Zurückgeblättert: 7. März 1984 „Kindermann: 'Rohes Spiel'“

Seit 1963 spielt Werder in der Bundesliga, mehr als fünf Jahrzehnte, in denen sich im Fußball, bei Werder und in der Berichterstattung viel verändert hat. Mein Werder zeigt die Originaltexte und Zeitungsseiten.
05.03.2019, 07:58
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Von mw

Am 7. März 1984 schrieb der WESER-KURIER:

Verblüffung und Empörung bei Werder: Der Kontrollausschuß des Deutschen Fußball-Bundes hat gegen den in Nürnberg des Feldes verwiesenen Abwehrspieler Rigobert Grube Anklage wegen „rohen Spiels„ erhoben. Damit dürfte das Strafmaß zwischen einer vier- bis achtwöchigen Sperre liegen, obwohl der Bremer seinen Gegenspieler Trunk lediglich am Trikot festgehalten hatte. Schiedsrichter Peter Gabor (Berlin) hatte auf Feldverweis entschieden, weil er das Foul des Bremers als „Notbremse“ wertete. Gruber war vorher nicht verwarnt worden. Der SV Werder, der sich ursprünglich auf eine schriftliche Verhandlung eingestellt hatte, wird angesichts der Anklageschrift auf mündlicher Verhandlung bestehen, die am Montag in Frankfurt stattfindet. Präsident Dr. Franz Böhmert, Manager Willi Lemke, Rigobert Gruber und Anwalt Horst-Michael von Kummer werden in die DFB-Zentrale reisen, im Gepäck auch eine Kopie der Fernsehaufzeichnung der umstrittenen Szene.

Es fällt schwer, nicht an einen mißlungenen Faschingsscherz zu glauben. Doch da der Unterzeichner der Anklageschrift, Kontrollausschuß-Vorsitzender Hans Kindermann, während seiner Amtsführung noch keinerlei humorige Anwandlungen hat erkennen lassen, muß Werder die Sache wohl ernst nehmen. Und wird sich vermutlich zweierlei fragen; Ist Herr Kindermann mit Blindheit geschlagen oder hat uns Herr Gabor In die Pfanne gehauen?

Zum Wahrnehmungsvermögen des Herrn Kindermann: Alle Zuschauer in Nürnberg und zweifellos auch die meisten an den Fernsehschirmen dürften mitbekommen haben, daß Gruber sich in seiner Not zum harmlosesten aller Vergehen entschied, er griff zum Trikot des Gegners, statt ihn per Spreizschritt von den Beinen zu holen. Also genau das Gegenteil von „rohem Spiel", wie es in zahlreichen Zweikämpfen immer wieder und oft ungeahndet vorkommt. Schon die rote Karte für den Griff zum Trikot war hart, halbwegs lediglich mit den besonderen Anweisungen des DFB zum Thema „Notbremse" zu rechtfertigen. Doch „rohes Spiel"? Ein Witz, aber ein ganz schlechter.

Zu Schiedsrichter Gabor: „Wenn Gruber Trunk umgetreten hätte, wäre es eine Tätlichkeit gewesen. So war es für mich nur eine Unsportlichkeit", kommentierte der Berliner auf dem Rückflug von Nürnberg und versicherte, den Vorfall in seinem Spielbericht vorurteilsfrei schildern zu wollen. Doch daran sind nun Zweifel angebracht. Denn es gehört zur — umstrittenen — Praxis der DFB-Gerichtsbarkeit, daß der Schiedsrichter Kronzeuge der Anklage ist, seine Schilderung als unumstößliche Tatsache gilt. Hat es sich Herr Gabor im heimatlichen Berlin vielleicht doch anders überlegt als im Flugzeug, wenige Meter von Werders Spielern entfernt?

Beim SV Werder hat der DFB seit Jahren einen engagierten Fürsprecher. Dr. Franz Böhmert, selbst im DFB-Liga-Ausschuß, widerspricht in der Regel mit durchaus einleuchtenden Fakten aller Kritik an den hohen Herren in Frankfurt. Bis auf eine Ausnahme: „Kindermann muß weg", sagt Werders Präsident seit langem und kann seine Meinung mit etlichen Argumenten belegen. Seit gestern hat er ein weiteres.

Das hochauflösende PDF der Original-Zeitungsseite gibt es hier (bei iOS den Link länger gedrückt halten).

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