Kommentar zum Handeln des Profi-Fußballs

Völlig absurd, aber auch sehr entlarvend

In der Corona-Krise geben die Bundesliga-Vereine ein zunehmend verstörendes Bild ab, kommentiert Chefreporter Jean-Julien Beer. Die Fußball-Branche scheint jede Bodenhaftung verloren zu haben.
22.04.2020, 16:45
Lesedauer: 3 Min
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Von Jean-Julien Beer
Völlig absurd, aber auch sehr entlarvend

Geht es wirklich noch um den Fußball? Um Anstand und Bodenhaftung scheint es in der Bundesliga jedenfalls nicht mehr zu gehen.

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Auch wenn man sich eine Steigerung gar nicht mehr vorstellen kann: Die Fußball-Bundesliga und ihre Macher schaffen es, in der Corona-Krise nahezu täglich ein noch desaströseres Bild abzugeben. Um die Saison – aus rein monetären Gründen - mit Geisterspielen ohne Zuschauer beenden zu können, legte nun eine medizinische Liga-Task-Force ein Konzept vor. Dieses sieht unter anderem vor, dass der Öffentlichkeit infizierte Spieler bewusst verschwiegen werden und dass die Vereine genügend Fußballer im Kader haben sollen, um die Saison auch bei krankheitsbedingten Ausfällen noch beenden zu können. Abstriche in Drive-in-Stationen soll es ebenfalls geben. Ernsthaft! Zwei Meter Abstand beim Duschen werden auch noch empfohlen.

Dabei hatte der Fußballzirkus die Grenze zur Lächerlichkeit bereits überschritten, als seine Millionäre und Multimillionäre öffentlichkeitswirksam auf einen eher kleinen Prozentsatz ihres Gehaltes verzichteten. Nur für einen Monat, vielleicht für drei, muss man hinzufügen. Teilweise auch nur gestundet. Weil das natürlich nicht ausreicht, um die extrem hohen Personalkosten in den Griff zu bekommen, kämpfen die Vereine nun ums TV-Geld und um ihre Existenz. Es geht dabei um die nächsten Raten der Millionenzahlungen vom Fernsehen, die einzelne Klubs jedoch schon verpfändet haben sollen, damit sie sich vor der Corona-Krise noch mehr Prunk leisten konnten. Was für ein trauriges Schauspiel.

Was ist eigentlich mit „Sky“?

Während große Teile der Gesellschaft auf eine schrittweise Rückkehr zur Normalität noch länger warten müssen, behauptet die Ligaspitze mit ihrer Task-Force und ihrem Kampf um Geisterspiele allen Ernstes, man beanspruche keinen Sonderweg. Was die Bundesliga für einen Sonderweg halten würde, mag man sich gar nicht ausmalen. Interessant ist dabei auch, dass die gesamte Liga-Prominenz in dieser harten Krise nicht etwa über den TV-Rechte-Inhaber „Sky“ kommuniziert, an dessen Geld man sich in diesen Tagen so verzweifelt klammert. Nein, Boulevardmedien sind plötzlich eine Art Sprachrohr des deutschen Fußballs. Das erinnert an längst überwunden geglaubte Zeiten, als Fußball-Manager in Deutschland eingeschüchtert dachten, sie müssten mit diesen Zeitungen dealen, um im Amt bleiben zu können. In aktuellen Jahrzehnt aber mit der Strahlkraft sozialer Medien lässt sich über die genaue Motivation nur spekulieren. Wer dealt hier eigentlich mit wem? Und warum? Und wie lange lassen sich die Rechte-Inhaber, die den Klubs in der Summe einen Milliarden-Betrag zahlen, derart übergehen oder gar vorführen?

Millionengehälter stoppen

Noch fragwürdiger sind die Parallel-Universen, die sich gerade zeigen: Während Fußball-Anhänger, die übrigens häufig selbst von der Krise betroffen sind, von den Vereinen gebeten werden, nun als Unterstützung in den Fanshops einzukaufen oder auf die Erstattung ihrer Tickets zu verzichten, erhalten Profis wie Bayerns Coman einen Rüffel dafür, dass sie mit einem McLaren zum Training gekommen sind statt mit dem noblen Dienstwagen. Dem Profifußball scheint hier jede Verhältnismäßigkeit abhanden gekommen zu sein. Und das Bewusstsein dafür, welch verstörendes Bild er damit abgibt. Aber während der außerordentlichen Ligaversammlung an diesem Donnerstag bleibt vermutlich wieder keine Zeit, sich mit derlei selbstkritisch auseinanderzusetzen…

Um diese absurde Theater zu beenden, wären ein sofortiger Saisonabbruch und ein vorübergehender Stopp der Millionengehälter vielleicht der angemessenere Weg, um die Vereine zu retten. In den Niederlanden hat die Politik die Fußballsaison bereits für beendet erklärt, nach einer cleveren Einigung mit den dortigen TV-Sendern. Nur gut, dass auch der deutsche Fußball über eine Fortführung der Saison nicht alleine entscheiden darf.

Und künftig: Bodenständigkeit...

Übrigens, und jetzt bitte nicht lachen: Die Fußball-Bundesliga verkündete in dieser Woche etwas, was für sie ganz offensichtlich völliges Neuland bedeutet. Es stehe „außer Frage, dass künftig Nachhaltigkeit, Stabilität und Bodenständigkeit zu den entscheidenden Werten“ der Vereine gehören müssten.

Mal abgesehen davon, dass man derlei schon in der Vergangenheit gerne gesehen hätte, muss man hier fragen: ernsthaft?

Um ihre guten Absichten zu unterstreichen, betonten die Ligabosse sogleich, die bei Geisterspielen notwendigen 20.000 Coronatests für Bundesligaprofis würden die Laborkapazität für die normale Bevölkerung nicht beeinflussen. In der realen Welt aber, von der sich der Profifußball immer weiter entfernt, ist das gar keine Frage der Kapazität. Es ist eine Frage der Bodenhaftung, mehr noch: eine Frage des Anstands und der Prioritäten in diesem Land.

Es droht Liebesentzug

Wie groß der Schaden für die Bundesliga am Ende sein wird, ist nicht nur eine wirtschaftliche Sache und hängt gewiss nicht nur von den Geisterspielen ab. Sondern auch davon, wie viele Menschen sich angewidert abwenden werden von einer Branche, die sich in einem Rekordtempo als selbstverliebt, verschwenderisch, unanständig und abgehoben entlarvt – ohne das zu merken. Mit welcher Wucht solch ein Liebesentzug auch den Fußball treffen kann, hat die nicht weniger abgehobene Nationalmannschaft bereits nachhaltig erfahren müssen. Und das wäre sicher nicht die Nachhaltigkeit, von der die Bundesliga-Bosse dieser Tage schwadronierten.

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