Werder Bremen Käpt'n Cool

Mondpreise für Werder-Tickets, Verschwörungstheorien im Netz: Wie Clemens Fritz trotzdem die Ruhe bewahrt.
11.05.2016, 00:00
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Käpt'n Cool
Von Marc Hagedorn

Mondpreise für Werder-Tickets, Verschwörungstheorien im Netz: Wie Clemens Fritz trotzdem die Ruhe bewahrt.

Clemens Fritz hat es auch schon getan. Es ist etwas her, aber Werders Kapitän war zu der Zeit im Urlaub in den USA, und da fand dieses Eishockey-Spiel in der nordamerikanischen Profiliga NHL statt, das Fritz unbedingt sehen wollte. „Und da habe ich für eine Karte mal ein bisschen mehr Geld ausgegeben“, sagt Fritz. Wie viel, das weiß er nicht mehr. Liegt vielleicht daran, dass er in Dollar bezahlen musste, was man ja hierzulande nicht so häufig macht.

In Bremen und umzu gibt es zurzeit auch sehr viele Menschen, die bereit sind, sehr viel Geld für eine Sportveranstaltung zu zahlen. Na klar, es geht um Karten fürs Abstiegsfinale Werder gegen Eintracht Frankfurt am kommenden Sonnabend im Weserstadion. Die Partie ist längst ausverkauft.

Jeder will dabei sein, wenn Werder am Sonnabend – hoffentlich, sagen die Werder-Fans – die Rettung schafft. Willi Lemke etwa lässt extra einen Fifa-Kongress in Mexiko sausen, um im Stadion zu sein. Für den ehemaligen Manager und Ex-Aufsichtsratsboss ist immer ein Plätzchen frei. Alle anderen müssen zahlen, und viele tun es auch. Auf den einschlägigen Plattformen im Internet werden VIP-Karten aktuell für über 3000 Euro angeboten, „normale“ Tickets sind unter 350 Euro kaum mehr zu bekommen.



Fritz erhält viel Zuspruch

Ein Fußballspiel elektrisiert die Menschen. Clemens Fritz spürt das jeden Tag. 150 Zuschauer, deutlich mehr als normal, sahen sich am Dienstag die erste Trainingseinheit der Woche an. Und wenn Clemens Fritz in diesen Tagen zum Bäcker geht oder zum Mittagessen oder in den Supermarkt, „dann wirst du natürlich aufs Wochenende angesprochen“.

Fritz kann das gut verstehen, und er kann damit auch gut leben, vor allem, weil er viel Zuspruch erhält. „Es könnte ja auch ganz anders sein“, sagt der 35-Jährige, „dass du bepöbelt wirst, hat es in anderen Städten ja schon gegeben.“ Nicht so in Bremen. „In Bremen“, sagt Fritz, „ist die Stimmung positiv, die Stadt, die Menschen, die Zuschauer stehen hinter uns.“ In Stuttgart dagegen, also beim dritten Abstiegskandidaten neben Werder und Frankfurt, ist es erst am Wochenende wieder passiert, dass Spieler bedrängt und beschimpft wurden. Der Bremer tickt in der Mehrzahl offenbar anders. „Das ist ein großes Plus und das Besondere an Bremen“, sagt Fritz.

Trotzdem steigt auch hier die Temperatur, besonders gut ist das wie so oft im Internet abzulesen. Dort kursieren seit dem Wochenende vermehrt Verschwörungstheorien, die besagen, dass der DFB und die Deutsche Fußball-Liga (DFL) Werder nicht länger in der Bundesliga haben wollen, weil das Bundesland Bremen der DFL regelmäßig Rechnungen über die Kosten für Polizeieinsätze schickt.

Viele Fehlentscheidungen

Als Beweis für diese Theorie gilt den Beteiligten das vergangene Wochenende, als Schiedsrichter Felix Zwayer Werder ein einwandfreies Tor aberkannte. Der Schiedsrichter habe sehr wohl beste Sicht auf das Getümmel im Strafraum gehabt, heißt es in den Kommentaren. Wieder und wieder kann man sich die Szene nun im Netz anschauen, und dabei auch feststellen, dass der Schiedsrichter nicht gleich beim vermeintlichen Foulspiel abpfiff, sondern erst als der Ball im Kölner Tor lag. Das eigentlich sehr seriöse Wochenblatt „Zeit“ kramte für seine Online-Ausgabe prompt einen alten Artikel hervor, der an die Verwicklung von Schiedsrichter Zwayer in den Manipulationsskandal um Robert Hoyzer vor elf Jahren erinnerte... – was auch immer das sagen sollte.

„Da ist ein Haken dran“, sagt Fritz zum nicht gegebenen 1:0 gegen Köln, „aber es ist natürlich super ärgerlich.“ Zumal Werder, so haben es die Macher der sogenannten „Wahren Tabelle“ errechnet, längst gerettet wäre, wenn die Schiedsrichter in dieser Saison stets richtig entschieden hätten. In der „Wahren Tabelle“ wird mit Spielergebnissen operiert, die um Fehlentscheidungen bereinigt sind. Demnach wären in dieser Spielzeit neben Hannover 96 auch 1899 Hoffenheim und Werders nächster Gegner Frankfurt längst abgestiegen.

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Clemens Fritz kennt diese Rechnereien. „Es ist schon komisch, dass es da einige Klubs gibt, die eigentlich weniger Punkte hätten“, sagt er. Aber er sagt auch: „Wir sollten jetzt nicht herumlamentieren. Wichtig ist, dass wir es selbst in der Hand haben und die Sache am Wochenende klären.“

Wichtigstes Werder-Spiel seit vielen Jahren

Es ist ein ganz schöner Spagat, den die Werder-Profis derzeit hinkriegen müssen. Sie dürfen sich über die Unterstützung der Fans freuen, ja, sie sollen sich davon sogar antreiben und tragen lassen, aber sie müssen dabei auch cool bleiben. Die Spieler wissen, dass am Sonnabend das wichtigste Werder-Spiel seit vielen Jahren ansteht, sie spüren natürlich den Druck und die Erwartungshaltung. Sie wissen, dass ein Scheitern eigentlich verboten ist, aber gleichzeitig dürfen sie darüber nicht allzu sehr grübeln. „Klar denkt man: Was wäre wenn...“, sagt Fritz, „aber wir müssen uns von dem Druck auch befreien, denn bei allem Druck kann man auch sehr schnell verkrampfen.“

In drei Endspielen hat Clemens Fritz in seinen zehn Werder-Jahren mit dem Verein gestanden – zweimal im DFB-Pokal, einmal im Europa-League-Finale; ein DFB-Pokal-Endspiel hat er dabei gewonnen. „Das kann man aber mit diesem Spiel jetzt nicht vergleichen“, sagt er, „im Finale hast du auch Druck, weil du den Titel haben möchtest.“ Aber man hat längst nicht so viel zu verlieren wie nun in der Bundesliga.

Clemens Fritz hat ein solches Abstiegsfinale wie jetzt in ähnlicher Form schon gespielt. Das war in der Saison 2001/2002, damals stand er noch beim Karlsruher SC in der zweiten Liga unter Vertrag. 21 war er und musste mit dem KSC unbedingt das direkte Duell gewinnen, um noch an der SpVgg. Unterhaching vorbeiziehen zu können. Es klappte, der KSC gewann 3:0, hielt die Klasse, während Haching direkt runter musste in die Regionalliga. Beim Gegner stand seinerzeit übrigens ein gewisser Gerhard Tremmel im Tor. Der ist heute Ersatzkeeper bei Werder. Am Dienstag sind Fritz und Tremmel gemeinsam Mittagessen gegangen. Cool bleiben.

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