Johannes Eggestein im Interview

„Beim Abschied waren wir beide wehmütig“

Auf den letzten Drücker hat Johannes Eggestein doch noch den Abflug gemacht. Im Interview spricht der 22-Jährige über seinen Wechsel zum Linzer ASK, seine Ziele und die Trennung von Bruder Maximilian.
11.10.2020, 17:53
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
„Beim Abschied waren wir beide wehmütig“
Von Malte Bürger
„Beim Abschied waren wir beide wehmütig“

Johannes Eggestein hofft, dass er in Linz wieder häufiger spielen darf.

nordphoto

Sie erleben gerade eine ereignisreiche Woche, sind Sie schon richtig in Linz angekommen oder wirkt alles noch etwas surreal?

Ich bin schon wirklich gut angekommen, habe bereits mit der Mannschaft trainiert und auch die Stadt schon ein wenig erkundet. Natürlich wohne ich jetzt anfangs noch im Hotel, aber das sollte sich demnächst auch geklärt haben.

Bei Milot Rashica gab es allerlei Kuriositäten am vergangenen Montag, wie hektisch lief Ihr persönlicher letzter Tag der Transferphase, an dem der Wechsel nach Österreich finalisiert wurde?

Hektisch würde ich es in meinem Fall nicht nennen – aber ereignisreich. Wir hatten schon vorher in der letzten Transferwoche immer wieder Kontakt, mit dem Trainer und dem Manager hatte ich mich auch schon in einer Video-Konferenz ausgetauscht, wo sie mir die Spielphilosophie vermittelt haben. Am Montag war ich dann in Linz und habe mich endgültig entschieden, den Vertrag zu unterschreiben. Weil alles am letzten Tag passiert ist, war es also schon sehr kurzfristig, es war aber nicht so, dass ich mich erst seit ein, zwei Tagen mit dem LASK beschäftigt hätte.

Wann haben Sie für sich entschieden, dass Sie in dieser Saison doch einen anderen Weg gehen möchten?

Ich habe bei Werder in der Vorbereitung versucht Gas zu geben. Und das lief auch eigentlich ganz gut. Ich habe probiert mich anzubieten und glaube auch, dass es etwas bewirkt hat. Schließlich war ich im Kader und habe einige Spielminuten bekommen. Unter dem Strich ist es aber so, dass ich einfach mehr Spielzeit haben wollte. Bei Werder ist es aktuell so, dass mir das nicht garantiert werden konnte. Ich habe mich mit dem Trainer und den Verantwortlichen ausgetauscht und dort hat man mir aufgezeigt, dass ich momentan keine Anteile von mehr als 20, 30 Minuten bekomme. Da habe ich für mich dann beschlossen, dass ich gern mal wieder ein Jahr hätte, in dem ich regelmäßig Spiele sammle.

Waren Sie überrascht, dass Frank Baumann nur wenige Tage zuvor noch kategorisch ausgeschlossen hat, dass Sie den Verein wechseln?

Nicht wirklich, denn die Entwicklungen haben sich ein wenig überschnitten. Es war lange Zeit nicht so, dass ein Wechsel unbedingt forciert werden sollte. Wir haben uns dann aber noch einmal ausgetauscht und ich war der Meinung, dass ich Spielpraxis sammeln möchte. Und das hat mir der Verein glücklicherweise genehmigt.

Wie hat Ihr Bruder reagiert, als Sie ihm erzählt haben, dass Sie sich künftig nicht mehr so häufig sehen?

Das war durchaus ein wenig traurig, weil wir sehr viel Zeit miteinander verbracht haben. Für einen gewissen Zeitraum wird das jetzt nicht mehr der Fall sein, deshalb waren wir beim Abschied schon ein bisschen wehmütig. Andererseits wussten wir beide, dass irgendwann der Fall eintreten würde, dass einer von uns mal wechselt. Dass es jetzt so schnell kam, war vielleicht ungewohnt, aber wir werden uns daran gewöhnen.

Während der Sommerpause gewährte Florian Kohfeldt einen Einblick in ein persönliches Gespräch mit Ihnen – verbunden mit der Aufforderung „Und jetzt setzt dich durch“. Nun probieren Sie genau das in Bremen nicht mehr. Was entgegnen Sie Kritikern, die sagen, dass Sie vor dieser Herausforderung geflüchtet sind?

Eigentlich gar nichts. Florian Kohfeldt hat diesen Satz mir gegenüber so nie gesagt. Damit war das für mich auch kein Thema. Ich habe das nie als Ansage an mich empfunden.

Diese Leihe ist also keine Flucht?

Absolut nicht. Ich habe nach der Leihe ja auch noch einen Vertrag in Bremen und die Option ist somit da, anschließend wieder zurückzukommen.

Spüren Sie bei Werder noch das volle Vertrauen in Ihre Fähigkeiten?

Der Trainer und die Verantwortlichen haben mir versichert, dass sie mich gern behalten möchten. Der Schritt ging in erster Linie von mir aus, also hat mir auch niemand gesagt, dass ich den Verein verlassen soll.

Inwiefern hat bei Ihrer Entscheidung die vergangene Saison, in der Sie am Ende gar nicht mehr im Kader standen, eine Rolle gespielt?

Das hat es natürlich. Wäre ich im Kader gewesen und hätte genügend Spielminuten bekommen, wäre die Entscheidung jetzt vielleicht ganz anders ausgefallen. Gerade das letzte Jahr spielt eine große Rolle. Ich habe während der Vorbereitung noch einmal versucht, einen Angriff zu starten. Aber auch das hat am Ende wohl nicht für mehr Minuten gereicht.

Haben Sie nicht manchmal gedacht, was der Trainer eigentlich gegen Sie haben könnte? Es war ja nicht so, dass alle anderen Spieler immer hundertprozentig überzeugt hätten.

Ja, klar. Man macht sich natürlich so seine Gedanken. Ich war mit Florian auch im Austausch darüber. Als Spieler ist es manchmal einfach unverständlich, aber deswegen bist du eben auch der Spieler und nicht der Trainer. So muss die Reaktion aber auch sein. Wenn der Coach dich nicht einsetzt und du denkst, dass alles richtig ist, wäre das auch komisch. Deshalb habe mich logischerweise gefragt, warum er mich nicht einsetzt.

In Bremen hat man lange von der Rückkehr nach Europa geträumt, dieses Ziel erscheint mittlerweile trotz einer angenehmen tabellarischen Momentaufnahme sehr unrealistisch zu sein. Für Sie geht es dagegen mit Linz in der Europa League demnächst gegen Tottenham Hotspur, Ludogorez Rasgrad und Royal Antwerpen. Wie wichtig war dieser Faktor für Ihren Wechsel?

Die Europa League bietet sehr interessante Spiele auf hohem Niveau. Das hat natürlich eine Rolle gespielt. Ich denke übrigens, dass dies auch in den Überlegungen des LASK so war, weil sich der Verein breiter aufstellen musste und jetzt mehr Spieler für die Saison hat. Aber auch in der österreichischen Bundesliga werden wir sehr interessante Spiele auf sehr gutem Niveau haben. Da freue ich mich auch schon richtig drauf.

Natürlich sind Sie erst wenige Tage in Österreich, aber wie weit ist der Weg für Sie in die Startelf? Was hat Trainer Dominik Thalhammer Ihnen für eine Perspektive gegeben?

Ich glaube, dass ich mich hier sehr gut in der Mannschaft einleben kann. Ich wurde sehr warmherzig empfangen und hoffe, dass mir das den Weg ins Team erleichtert. Was mir entgegenkommt, ist die Tatsache, dass gerade eine Länderspielpause ist und wir nicht das nächste Pflichtspiel haben. Dadurch habe ich noch eine komplette Trainingswoche vor mir. Aus dem Stand ist es für mich trotzdem schwierig zu bewerten, wie weit die Startelf entfernt ist. Wenn ich die Trainingswoche aber voll mitmache, kann ich sicherlich einen Beitrag dazu leisten, dass wir im Pokal dann weiterkommen und anschließend auch gegen Tottenham eine gute Leistung zeigen.

Mit der Verständigung dürfte es zumindest keine Probleme geben. Haben Ihnen Marco Friedl, Romano Schmid und Danijel Zenkovic trotzdem zur Sicherheit die wichtigsten österreichischen Vokabeln mit auf den Weg gegeben?

Das haben sie natürlich. Zum Glück bin ich da aber präpariert, weil ich schon mit einigen Österreichern zusammengespielt habe. Zlatko Junuzovic gehörte früher auch noch dazu. Da bin ich den Besonderheiten der Sprache schon ein paar Mal begegnet.

War es denn jetzt im Training direkt wieder so, dass ein paar Begriffe fielen, die ungewohnt waren?

Das kam tatsächlich vor. Und da fragt man dann schon nochmal nach, was das denn jetzt eigentlich bedeutet.

Blicken wir in die Zukunft: Im nächsten Sommer endet die Leihe, es geht zurück nach Bremen. Was muss in dieser Zeit passiert sein, damit Sie von einem gelungenen Wechsel nach Linz sprechen?

Das ist schwierig zu beantworten, weil ich letztendlich ja auch nicht weiß, wie die Saison bei Werder verläuft. Für mich wäre es einfach wichtig, wenn ich viele und gute Spiele mache, Tore schieße und Selbstvertrauen sammle. So könnte ich mir die nötige Sicherheit für mein Spiel holen, die man gerade als junger Spieler sehr braucht. Natürlich kannst du auf hohem Niveau trainieren, aber wenn du die Spiele hast, ist es noch einmal etwas ganz anderes. Ich möchte aber nicht nur an meine eigene Situation denken, sondern auch mit dem LASK erfolgreich sein, eine gute Rolle in der Liga und in den Pokalwettbewerben spielen.

Wenn Sie sagen, dass Sie nicht wissen, wie es mit Werder weitergeht - machen Sie sich Sorgen, wenn Sie hören, was die Werder-Verantwortlichen derzeit über die finanzielle Situation des Klubs erzählen?

Nein, das sind nicht meine Baustellen. Da sind in der Tat die Verantwortlichen gefordert. Da tut auch jeder Spieler gut daran, sich um diese Angelegenheit nicht zu sehr einen Kopf zu machen. Das werde ich deshalb auch nicht tun. Ich bin jetzt beim LASK – um die Dinge in Bremen kann ich mir dann eventuell ab Ende Mai wieder Gedanken machen.

Info

Zur Person

Johannes Eggestein (22)

spielt seit 2013 bei Werder. Nachdem er in der Jugend seine Torjägerqualitäten unter Beweis stellte, debütierte er 2016 bei den Profis. Der endgültige Durchbruch gelang dem Stürmer aber noch nicht, nun wurde er kurz vor Transferschluss an den österreichischen Bundesligisten Linzer ASK verliehen.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+