Werder in der Krise

Kohfeldts Probleme-Puzzle

Es fehlen im Moment nur Kleinigkeiten, sagen die Werder-Verantwortlichen nach der dritten Niederlage in Folge. Das stimmt, ist aber auch nicht die ganze Wahrheit. Eine Analyse.
11.11.2018, 14:32
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Kohfeldts Probleme-Puzzle
Von Marc Hagedorn
Kohfeldts Probleme-Puzzle
nordphoto

Wer sich jetzt fragt, was er davon halten soll, dass Werder plötzlich so oft verliert, der könnte sich an Florian Kohfeldt wenden, um eine Antwort zu bekommen. Werders Cheftrainer hat mit seiner Mannschaft gerade zum ersten Mal in seiner noch jungen Karriere drei Bundesliga-Niederlagen in Folge kassiert. Das ist nicht schön, ganz im Gegenteil: Das ist sogar ziemlich blöd und tut auch ordentlich weh. „Aber wir müssen jetzt nicht durchdrehen“, sagt Kohfeldt. Er ordnet das, was Werder mit dem 2:6 gegen Leverkusen, dem 1:2 in Mainz und nun dem 1:3 gegen Mönchengladbach passiert ist, so ein: „Das, was hier gerade passiert, ist die Normalität“, sagt er.

Die Bundesliga-Tabelle ist erbarmungslos, sie drückt in nüchternen Zahlenreihen aus, wer über den Dingen schwebt (Platz eins), wer besser ist als der große Rest (Platz zwei bis sechs), wo die breite Mitte beginnt (ab Platz sieben), und wo es ganz eng wird (zurzeit so ungefähr ab Platz 12). Werder ist Siebter, erstmals seit mehreren Wochen aus den Top Sechs, also aus den Europapokalrängen, herausgerutscht. „Best of the rest“, die Besten vom Rest, könnte man sagen. Das ist schon was, aber auch deutlich weniger als noch vor drei Wochen.

Vor Werder stehen Dortmund, Mönchengladbach, Bayern, Leipzig, Hoffenheim und Frankfurt, mindestens vier Teams davon, wahrscheinlich sogar fünf, konnte man aufgrund ihrer individuellen Klasse auch dort erwarten. Florian Kohfeldt saß nach dem Gladbach-Spiel noch mit den Journalisten zusammen. Hinter ihm auf dem Bildschirm war die Bundesliga-Tabelle eingeblendet, also fachsimpelte man über das Tableau. „Die, die vor uns stehen, haben deutlich mehr Möglichkeiten“, sagte der Werder-Trainer, „aber das wusste ich auch schon vor der Saison.“ Individuell mögen andere besser besetzt sein, das räumt Kohfeldt ein, „aber wir können unser Ziel über das Kollektiv erreichen.“ Und das Ziel bleibt Europa. Auch Sportchef Frank Baumann sagte nach dem 1:3 gegen Gladbach mit voller Überzeugung: „Es gibt keinen Grund, von unserer Erwartungshaltung abzurücken.“

Fehlen nur Kleinigkeiten?

Als Kohfeldt und Baumann im Medienbereich des Weserstadions über die Ursachen für die neuerliche Niederlage sprachen, da war viel von „Kleinigkeiten“ die Rede, vom letzten „Tick“, der mal im Abschluss fehlte und mal beim Verteidigen vor den Gegentoren. Fast sämtliche Statistiken aus dem Gladbach-Spiel legten tatsächlich nahe, dass sich hier zwei Teams auf Augenhöhe begegnet waren. Ballaktionen? 51:49 Prozent für Werder. Zweikämpfe? 48:52 Prozent aus Bremer Sicht. Passquote? 87 Prozent (Werder) zu 88 Prozent (Gladbach). Nach Torschüssen (20:15) und Eckbällen (9:5) lag Werder sogar ziemlich klar vorn.

So verrückt das vielleicht klingen mag, aber auch die Niederlage gegen Gladbach hatte trotz eines zwischenzeitlichen 0:3-Rückstandes Momente, in denen Werder – wie gegen Leverkusen – das Spiel hätte drehen können. Nach Nuri Sahins Anschlusstor zum 1:3 hatte Max Kruse die große Chance zum 2:3. „Wenn Max den Flugkopfball rein macht, dann kann es ganz eng werden“, sagte Gladbachs Trainer Dieter Hecking, und ihm war bei diesen Worten anzusehen, wie froh er war, dass Kruses Kopfball knapp am Pfosten vorbei gegangen war. Es waren Zentimeter, die Werder und seinem Kapitän zum Erfolgserlebnis, fehlten.

Aber stimmt das? Stimmt es, dass Werder im Moment nur Kleinigkeiten fehlen? Kohfeldt und Baumann finden: ja. Lediglich die erste Halbzeit gegen Mainz hat Kohfeldt überhaupt nicht gefallen, „da müssen wir nicht drumherum reden“. Aber die anderen fünf Hälften? Kurz zusammengefasst aus Kohfeldts Sicht: in der Gesamtbetrachtung nicht so schlecht, wie es die Ergebnisse vielleicht glauben machen könnten.

Gegentore fallen zu leicht

Baumann sagte: „Wir machen es dem Gegner zu leicht, Tore zu schießen.“ Werder verteidigt seit einiger Zeit vor allem zweite Bälle nach Standards schlecht, erst in Mainz beim 0:2 nach einem Einwurf, nun beim 0:1 gegen Gladbach nach einem Eckball. Beim 0:2 gegen Gladbach war nicht einmal ein zweiter Ball, also ein Gladbacher Nachsetzen, nötig: Die Eckballvariante von Thorgan Hazard im Zusammenspiel mit Torschütze Alassane Plea landete auf direktem Wege im Bremer Tor. Das ging tatsächlich viel zu einfach.

Aber reicht das, um drei Niederlagen mit elf (!) Gegentoren zu erklären? (Vorher waren es acht Gegentore in acht Spielen gewesen). Oder kommt nicht vielleicht doch etwas mehr zusammen, als nur die Tatsache, dass Werder gerade „die richtigen Momente“ (Kohfeldt) nicht findet, es nicht glücken will, dass ein Ball mal ins gegnerische Tor rollt, „wenn die Situation nicht so glasklar ist“, wie Kohfeldt ausführte, also einfach mal ein Duseltor helfen könnte. Da ist was dran, das ist alles nicht gelogen, aber auch nicht die ganze Wahrheit.

Einige Spieler nicht am Limit

Es fällt auf, dass einige Spieler nicht am oberen Limit ihres Könnens spielen. Linksverteidiger Ludwig Augustinsson etwa wirkt nach einem fast durchgespielten WM-Sommer längst nicht so forsch, wie man es sich in seiner zweiten Bundesliga-Saison vielleicht vorgestellt hatte. Yuya Osako, noch ein WM-Fahrer, blieb gegen Gladbach sogar erstmals 90 Minuten lang auf der Ersatzbank, weil „die letzte Frische“ nicht da war, wie Kohfeldt sagte. Florian Kainz pendelt verlässlich zwischen Startelf und Ersatzbank und schaffte es gegen Gladbach nicht einmal in den Kader. Max Kruse ist im Moment nicht mehr der Spieler, der sonst für Werder den Unterschied ausmachte. Und Jiri Pavlenka, der immer noch tut, was er kann und bestimmt kein Unsicherheitsfaktor ist, hält aber gerade – anders als im Vorjahr – keine unhaltbaren Bälle mehr. Die Liste ließe sich fortführen. Davy Klaassen geht nach wie vor robust zur Sache, verliert aber den entscheidenden Zweikampf vor dem ersten Gladbacher Tor. Und so weiter.

In der Summe ergeben diese Kleinigkeiten eine ganz schön umfangreiche Bestandsaufnahme, ein Probleme-Puzzle, mit dem sich Florian Kohfeldt und sein Team jetzt auseinandersetzen müssen. 14 Tage haben sie dafür Zeit, erst am Sonntag, 25. November, geht es für Werder weiter, dann beim SC Freiburg. „Ich bin gar nicht so unfroh, jetzt mal Abstand gewinnen zu können“, sagt Kohfeldt. Mehrere Nationalspieler sind mit ihren Teams auf Reisen, Kohfeldt verzichtet auf Testspiele.

Wenn die meisten Profis am Dienstag in einer Woche zurück sind, beginnt die Vorbereitung auf Freiburg. „Es ist kein Schlüsselspiel“, sagt Kohfeldt. Aber es ist fast so eines, „ganz wichtig“, sagt Kohfeldt. Nach Freiburg heißen die Gegner bis Weihnachten Bayern, Düsseldorf, Dortmund, Hoffenheim und Leipzig. Vier von diesen Fünfen stehen in der Tabelle vor Werder. Oder mit anderen Worten: Willkommen in der Normalität.

Wer war euer „Man of the Match“ gegen Gladbach?

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+