deutschland.“ Das Spiel scheint also wie gemalt für Sie. Üben Sie schon fleißig Freistöße, Ecken und Flanken?

Es ist generell so, dass man weiß, dass man mit Standards ein Spiel entscheiden, Tore erzielen kann. Die Qualität der Freistöße und Ecken ist daher wichtig. Und wenn die Bälle gut kommen, dann besteht immer eine Chance, ein Tor zu erzielen. Auch als unterklassiges Team. Sollten wir also die Gelegenheit bekommen, dann sollten wir sie natürlich nutzen. Daher werde ich natürlich versuchen, die Bälle gefährlich vor das Tor zu schlagen.

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