Auswärtssieg gegen Augsburg in der Analyse

Kohfeldts entscheidender Schachzug

Werder bewegt sich in Augsburg mal wieder zwischen den Extremen und siegt am Ende glücklich. Florian Kohfeldts Ideen gehen nicht alle auf – am Ende trifft der Trainer aber eine entscheidende Maßnahme.
23.09.2018, 16:52
Lesedauer: 5 Min
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Von Stefan Rommel
Kohfeldts entscheidender Schachzug
nordphoto

Werder-Trainer Florian Kohfeldt nahm im Vergleich zum Spiel gegen Nürnberg zwei Änderungen in der Startelf vor: Für den erkrankten Yuya Osako rutschte Claudio Pizarro in die Mannschaft und Florian Kainz ersetzte Martin Harnik. Mit der Berücksichtigung von Pizarro veränderte sich auch die Anordnung und Aufgabenverteilung im 4-3-3 mit dem Ball. Vor der Viererkette mit Theodor Gebre Selassie, Milos Veljkovic, Niklas Moisander und Ludwig Augustinsson gab Philipp Bargfrede wieder den Sechser, flankiert von Maximilian Eggestein und Davy Klaassen. Kainz kam über links, Max Kruse rückte deshalb auf den eher ungewohnten rechten Flügel und Pizarro war als klarer Keilstürmer im Zentrum vorgesehen.

Beim FC Augsburg rückte Raphael Framberger für Jonathan Schmid auf die Position des rechten Flügelverteidigers. Trainer Manuel Baum wählte erneut ein 3-4-3 in der Grundordnung.

Beide Mannschaften unterschieden sich in einigen Bereichen ziemlich deutlich voneinander. Werder lief den Gegner erst auf Höhe der Mittellinie an und versuchte, den FCA in dessen Aufbau zu leiten. Die Gastgeber dagegen setzten auf ein sehr aggressives und mannorientiertes Angriffspressing, das früh Druck aufbauen und Werder zu langen Schlägen verleiten sollte. Die Bremer variierten in ihrem eigenen Aufbauspiel, spielten mal mutig in das Augsburger Pressing hinein, mal wurde risikolos und direkt Pizarro in der Spitze mit einem gechippten Ball gesucht.

Mehr Platz für Kruse

Der Routinier hatte in Rani Khedira einen echten Manndecker an sich kleben, der aus seiner Liberoposition heraus Pizarro verfolgte und dessen Ablagen störte. Pizarro sollte in der Kruse-Position klarer das Zentrum halten und Platz schaffen für die Flügelspieler und die nachrückenden Achter. Das funktionierte insofern ganz gut, weil Kruse in der Halbposition mehr Platz hatte und sich anders als in den Spielen davor ohne großen Gegnerdruck in Spielrichtung aufdrehen konnte, was Werder wiederum einige schöne öffnende Spielverlagerungen bescherte. Werder hatte mit den ins Zentrum einlaufenden Kruse und Kainz um Pizarro herum eine gute Waffe gegen die Manndeckungen des Gegners, der sich dann immer wieder entscheiden musste, ob er den einlaufenden Spieler lange verfolgt oder doch in den Raum übergibt.

Im geordneten Aufbau hatte die Mannschaft aber durchaus Probleme mit dem frühen Anlaufen der Augsburger, die Werder nach und nach einschnürten und über ihr starkes Gegenpressing phasenweise kaum noch über die Mittellinie kommen ließen. Im Spiel mit dem Ball versuchte es Augsburg mit den erwarteten Diagonalbällen aus der Abwehr auf die Flügel, wobei sich dort nicht Martin Hinteregger besonders hervortat, der von Werder im Aufbau gut beschäftigt wurde, sondern Jeffrey Gouweleeuw, der einige sehr präzise Bälle auf Philipp Max schlug.

Augsburg erspielte sich zwar keine Reihe guter Torchancen, hatte aber die Spielkontrolle übernommen. Daniel Baier und auch Khedira, der sich immer wieder in den eigenen Aufbau einschaltete, konnten sich gut lösen und auch über kleine Ablagen durchs Zentrum kombinieren. Und Werders Idee, mit dem tieferen Pressing schnelleren Zugriff auf die zweiten Bälle zu bekommen und mit Bargfrede, der sich zwischen die Innenverteidiger fallen ließ, eine zusätzliche Tiefensicherung zu bekommen, ging nur bedingt auf. Augsburg war energischer, spielte intensiver und auch risikoreicher mit seiner Mann-gegen-Mann-Absicherung in der Dreierkette und den fast nur offensiv denkenden Flügelverteidigern, die sehr viel Dampf nach vorne machten.

Werder eiskalt, Caiuby-Wechsel wirkt sofort

Hinein in die vermeintliche Kontrolle wurde der FCA von Werder aber kalt erwischt. Die Gäste nutzten minimale Fehler, als Augsburg im Zweikampf vermeintlich weit weg vom eigenen Tor nicht bissig genug war und drehten innerhalb drei Minuten auf, kam zu zwei Toren und einer Großchance durch Klaassen. Baum reagierte noch vor der Pause mit einem frühen Wechsel, der für Werder eigentlich Signalwirkung hätte haben sollen. Für den wendigen Marco Richter kam der viel direktere und ungeheuer kopfballstarke Caiuby ins Spiel. Caiuby war es auch, der mit der letzten Aktion der ersten Halbzeit nach dem bekannten Muster – langer Ball, Kopfballablage, Torschuss – den Anschlusstreffer vorbereitete.

Dem Ausgleich unmittelbar nach der Pause ging ein schludriges gruppentaktisches Defensivverhalten voraus, erst hielt Kainz seine Zuteilung auf Framberger nicht ein, dann rückte Augustinsson sehr weit aus seiner Position heraus und gab die linke Verteidigungsseite preis. André Hahn hatte jede Menge Platz und Zeit und fand in Gebre Selassies Rücken, der wie alle anderen Bremer Spieler nur auf den Ball schaute, Torschütze Max. Nun drohte die Partie endgültig zu kippen. Augsburg schnürte Werder ein und hatte mit Ja-Cheol Koo einen Spieler, der aus seiner tieferen Position immer wieder mit in den Strafraum ging und von Werder schlecht aufgenommen wurde. Augsburg kam in 15 Minuten auf acht Torschüsse, darunter klare Torchancen durch zweimal Koo und Michael Gregoritsch.

Umstellung fruchtet

Kohfeldt reagierte, brachte Harnik für Pizarro und nahm die wohl entscheidende Umstellung vor: Augsburg hatte sich sichtlich müde gelaufen, zu diesem Zeitpunkt des Spiels schon weit über 200 Sprints angezogen. Besonders das Nachrücken auf die langen Bälle kostetet jede Menge Kraft. Kohfeldt stellte auf sechs Mittelfeldspieler und Kruse auf der Zehn als verkappten Angreifer um. Jetzt bekam Werder den gegnerischen Sechserraum wieder in den Griff und forcierte damit noch mehr lange Zuspiele in die Spitze. Augsburgs Spieler konnten diese Zuspiele kaum noch behaupten oder erlaufen.

Werder beruhigte das Spiel, profitierte von Koos verletzungsbedingter Auswechslung und bekam die erneute Führung geschenkt. Augsburg war körperlich und mental angeknockt und konnte sich daraus auch kaum noch befreien. Baum riskierte mit einem zusätzlichen Angreifer alles, löste die Absicherung im Mittelfeld auf und verteidigte in der Restverteidigung nur noch Mann gegen Mann. Werder hatte gute Kontergelegenheiten, spielte diese aber schlampig zu Ende und wurde mit dem Abpfiff bei Gregoritschs Pfostentreffer fast dafür bestraft.

Ein Sieg der individuellen Klasse

Die eigenen Tore zu günstigen Zeitpunkten, der Ausfall des besten gegnerischen Spielers, Pizarros nicht geahndete Tätlichkeit, Fabian Giefers Fehler und das nötige Glück bei Gregoritschs Pfostentreffer begünstigten eine Bremer Mannschaft, die erneut eine saubere Struktur hatte und wirklich starke Momente – die davor und danach aber auch erhebliche Probleme in allen Spielphasen zeigte.

Werder hat noch einige Puzzlestücke zusammenzufügen, der Sieg in Augsburg war ein Sieg der individuellen Klasse. Dass die Mannschaft jetzt aber mit diesen ausbaufähigen Leistungen schon gut gepunktet hat, ist auch ein Qualitätsmerkmal.

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