Schaaf über den Umgang mit Krisen

Keine verrückten Sachen machen

In 30 Jahren als Trainer hat Thomas Schaaf viele Höhepunkte, aber auch einige Krisen erlebt. Er erklärt, weshalb zu viele Veränderungen in schlechten Phasen nicht gut sind – und weshalb Werder die Klasse hält.
19.01.2020, 08:24
Lesedauer: 3 Min
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Keine verrückten Sachen machen
Von Christoph Sonnenberg
Keine verrückten Sachen machen

Ein wichtiger ­Ratgeber: Thomas Schaaf, Werders Technischer Direktor, und Trainer Florian Kohfeldt tauschen sich regelmäßig aus.

nordphoto / Ewert

Florian Kohfeldt ist angeschlagen. Die Trainingseinheiten am Mittwoch und Donnerstag verpasste er aufgrund einer Fußverletzung. Im übertragenen Sinne gilt das nicht – Kohfeldt ist in seiner Funktion als Trainer keineswegs angeschlagen. Trotz prekärer Tabellensituation bekam und bekommt er das Vertrauen des Vereins ausgesprochen. Ob durch Frank Baumann als Geschäftsführer oder Marco Bode als Vorsitzenden des Aufsichtsrats, die Signale der Verantwortlichen sind eindeutig: Kohfeldt ist der Richtige.

Einer, der selbst alles erlebt hat, was ein Trainer-Leben ausmacht, verfolgt den Umgang mit der Krise ganz genau. Deutscher Meister, zweimal Pokalsieger, vielfache Champions-League-Teilnahme, Thomas Schaaf hat in 14 Jahren als Werder-Trainer fast alle Höhepunkte erlebt. Aber er weiß auch, wie es ist, in einer Krise zu stecken. „Natürlich denke ich bei der gegenwärtigen Situation an solche Momente zurück“, sagt Schaaf im Gespräch mit dem WESER-KURIER. „Als ich den Job 1999 übernommen habe, waren wir in einer dramatischen Situation, eigentlich waren wir schon abgestiegen. Es gab zu Beginn meiner Arbeit Phasen, in denen wir nicht viele Punkte hatten. Da musste ich meiner Linie treu bleiben und wissen, was wichtig ist.“

Schaaf hat alles als Trainer erlebt

Heute, mit 58 Jahren und einer 30-jährigen Karriere als Trainer, lässt sich vieles anders beurteilen. Im Rückblick sieht man häufig klarer, wie in Krisenzeiten besonnenes Handeln aussieht. „Dass ist mein Vorteil, als Trainer habe ich alle Situationen selbst erlebt“, sagt Schaaf, der seit Sommer 2018 Technischer ­Direktor des Klubs ist. „Ich durfte großartig jubeln, habe aber auch die gegenteiligen Erfahrungen gemacht.“

Wie also ist mit einer Krise umzugehen, wenn man mittendrin steckt? „Ein Trainer weiß, dass solche Situationen kommen können“, sagt Schaaf. Was nicht bedeutet, dass sich ein Trainer darauf einstellen kann. „Es kann auch passieren, dass man alles richtig gemacht hat und trotzdem bleiben die Ergebnisse aus. Und du fragst dich: Warum passiert das jetzt? So etwas will natürlich niemand erleben.“

Veränderungen in kleinen Schritten

In Teilen der Hinrunde war es so bei Werder. Gute Spiele, gute Leistungen brachten keine oder zu wenige Punkte. Gegen Ende der Hinserie verkrampfte die Mannschaft so sehr, dass sie in den letzten vier Spielen gegen Paderborn, Bayern, Mainz und Köln 13 Gegentore kassierte und auf Platz 17 abrutschte. In vielen Klubs der Bundesliga hätte das eine Diskussion über die Zukunft des Trainers zur Folge gehabt. In Bremen aber bekam Kohfeldt Rückendeckung. „Das Entscheidende ist, dass bei den handelnden Personen die Über­zeugung da sein muss“, sagt Schaaf. „Und die ist da.“

Das macht die Arbeit für Kohfeldt leichter. Zu wissen, dass niemand im Klub gegen ihn arbeitet. Oder im Hintergrund bereits nach Alternativen gefahndet wird. Vertrauen schafft Sicherheit, und diese Sicherheit macht es leichter, dass Kohfeldt nicht in Panik verfällt. „Und nicht irgendwelche verrückten Sachen macht, die man in einer solchen Situation vielleicht leicht mal macht. Weil man dann denkt, ganz viel ändern zu müssen“, so Schaaf. „Gewisse Sachen muss man verändern, nachjustieren, in kleinen Schritten. Etwas völlig anderes zu machen, wäre falsch.“

Krisen sind wichtige Erfahrungen

Schaaf wünscht seinem Kollegen diese Krise nicht. Er sagt aber auch, dass es wichtig ist, negative Phasen zu erleben. „Das zu händeln, trotzdem ruhig zu bleiben und nichts Verrücktes zu machen, das ist gut und wichtig für die Erfahrung eines Trainers. Man möchte das vermeiden, dennoch nimmt man daraus sehr viel mit. Es bildet die Persönlichkeit, es gibt zusätzliches Handwerkszeug für die Arbeit als Trainer.“

Und am Ende, davon ist Schaaf überzeugt, hält Werder die Klasse. „Die Leistung und Qualität des Kaders reicht, um eine bessere Position zu erreichen. Sie werden sich Stück für Stück aus dieser Situation befreien, um da hin zu kommen. Das kann sehr schnell gehen, in dem die Mannschaft eine phantastische Rückrunde spielt. Es kann aber auch ein sehr langer Weg sein.“

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