Marc Hagedorn über das Ende der Ära-Skripnik Kommentar: Besser spät als nie

Werder wird die unrühmliche Ehre zuteil, nach gerade einmal drei Spieltagen für den ersten Trainerwechsel der neuen Saison gesorgt zu haben. Gut so, findet WESER-KURIER Sportchef Marc Hagedorn.
18.09.2016, 23:54
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Kommentar: Besser spät als nie
Von Marc Hagedorn

Der Trainerwechsel bei Werder Bremen musste sein. Denn: Mit Viktor Skripnik wäre der Abstieg in dieser Saison nicht aufzuhalten gewesen, meint WESER-KURIER Sportchef Marc Hagedorn.

Werder ist seit diesem Wochenende wieder ein Stück mehr ein Bundesliga-Verein wie jeder andere geworden. Werder wird die unrühmliche Ehre zuteil, nach gerade einmal drei Spieltagen für den ersten Trainerwechsel der neuen Saison gesorgt zu haben. So etwas kennt man sonst nur von notorisch aufgeregten Standorten wie Hamburg und Frankfurt oder zuletzt Stuttgart und Hannover.

Werder verkauft sich gern als ein etwas anderer Klub. Jetzt aber hat er reagiert wie jeder x-beliebige Verein auch. Und das ist überhaupt nicht schlimm, sondern im Gegenteil: Es ist gut und richtig und wurde höchste Zeit. Denn es geht schon längst nicht mehr darum, was Werder sein will, sondern darum, was Werder seit inzwischen sechs Jahren ist: ein Bundesligist, der – von kleinen Ruhephasen abgesehen – schon viel zu lange am Rande des Abgrunds steht, sprich immer kurz vor dem Sturz in die zweite Liga.

Mit Viktor Skripnik wäre der Abstieg in dieser Saison nicht aufzuhalten gewesen. Werders desolater Auftritt in Mönchengladbach war der Tiefpunkt einer quälenden Rückentwicklung unter diesem Trainer. Die taktische Ausrichtung gegen Gladbach wirkte bei wohlwollender Betrachtung wie ein letzter mutiger Versuch Skripniks, den Befreiungsschlag zu erzwingen. Böse formuliert könnte man aber auch sagen, dass die kuriose Aufstellung wie die Bitte um eine Kündigung war.

Werder braucht nicht noch mehr Werder,

sondern Erfolg.

Die gelernten Stürmer Aron Johannsson und Lennart Thy auf die Bank zu setzen und stattdessen den Mittelfeldspieler Zlatko Junuzovic als Mittelstürmer zu bringen, oder den jungen Spieler Ulisses Garcia erst in die Reserve runterzuschicken und ihn nun plötzlich in die Startelf zu befördern – darauf muss man erstmal kommen. Genauso wie auf die Idee, den Torwart Felix Wiedwald öffentlich eine Woche lang stark zu reden, um ihn intern doch abzuservieren. Bei aller Liebe zum Herzens-Werderaner Skripnik: Er und sein Trainerteam wirkten nicht mehr wie diejenigen, die die Lösung für alle Werder-Probleme haben, sondern wie diejenigen, die längst die Richtung und Kontrolle verloren haben.

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Es ehrt den Menschen Frank Baumann, dass er dem Freund und langjährigen Weggefährten Viktor Skripnik lange den Rücken gestärkt hat. Der neue Geschäftsführer Frank Baumann dagegen hat mit dem Festhalten an Skripnik seinen ersten kapitalen Fehler in diesem Job gemacht. Er hat wertvolle Zeit verschenkt. Er hat den richtigen Zeitpunkt verpasst, um parallel zum Totalumbau der Mannschaft auch auf der Trainerposition früh für klare Verhältnisse zu sorgen. Nach dem geschafften Klassenerhalt wäre ein ehrenvoller Abschied von Skripnik die beste Idee gewesen.

Stattdessen ist Werder mit einem geschwächten Trainer in die Saison gegangen. Dabei hatte der Trainermarkt im Frühsommer interessante Optionen bereitgehalten. Jetzt gibt er sie nur noch sehr eingeschränkt her. Aufstrebende Trainertalente oder ausgewiesene Fachleute wie Dirk Schuster, Markus Kauczinski und Lucien Favre sind längst woanders untergekommen.

Viktor Skripnik hat für Werder auch Gutes getan. Er hat den Klub in einer der schwierigsten Phasen seiner Vereinsgeschichte übernommen und die Werder-Mannschaft zum Klassenerhalt geführt. Was Skripnik für Werder nicht getan hat, war, diese Mannschaft weiterzuentwickeln. Die ewigen Probleme in der Defensive und das dauernde Hin und Her bei Taktik und Personal sind Skripnik unzählige Male vorgehalten und letztlich zum Verhängnis geworden.

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Ein weiterer Fehler Skripniks war es, seine Rolle als Trainer stets klein zu reden. Wenn er Probleme erklären sollte, dann landete er schnell bei Begrifflichkeiten wie Glück und Pech, die regelmäßig in seiner Standardfloskel „So ist Fußball“ gipfelten. Wirklich große Trainer würden niemals auf die Idee kommen so zu reden. Trainer wie Hasenhüttl, Weinzierl, Klopp oder Tuchel würden sich niemals damit abfinden, Gegentore als quasi gottgegeben zu akzeptieren.

Baumann muss als oberster Trainersucher nun einen Mann holen, der eine klare Idee vom Fußball hat, und der das Bundesliga-Geschäft mit all seinen Anforderungen kennt. Und Baumann muss zulassen, dass der Neue nicht unbedingt ein lebenslang Grün-Weißer ist. Skripnik hat seine enge Verbundenheit zum Klub am Ende mehr geschadet als geholfen. Werder braucht nicht noch mehr Werder auf den entscheidenden Posten im Verein, sondern Werder braucht endlich wieder Erfolg und eine Perspektive auf dem Platz. marc.hagedorn@weser-kurier.de

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