Die Bundesliga-Kolumne von Jörg Wontorra

Kein Messias, aber ein wichtiges Teilstück

Mit Davie Selke hat Werder erneut einen Stürmer zurückgeholt, der schon einmal in Bremen spielte. Für viele dieser Rückhol-Aktionen zahlt der Klub einen hohen Preis, schreibt Jörg Wontorra in seiner Kolumne.
01.02.2020, 09:05
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Von Jörg Wontorra
Kein Messias, aber ein wichtiges Teilstück

Jörg Wontorra ist Kolumnist für WK Flutlicht.

WESER-KURIER

Und schon wieder mal eine Stürmer-­Rückholaktion. Das lieben sie ja bei Werder, sonst hätten sich die Fälle in den letzten Jahren nicht so gehäuft: Pizarro, Kruse, Füllkrug und jetzt also auch noch Selke. Sie alle tummelten sich schon in jungen Jahren auf den Übungsplätzen in der Pauliner Marsch, wurden aber bis auf den peruanischen Fußball-Methusalem für zu leicht befunden und eher ohne großes Bedauern zur Konkurrenz geschickt. Erst ausgemustert, dann mit offenen Armen empfangen. Im richtigen Leben nennt man das On-Off-Beziehung, und das geht nur selten gut. Doch Fußball funktioniert nun mal anders, wie diverse Personalien aus der jüngeren Vergangenheit belegen.

Sebastian Rudy heim nach Hoffenheim, Sebastian Rode zurück nach Frankfurt, Mats Hummels wieder in Dortmund. Das sind nur drei Beispiele für geglückte Win-win-Situationen. Der Spieler genießt wieder neues Ansehen als Stammkraft im alten Klub, und der Verein erhält einen Mehrwert an Qualität. Auch Werder hat bereits positive Erfahrungen mit dieser Strategie gemacht. Siehe Max Kruse, siehe Claudio Pizarro.

Keine guten Geschäfte

Ein richtig gutes Geschäft allerdings haben die handelnden Personen am Osterdeich mit kaum einem Hin-und-Her-Transfer gemacht. Gerade mal die Pizarro-Deals sind aufgegangen: Für 1,5 Millionen geholt, für 7,5 Millionen verkauft, und noch mal vier Millionen für Leihe und Rückkauf von Chelsea investiert. Das ergibt schwarze Zahlen, die überragende sportliche Story kommt hinzu. Dann aber die drei anderen, allesamt aus Werders Nachwuchsriege, und allesamt von den Fachleuten im eigenen Verein verkannt. Diese Fehleinschätzungen waren teuer: Kruse ging einst ablösefrei und kam für satte sieben Millionen zurück. Niclas Füllkrug brachte 400.000 ein und kostete bei seiner Rückkehr mal schnell 6,5 Millionen. Hanseatische Kaufleute würden sich für solche Zahlen nicht wirklich feiern lassen.

Die Geschichte um Davie Selke stellt sich noch ein wenig anders dar, kann sich aber auch ins Minus drehen – zumindest finanziell. Als er vor gut vier Jahren ging, schien ein Wechsel für acht Millionen nach Leipzig eine günstige Gelegenheit, selbst wenn es das Bremer Jungtalent in 30 Spielen auf neun Tore gebracht hatte. Dazu kam: Selke war wohl schwer zu halten, denn der damalige Zweitligist zahlte mehr als ein normaler Mittelständler aus Liga 1. So weit, so gut. Aber auch bei dieser Rückhol-Aktion wird Werder langfristig oben drauf legen, falls zweimal der Klassenerhalt gelingt. Leihe und Kauf werden sich dann wohl auf zwölf Millionen summieren. Rein rechnerisch könnte der Selke-Deal ebenfalls nicht aufgehen. So bleibt die Frage, warum man junge Profis aus dem eigenen Bestand erst ziehen lässt, um sie dann für teures Geld zurückzuholen. Will sagen: Werder zahlt einen hohen Preis dafür, dass der Klub seine Talente einst falsch bewertete.

Kein Torgigant

Ist aber Davie Selke nun der Messias? Der Retter in der Not? Natürlich nicht, aber immerhin ein wichtiges Teilstück im Nicht-Abstiegs-Puzzle. Die aktuelle Bilanz mit nur einem Tor in 19 Saisonspielen bei Hertha weist ihn allerdings auch nicht als Torgiganten aus. Und: Seine Trainer in Leipzig und Berlin haben stets sehr lange auf ihn gesetzt, doch der ganz große Durchbruch hat in beiden Klubs auf sich warten lassen. Zur vollen Entfaltung kann aber auch ein Stürmer wie Selke nur kommen, wenn das Spiel auf ihn abgestimmt ist. Und genau da hakt es zur Zeit bei Werder.

Wie schrieb doch Dieter Eilts in seiner Kolumne so richtig: „Das Mittelfeld ist nicht in der Lage, Pässe sauber in die Spitze zu spielen. Dass sich Werder so wenig Chancen erspielt, liegt nicht an den Stürmern, sondern an denen, die solche Chancen vorbereiten sollen.“ Peng, das traf ins Schwarze. Und genau da ist Florian Kohfeldt gefordert. Seinen neuen Defensivmann hat er bekommen, seinen Offensivmann hat er auch bekommen, jetzt muss er das Ganze als Trainer so zusammenfügen, dass wieder Fußball daraus wird. Wenn es trotzdem weiter im Mittelfeld hapert, empfehle ich die nächste Rückhol-­Aktion: Diego ist gerade frei...

Jörg Wontorra (71)

ist als Sportmoderator eine Legende und ­arbeitet für „Sky“. Im wöchentlichen Wechsel mit Peter Gagelmann, Lou Richter, Christian Stoll und Daniel Boschmann schreibt Jörg ­Wontorra für WK Flutlicht, was ihm im Bundesliga-­Geschehen aufgefallen ist.

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