Warum Werders Trainer so früh emotional wurde

Kohfeldt erklärt sein verbales Feuerwerk

Sehr früh in der Saison hat Florian Kohfeldt einige Register gezogen: Er rief den Kampfmodus aus, stellte sich vors Team und appellierte an die Fans. Er wollte nicht warten. Ein durchaus riskantes Manöver.
30.08.2019, 14:58
Lesedauer: 5 Min
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Von Jean-Julien Beer
Kohfeldt erklärt sein verbales Feuerwerk
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Florian Kohfeldt zählt mit 36 Jahren zu den jüngsten Trainern im deutschen Profifußball. Er steht erst am Anfang seiner Karriere. Zwei Monate fehlen, dann ist er gerade mal zwei Jahre in der Bundesliga dabei. Doch schon in der kurzen Zeit fällt auf, dass er sich in einem Punkt signifikant von Trainerkollegen in einem vergleichbaren Alter unterscheidet: Kohfeldt klettert vor den Fanblöcken keine Zäune hoch und man sieht ihn nie mit einem Mikrophon vor den jubelnden Anhängern. Ob Thomas Tuchel in Mainz, Domenico Tedesco auf Schalke oder Julian Nagelsmann bei der TSG Hoffenheim: Sie alle konnten dieser berauschenden Versuchung nicht widerstehen und zogen sich den Spott erfahrener Kollegen wie Armin Veh zu, der ein solches Treiben bei Tuchel einst so kommentierte: „Der kommt auch noch vom Zaun runter!“

Kohfeldt geht erst gar nicht rauf. In erfolgreichen Wochen nimmt man ihn sogar deutlich weniger war. Siege gehören der Mannschaft, diese simple Botschaft ist Teil seiner Trainerphilosophie und seine feste Überzeugung. Aber wenn es mal nicht läuft, dann will er präsent sein und stellt sich ganz vorne in den Wind. Das zeigte sich zuletzt sehr deutlich: Die Saison ist erst zwei Spieltage alt, aber Kohfeldt zog schon mehr Register als die anderen 17 Trainerkollegen zusammen.

Es war ein verbales Feuerwerk. Die erste Stufe zündete er kurz nach der Niederlage gegen Düsseldorf, als zu allem Frust auch noch die schwere Verletzung von Milot Rashica kam. Um sich gegen weiteres Unheil zu wehren, rief Kohfeldt den Kampfmodus aus: „Es gibt solche Phasen in einer Saison, wo es nicht für dich läuft. Deshalb gilt für alle, aber wirklich für alle: Wir müssen jetzt kämpfen!“ Aufbäumen sollte sich sein Team und nicht vom Weg abbringen lassen. Als die kritischen Nachfragen wegen des verpatzten Saisonauftaktes zunahmen, zündete Kohfeldt noch vor dem Spiel in Hoffenheim die zweite Stufe: „Ich muss mich brutal vor meine Mannschaft stellen!“ Das sind oft berühmte letzte Sätze von Trainern im Abstiegsfinale; nach nur einem verlorenen Spiel wirkte es mindestens ungewöhnlich. Die dritte Stufe zündete Kohfeldt, als auch das Spiel in Hoffenheim verloren war, in Form eines leidenschaftlichen Appells an die Fans: „Wenn wir dieser besondere Fußball-Standort sind, dann weiß ich, dass unser Stadion am Sonntag gegen Augsburg bebt. Wir müssen jetzt alle zusammenhalten. Ganz früh zwar in der Saison, aber darauf baue ich.“

„Es ist wichtig, früh zu sensibilisieren“

mancher Beobachter fragte sich, ob Kohfeldt mit seinem Feuerwerk nicht schon jedes Pulver verschossen hat, bevor die – sicherlich unschöne – Lage bei Werder bedrohlich werden könnte. Es ist zumindest ein riskantes Manöver des Bremer Trainers, weil er schon zum Saisonstart auf der nach oben nicht unendlich offenen Eskalationsskala einen hohen Wert erreicht hat. Doch Kohfeldt denkt anders. „Es geht mir darum, dass sich alle der Situation bewusst sind, in der wir uns befinden. Dass wir stets wachsam sind“, erklärt Werders Chefcoach sein Vorgehen im Gespräch mit dem WESER-KURIER und meint mit Blick auf den Null-Punkte-Start und das Heimspiel am Sonntag gegen den FC Augsburg: „Der kurzfristige Erfolg ist wichtig für eine langfristige Entwicklung. Daher sage ich auch: Warum warten? Wir haben ambitionierte Ziele, die wir erreichen wollen, da ist es für mich wichtig und notwendig, früh zu sensibilisieren.“

Sein Feuerwerk für einen noch schlimmeren Herbst zurückzuhalten, ist natürlich keine bessere Option. Doch in Zeiten, in denen sein Team einfache Gegentore kassiert und beste Chancen vergibt, läuft er Gefahr, sich als Erklärer, Beschützer und Wachrüttler zu verbrauchen. Zumal es längst ein Problem ist, dass der rhetorisch begabte Kohfeldt als prominentes Gesicht des Vereins für alles Mögliche herhalten muss. Als Shootingstar unter den Bundesligatrainern erlangte er inzwischen nationale Bedeutung, sie führte ihn zuletzt bis ins Magazin „Der Spiegel“; an vielen Tagen erfährt er dabei wenig Entlastung im Verein. Als sich alle an der tollen Saisonvorbereitung und dem 4:0-Sieg im Test gegen Eibar berauschten, war es auch Kohfeldt, der mahnte: „Wir müssen wach bleiben. Wir haben immer noch null Punkte. Die guten Eindrücke sind keine Garantie für die Bundesliga.“

Welche Option bliebe jetzt noch?

Wie so oft waren das die passenden Worte. Zuletzt aber zu oft zum fehlenden Ergebnis. Was bliebe ihm als Frontmann noch, wenn Werder auch gegen Augsburg nicht gewinnt? Als nächste Stufe könnte Kohfeldt noch die Mannschaft oder einzelne Spieler öffentlich kritisieren. Er wartete ja schon länger auf den Moment, „wo ich auch mal draufhaue“. Er pflegt durchaus einen autoritären Führungsstil, aber lieber intern, nicht vor den Augen der breiten Masse. Zudem weiß er um die Gefahr, dabei zu viel von dem guten Miteinander zu zerstören, das Bremen im Vorjahr zu einem besonderen Bundesligastandort machte.

Gerne würde er sich weiter auf sein Kerngeschäft konzentrieren: Die Mannschaft coachen und Spieler besser machen, mit akribischer Arbeit. Doch das reicht schon nicht mehr aus. Werder braucht jetzt einen Sieg, egal wie, um nicht vom Weg abzukommen. Auch deshalb zündete Kohfeldt jene dritte Stufe mit dem Fan-Appell. Vor dem wegweisenden Spiel gegen Augsburg erklärt Kohfeldt dazu: „Mit Blick auf die Fans muss man sagen, dass sie unseren Standort zu einem besonderen Standort machen und sie in der Vergangenheit ein ganz wichtiger Faktor für den Erfolg der Mannschaft waren und es auch heute immer noch sind. Und diesen Vorteil wollen wir nutzen, um den größtmöglichen Erfolg für Werder zu erreichen.“

Bei der Mannschaft kam es gut an

Und das soll der lang ersehnte Einzug in den Europacup sein, wie Maximilian Eggestein betont: „Unser Ziel ist weiter, dass wir nächste Saison europäisch spielen möchten. Davon werden wir auch nicht weggehen, dafür ist es viel zu früh. Trotzdem ist die Situation natürlich so, dass wir langsam anfangen müssen, zu punkten.“ Keiner im Team kennt Kohfeldt besser als er, der Coach war schon zu Jugendzeiten Eggesteins Trainer. Auch er hat das verbale Feuerwerk natürlich wahrgenommen und sagt: „Was Flo gemeint hat, ist, dass wir einfach alle zusammenhalten müssen, Mannschaft und Fans, um uns gegen diese Widrigkeiten wie am Wochenende mit dem Videobeweis, dem späten Gegentor und den vielen Verletzten aufzubäumen; die Situation ist aber nicht vergleichbar mit dem Abstiegsfinale gegen Frankfurt damals.“ Dass sich der Trainer „brutal vor die Mannschaft“ gestellt habe, sei bei den Spielern „gut angekommen“, berichtet Eggestein, „es ist immer gut, wenn sich ein Trainer schützend vor das Team stellt. Das ist immer ein Zeichen. Aber intern hat er schon deutlich angesprochen, dass wir Fehler gemacht haben.“

Der erfahrene Kapitän Niklas Moisander fand die Auftritte seines Trainers gut und angemessen, denn: „Er hat sich schützend vor die Mannschaft gestellt, weil die Leistung gestimmt hat. Die Vorfreude war hier sehr groß vor der Saison. Wenn man dann nach zwei Spielen null Punkte hat, ist das nicht optimal. Die Fans werden jetzt da sein. Sie haben uns immer gut unterstützt. Ich bin überzeugt davon, dass wir es am Sonntag schaffen und mit einem guten Gefühl in die Länderspielpause gehen.“ Der Gegner könnte nicht passender sein: Mit Kohfeldt als Cheftrainer gewann Werder alle drei Spiele gegen Augsburg. Davor hatte Bremen gegen den FCA vier Niederlagen am Stück kassiert. Die Schlagbarkeit des Gegners dürfte er bei seinem riskanten Verbalmanöver einkalkuliert haben.

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