Kommentar zur Rettung in der Relegation

Trotz Klassenerhalt braucht Werder Veränderungen

Auf den Straßen im Bremer Viertel wird gefeiert, die Erleichterung ist groß. Der große Jubel dürfe aber nicht über die Tatsachen hinwegtäuschen, bei Werder gibt es Handlungsbedarf, kommentiert Jean-Julien Beer.
06.07.2020, 23:51
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Jean-Julien Beer
Trotz Klassenerhalt braucht Werder Veränderungen

Trainer Florian Kohfeldt und Sportchef Frank Baumann liegen sich nach dem vollbrachten Klassenerhalt in den Armen.

gumzmedia/nordphoto

Bei Werder Bremen sollte keiner auf die Idee kommen, den Klassenerhalt als Erfolg zu feiern. Das Siechtum der vergangenen Monate taugt nicht für Heldengeschichten, und selbst gegen den Kleinstadtverein aus Heidenheim stand Werders Rettung nach dem trostlosen Hinspiel auf wackeligen Beinen. Wenn man ehrlich ist, bleibt Bremen nur deshalb in der Bundesliga, weil Fortuna Düsseldorf am 33. Spieltag ein Tor zu wenig schoss und am 34. Spieltag sein Spiel bei Union Berlin verlor.

Dieser Klassenerhalt ist für Werder das größte Geschenk seit der Entdeckung Pizarros, und dass der taumelnde Traditionsverein es angenommen hat, wird seine weitere Geschichte prägen. Ein Absturz in die zweite Liga hätte Mindereinnahmen von 45 Millionen Euro bedeutet. Auch ohne die Coronakrise könnte niemand sagen, ob sich der Verein davon erholt hätte – schon gar nicht die Verantwortlichen bei Werder, die zuletzt mit vielen Einschätzungen daneben lagen.

Offensichtliche Gefahren ignoriert

Wer nach Europa will, dann aber gegen Heidenheim um sein Überleben in der Bundesliga zittert, hat viel falsch gemacht. Seit dem Herbst schlitterte Werder von einer Peinlichkeit in die nächste, Tiefpunkte wie das 0:5 im Dezember gegen Mainz oder die historisch schlechte Heimbilanz mit zwei Siegen aus 17 Spielen bleiben in Erinnerung. Wie lange der Verein die offensichtliche Gefahr ignorierte, wirkte arrogant und ist weder erklärbar, noch entschuldbar.
In bester Max-Kruse-Manier haben sie bei Werder um diesen Klassenerhalt gezockt, ob Aufsichtsratschef Marco Bode, Sportchef Frank Baumann oder Trainer Florian Kohfeldt. Mehrmals drohte das zu scheitern.

Dann wären viele Fragen für Werders Führungsriege heikel geworden. Zum Beispiel die, warum sie in der Winterpause nicht qualifiziert auf dem Transfermarkt gehandelt haben, statt sich kurz vor Ladenschluss vom Ramschtisch einen Davie Selke zu nehmen, von dem sie hätten wissen müssen, was er nicht kann. Wahrscheinlich hätte Baumann solche Kritik mit dem fehlenden Geld gekontert, dabei muss der sinnvolle Einsatz von Geld bei Werder grundsätzlich hinterfragt werden: Kruse vor der Saison die hohen Gehaltsforderungen nicht zu erfüllen und es lieber ohne den Kapitän, besten Torschützen und besten Vorbereiter im Kader zu versuchen, war die Mutter aller Fehleinschätzungen. Beinahe hätte der Verein das sehr viel teurer bezahlen müssen.

Bis an die Grenze der Lächerlichkeit

Bei Werder müssen nun die richtigen Lehren gezogen werden, sonst droht in der nächsten Saison wieder das Zittern. Denn an der Weser waren sie geblendet und haben geblendet. Man kann es auch die grün-weiße Brille nennen, durch die Baumann, Bode und Kohfeldt die Dinge betrachteten. Etwa die Klasse ihrer Spieler. Werder redete sich eine Qualität ein, die – ohne Kruse – nicht vorhanden war. Neben der fußballerischen Klasse samt Tempo und Größe fehlte es dem Kader an Mentalität und Identifikation. Bis an die Grenze der Lächerlichkeit hat Kohfeldt versucht, sein Bremer Herzblut auf diese Spieler zu übertragen und sie emotional zu packen. Wie krass er dabei in vielen Spielen scheiterte, muss allen zu denken geben.

Am Ende wurde Bremen dafür belohnt, nicht viel getan zu haben. Immer wieder verwirrte Werder mit der Ruhe, mit der man jede Gefahr auszusitzen versuchte. Dass dieser Weg nicht in der zweiten Liga endete, war kein Können, sondern Glück. Wie erwähnt: Ein Tor von Düsseldorf hätte genügt, den Spuk frühzeitig zu beenden. Sollten die Verantwortlichen bei Werder nach der (angeblich kritischen) Saisonanalyse nicht ausgetauscht werden, müssen sie ihr Handeln ändern – denn sie scheinen den Blick für die Realität verloren zu haben. Im Alltag, aber auch im großen Ganzen. Werder ist kein Kandidat für Europa, sondern muss immer erst den Klassenerhalt sichern. Die wirtschaftlichen Eckdaten belegen das. Mannschaften, die um europäische Plätze spielen, sind anders aufgestellt. Diese Vereinsführung war angetreten, das zu verändern, sie ging dafür sogar finanziell ins Risiko. Ihr tägliches Management aber, dieses zögerliche Handeln trotz enormer Gefahr, hatte mit internationaler Klasse nichts zu tun. Das war, wie man in der Tabelle sehen kann, eher zweitklassig.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+