Klaus Allofs über seinen Ex-Verein

„Werder darf seine Identität nicht verlieren“

Vor dem Duell gegen Werder am Samstag sprach Klaus Allofs mit unserer Deichstube über Bremer Tugenden, blutige Nasen und über die in seinen Augen überraschend verlaufene Trennung von Thomas Schaaf.
27.07.2021, 20:42
Lesedauer: 7 Min
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Von Björn Knips
„Werder darf seine Identität nicht verlieren“

Werder dürfe nicht die Tugenden verlieren, die den Verein stark und beliebt gemacht hätten, betont Klaus Allofs.

Carmen Jaspersen /dpa

Einst war er der Architekt der großen Erfolge des SV Werder Bremen – mit Klaus Allofs als Sportlichem Leiter gewann der Verein 2004 das Double, spielte danach jahrelang in der Champions League und holte 2009 den DFB-Pokal. Danach ging es mit Werder sukzessive bergab. 2012 verließ Allofs den Klub. Seit einem Jahr ist der 64-Jährige nun in seiner Heimatstadt Düsseldorf als Vorstand Fußball für die Fortuna verantwortlich. Vor dem Duell gegen Werder (Samstag, 20.30 Uhr) sprach er mit unserer Deichstube über Bremer Tugenden, blutige Nasen und über die in seinen Augen überraschend verlaufene Trennung von Thomas Schaaf, der Werder im Sommer verlassen musste.

Herr Allofs, Düsseldorf hat zum Auftakt 2:0 in Sandhausen gewonnen. Ihnen scheint die 2. Liga mehr Spaß zu machen als Werder, oder?
Klaus Allofs (lacht): Die Momentaufnahme könnte diesen Eindruck hergeben. Aber auch unser Ziel ist es, mittelfristig wieder in die 1. Liga zurückzukommen. Deswegen wollen wir uns in der 2. Liga gar nicht zu wohlfühlen. Wir haben die Situation aber absolut angenommen – im letzten Jahr schon und in diesem Jahr noch mal etwas mehr.

Wie funktioniert das?
Es geht darum, die neuen Umstände zu akzeptieren. In der Bundesliga spielt man in anderen Stadien, hat die ganze Woche über eine ganz andere Aufmerksamkeit. Nach dem Abstieg ist man plötzlich häufiger in der Favoritenstellung, die Motivation der anderen Klubs ist oft eine andere.

Fällt das im zweiten Jahr nach dem Abstieg leichter als direkt danach?
Das mag sein. Es ist ein Lernprozess.

Sie haben eben gesagt, dass Düsseldorf mittelfristig zurück in die Bundesliga möchte. Warum so vorsichtig mit dem Begriff „mittelfristig“?
Mittelfristig, weil wir die 2. Liga und unsere Möglichkeiten realistisch einschätzen. In der letzten Saison haben wir uns mit unserem offensiver formulierten Ziel das eine oder andere Mal eine blutige Nase geholt. Wir bleiben auch jetzt ambitioniert und streben den maximalen sportlichen Erfolg an. Aber in dieser Saison fällt die Favoritenrolle für den Aufstieg anderen Klubs zu.

Welchen?
Als Bundesliga-Absteiger ist man automatisch in der Rolle des Favoriten, also Werder und Schalke. Darüber hinaus gibt es noch ein paar andere gefühlte Erstligisten wie zum Beispiel den Hamburger SV. Wir fühlen uns aber schon in der Lage, oben mitzuspielen.

Also ist es in Ihren Augen richtig, dass Werder keine blutige Nase riskiert und lieber kein Saisonziel ausgibt?
Das muss man den Verantwortlichen überlassen. Ich finde es weniger schlimm, wenn es hinterher heißt: „Da habt ihr euch etwas zu gut gesehen“, als wenn es heißen würde: „Ihr wart nicht ehrgeizig genug.“ Man darf keine Angst davor haben, Ziele nicht zu erreichen.

Muss das Ziel für einen Verein wie Werder nach dem Abstieg nicht automatisch Wiederaufstieg lauten?
Ja, es muss so lauten, allerdings mit der Einschränkung, dass man sich die Rahmenbedingungen anschauen sollte. Was gibt der Kader her? Was gibt die finanzielle Situation her? Das ist bei Werder aus bekannten Gründen noch schwer zu beurteilen.

Haben Sie Ihren Kader bereits zusammen?
Wir sind sehr zufrieden, weil wir viele Dinge schon lösen konnten. Aufgrund von Verletzungen würden wir gerne auf der Innenverteidigerposition noch etwas machen.

Gibt es die Notwendigkeit, Spieler zu verkaufen?
Nein. Aber wenn einem der Kader zu groß erscheint und die Chancen für diverse Spieler auf Einsätze nicht groß sind, dann muss man nach Lösungen suchen.

Was haben Sie gedacht, als Sie gehört haben, dass Werders Sportchef Frank Baumann in diesem Sommer noch 15 bis 20 Transfers tätigen möchte?
Das hört sich erst mal spektakulär an, aber wir haben es im letzten Jahr ja auch gehabt. Ich glaube, am Ende waren es 18 Veränderungen. Das ist einfach eine Folge des Abstiegs. Es gibt ja wirtschaftliche Notwendigkeiten, die das erfordern. Bei uns hat es auch länger gedauert und dazu geführt, dass wir am Anfang noch nicht so eingespielt waren.

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Ist es ein Vorteil oder ein Nachteil, jetzt gegen Werder zu spielen?
Selbst wenn ich da zu irgendeiner Erkenntnis kommen würde – was würde mir das helfen? Gegen Hannover haben alle Bremer versucht, dieses Spiel zu gewinnen – egal, ob sie nun eventuelle Kandidaten für einen Transfer sind oder nicht. Genügend Qualität ist sowieso da. Es ist eben noch der Bundesliga-Kader, der zehn Spieltage vor Schluss fast schon gerettet war. Der kann nicht so schlecht sein. Werder gehört mit diesem Kader, Stand heute, einfach zu den Mitfavoriten auf den Aufstieg.

Aber wie ein Favorit hat Werder nicht gespielt, oder?
Es wäre von unserer Seite ein fataler Fehler, wenn wir nach diesem Spiel sagen würden: „Das ist das Leistungsvermögen von Werder Bremen“. Ich glaube, dass sie es wesentlich besser machen können.

Der Vertrag von Thomas Schaaf als Technischer Direktor wurde kürzlich nicht verlängert. Er hat Werder verlassen. Haben Sie das nachvollziehen können?
Insbesondere nach der Entwicklung zum Ende der letzten Saison, als Thomas das Ruder noch einmal herumreißen sollte, hat mich die Entscheidung als solche ziemlich überrascht, auch in der Art und Weise wie sie kommuniziert worden ist.

Demnächst wird auch Aufsichtsratschef Marco Bode den Verein verlassen. Verliert Werder nach dem Abstieg die Identität?
Sie verlieren zumindest Personen, die maßgeblich daran beteiligt waren, dass diese Identität entsteht. Es ist durchaus eine Entwicklung, die mal eintreten kann. Oftmals ist sportlicher Misserfolg der Auslöser dafür. Trotzdem darf Werder natürlich nicht seine Identität verlieren und auch nicht die Tugenden, die den Verein stark und so beliebt gemacht haben.

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Welche Tugenden meinen Sie damit?
Dass der Verein bei Personalentscheidungen eine gewisse Kontinuität hatte, dass er mit kritischen Situationen immer souverän und mit seinen handelnden Personen immer fair umgegangen ist.

Sie haben sowohl als Spieler als auch als Manager die ganz großen Zeiten bei Werder miterlebt. Machen Sie sich ob der aktuellen Probleme Sorgen um Ihren alten Verein?
Werder kann eine große Kraft entwickeln, die den Verein dazu in die Lage versetzen sollte, auch schwierige Zeiten zu überwinden. Die Fans werden Werder nicht direkt den Rücken zukehren, Tradition und Treue sind groß. Dennoch ist es nicht mit ein, zwei Entscheidungen getan, dass es wieder in Richtung 1. Liga geht, um dort an die alten Zeiten anzuknüpfen. Man sollte sich darauf einstellen, dass man sportlich etwas bescheidener sein muss.

Brauchen die Traditionsklubs ihre eigene Liga, um langfristig überleben zu können?
Nein, es sollte kein Biotop für Traditionsklubs geben. Man muss sich immer den Herausforderungen und Gegebenheiten stellen. Wir haben in Deutschland Klubs wie Bayern München, die einfach sehr erfolgreich sind, wir haben Klubs, die auch gute Arbeit leisten, aber finanziell stark unterstützt werden. Dem müssen sich die Traditionsklubs stellen und versuchen, konkurrenzfähig zu sein.

Oft ist die Rede davon, dass ein Investor helfen könnte. Ist das wirklich eine Lösung?
Wir als Fortuna Düsseldorf sind ein eingetragener Verein, und für uns ist deswegen klar, dass wir keine Anteile abgeben und die Herausforderungen anders lösen müssen. Das ist natürlich an jedem Standort unterschiedlich. Es war bei Vereinen wie Bayern München zu sehen, die Anteile abgegeben haben, was für sie zum Vorteil wurde. Trotzdem ist der Verein heute nicht fremdbestimmt. Das ist durchaus ein Erfolgsmodell. Aber zu sagen: „Investor heißt automatisch Erfolg“, stimmt nicht. Da muss der richtige Weg gefunden werden.

Klaus Allofs und Thomas Schaaf

Klaus Allofs (r.) und Thomas Schaaf im Mai 2004 auf der Werder-Meisterfeier.

Foto: Kay Nietfeld /dpa

Wie ist das für Sie, jetzt in der 2. Liga nicht mehr mit Stars wie zu Zeiten bei Werder oder dem VfL Wolfsburg zu arbeiten?
Man muss sich immer darüber im Klaren sein, welche Aufgabe man gerade hat. Wir haben viele junge Spieler, die diesen Weg vielleicht mal gehen können. Auf der anderen Seite haben wir auch Spieler, die am Ende ihrer Karriere stehen und den ganz großen Schritt nicht gemacht haben. Es ist sehr reizvoll, aus diesen Spielern eine Mannschaft zusammenzustellen und diese Spieler noch weiterzuentwickeln.

Sie setzen dabei auf einen eher unbekannten Trainer. Christian Preußer kam vom SC Freiburg II aus der Regionalliga. Warum ist er der Richtige?
Wir haben uns sehr früh in der letzten Saison mit anderen Trainern beschäftigt und auch mit ihnen gesprochen. Das lag gar nicht daran, dass wir mit Uwe Rösler so unzufrieden waren, sondern wir haben einfach gesagt: „So wie wir Spieler scouten, wollen wir auch schauen, welche Trainer-Alternativen es geben könnte.“ Einer unserer Kandidaten war eben auch Christian Preußer. Er hat uns schon im ersten Treffen ein sehr gutes Gefühl gegeben. Seine Ideen haben uns letztlich überzeugt.

Für Frank Baumann war es aus Respekt vor dem aktuellen Trainer dagegen undenkbar, mit möglichen Nachfolgern zu sprechen. Das hat er stets betont. Letztlich wurde in Markus Anfang ein erfahrener Zweitliga-Trainer geholt.
Die Herangehensweise muss jeder für sich selbst klären. Werder ist sicherlich in einer anderen Situation als Fortuna Düsseldorf. Wir hatten die Ära Friedhelm Funkel, dann kam Uwe Rösler. Danach ging es darum, zu schauen, was die Fortuna jetzt braucht. Man soll ja bekanntlich von den Guten lernen. Häufig haben sich Vereine die Leipzig- oder Dortmund-Schule abgeschaut. Für uns war es dagegen erstrebenswert, jemanden zu holen, der wie Christian Preußer lange Zeit für den SC Freiburg gearbeitet hat.

Wie beurteilen Sie Markus Anfang als Trainer?
Er hat in der Vergangenheit sehr gute Arbeit geleistet. Seine Verpflichtung war eine gute Entscheidung von Werder. Er hat sehr viel Zweitliga-Erfahrung und hat auch mit Mannschaften, die nicht zwingend oben stehen mussten, gute Leistungen erzielt.

Was für ein Spiel erwarten Sie am Samstag?
Ich glaube, dass es ein gutes Spiel wird. Dadurch, dass wir am ersten Spieltag gewonnen haben und Werder nicht, sind wir aber nicht automatisch zum Favoriten geworden. Wir wissen, dass wir es mit einem Bundesliga-Absteiger zu tun haben, der wesentlich mehr kann, als er es am ersten Spieltag gezeigt hat. 

Das Gespräch führte Björn Knips.

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