Werders Mittelfeld im Kadercheck Kompakt, aber noch zu eindimensional

In einigen Wochen startet Werder die Vorbereitung auf die neue Saison. Grund genug, um die Qualität des Teams genau unter die Lupe zu nehmen. Im dritten Teil unseres Kaderchecks geht es ums Mittelfeld.
05.06.2017, 14:22
Lesedauer: 5 Min
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Von Stefan Rommel

Das Mittelfeld ist der Motor des Spiels, hier laufen alle Fäden zusammen, es ist der wichtigste der vier Mannschaftsteile. Werder Bremen ist in diesem Bereich ordentlich aufgestellt, aber vielleicht auch eine Spur zu eindimensional. Bremen spielt in seiner bevorzugten 3-1-4-2-Grundordnung mit einem Dreier-Block, bestehend aus einem Sechser und zwei flankierenden Achtern davor, und dazu den beiden Außenbahnspielern, die zwischen Mittelfeld und Abwehrkette pendeln. In der grundsätzlichen Formation entsteht also ein Fünfer-Mittelfeld. Zwei elementare Vorteile des Dreier-Blocks sind die einfachen Dreiecksbildungen im Spielaufbau und das geschlossene Zentrum im Spiel gegen den Ball.

Durch die Kompaktheit im Zentrum muss der Gegner häufiger den Umweg über die Außenbahnen nehmen – hier sind für die beiden Außenbahnspieler die Aufgaben besonders herausfordernd. Die Spieler müssen defensiv wie offensiv gut geschult sein, auf dem Flügel oftmals alleine verteidigen und ein großes Laufpensum an den Tag legen.

Der einzige nominelle Sechser im Bremer Mittelfeld hat eine eher horizontale Ausrichtung. Das hat zum einen damit zu tun, dass er einen großen Raum neben sich alleine verteidigen muss und zum anderen, weil er in das Offensivspiel nur selten eingebunden ist und demnach kaum Läufe zwischen den Sechzehnern machen muss. Werder vertraut auf dieser sehr zentralen, in jeglicher Hinsicht wichtigen Position Spielern mit einem hohen defensiven Grundverständnis.

Maximilian Eggestein und Philipp Bargfrede sind solide Abräumer, aber keine besonders herausragenden Aufbauspieler, die das eigene Spiel mit dem Ball vorausschauend strukturieren könnten und stattdessen in ihrer Entscheidungsfindung sehr konservativ bleiben. Überraschende Impulse im Spiel mit dem Ball sind eine Seltenheit. Thomas Delaney hat etwas mehr strategische Fähigkeiten und Offensivdrang, hatte in einigen Spielen auf der Sechs dafür aber in der Defensive Probleme.

Wohin mit Gnabry?

Auf der Acht stellt Zlatko Junuzovic mit seinem aufwändigen Spiel viele Verbindungen her zwischen Abwehr und Angriff und hat eine Position gefunden, die ihm besser liegt als die des Sechsers oder im zentralen offensiven Mittelfeld. Im Halbraum fühlt sich der Österreicher deutlich wohler und bringt seine Stärken besser ein. Was im Prinzip auch auf Landsmann Florian Grillitsch zutraf. Der rückte von der Sechs im Lauf der Rückrunde auf die Halbposition und wurde da zu einem wichtigen Spieler.

Theodor Gebre Selassie und Robert Bauer haben sich auf den Außenbahnen als Bestbesetzung entpuppt. Beide leben von ihrer Körperlichkeit und ihrem Tempo, dazu wurde Gebre Selassie in der abgelaufenen Saison im Torabschluss erstaunlich gefährlich und zu einer veritablen Waffe.

Werder deckt mit seiner Aufteilung im Mittelfeld zwei horizontale Linien ab und alle fünf Zonen (zwei Flügel, zwei Halbspuren und das Zentrum). Aber: Einerseits ist der Zehnerraum im 3-1-4-2 nicht permanent besetzt – und gerade aus dieser Zone hinter den eigenen Spitzen entwickelt sich die meiste Torgefahr. Und andererseits gibt es in der Grundordnung keine klassischen offensiven Flügelspieler mehr.

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Das wäre gar kein großes Problem, hätte die Mannschaft mit Serge Gnabry nicht einen der besten Flügelspieler der Bundesliga in ihren Reihen – aber derzeit keinen Platz für seinen torgefährlichsten Mittelfeldspieler (elf Treffer). Trainer Alexander Nouri hat seit der Umstellung auf die Dreierkette jedenfalls immer noch nicht die optimale Position für Gnabry gefunden, der während der Erfolgsserie erst lange verletzt war und dann fast nur noch als Ergänzungsspieler ran durfte.

Das Gegenpressing ist in Bremen kein Dogma, sondern wird nur situativ eingesetzt. Prinzipiell versucht die Mannschaft nach einem Ballverlust in ihre Grundordnung zu fallen. Bei gegnerischem Ballbesitz hat sich Werder dann in der abgelaufenen Saison auf eine Fünferkette in der letzten Linie verlassen. Gebre Selassie und Bauer füllten die Dreierkette fast immer auf einer Linie auf, deckten so die Spielfeldbreite perfekt ab. Das führt zu einer hohen Sicherheit im Abwehrdrittel, hat aber auch negative Auswirkungen auf das von Werder bevorzugte Pressing im Mittelfeld. Dort fehlen schlicht Spieler, um dem Gegner aggressiv und in nummerischer Gleichzahl zu begegnen.

Vierer- statt Fünferkette

Für die kommende Saison stehen zwei Alternativen im Raum: Werder forciert sein Gegenpressing. Das hängt aber eng zusammen mit der Art, wie die Mannschaft in der Offensive agieren will, ob sie zum Beispiel mehr über das Positionsspiel und Kurzpässe angreifen will. Dann wären die nötigen Staffelungen und Absicherungs- und Durchschiebeformationen auch gegeben, um ein wirkungsvolles Gegenpressing zu betreiben. Die 3-1-4-2-Grundordnung ließe prinzipiell viele Gegenpressingmomente zu, weil alle fünf Zonen homogen besetzt sind. Am Ende entscheidet aber wie immer die gewählte Strategie darüber, wie die Grundordnung im Spiel interpretiert wird.

Variante zwei: Die Mannschaft bleibt bei ihrem eher zurückhaltenden Stil nach eigenem Ballverlust, füllt die Dreierkette aber nicht mit beiden Außenverteidigern zu einer Fünferkette auf, sondern nur noch mit dem ballfernen zu einer Viererkette – während der ballnahe Außenverteidiger im Mittelfeld den Druck auf den Ball unterstützt. Gerade mit intelligenten Angreifern wie Fin Bartels und Max Kruse, die Quer- und Rückpässe des Gegners gut verstellen, könnte der Gegner auf den Flügeln besser isoliert und Ballgewinne forciert werden.

Was Grillitschs Abschied bedeutet

Die Abgänge von Grillitsch, Clemens Fritz und Santiago Garcia haben die Verantwortlichen zum Teil schon personell kompensiert. Mit dem Schweden Ludwig Augustinsson kommt ein klarer Ersatz für Garcia auf der linken Seite, Jerome Gondorf kann gemessen an seinen Fähigkeiten und seinem Stil mit Fritz verglichen werden, der ehemalige Darmstädter ist aber deutlich explosiver und auch torgefährlicher als der ausgeschiedene Kapitän.

Bleibt noch der Ersatz für Grillitsch. Mit dem geht eine ordentliche Portion Ballsicherheit und Spielverständnis, Grillitsch war im kampfbetonten Mittelfeld eher die spielerische Komponente. Mit Florian Kainz hat Nouri eine Option bereits auf der Acht getestet, der Österreicher zeigte dabei gute Ansätze. Kainz ist aber weniger ein Stratege, bringt seine Qualitäten im Dribbling ein und ist – wie auch Gondorf – stark im Pressing.

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Werder sieht sich im zentralen defensiven Mittelfeld stark genug aufgestellt, wie Sportchef Frank Baumann zuletzt betonte. Quantitativ sind auch die Halbpositionen gut besetzt (Gondorf, Junuzovic, Delaney, Kainz) – aber eben auch mit vier ziemlich ähnlichen Spielertypen. Niklas Schmidt aus der U 23 wäre eine weitere Option, spielte bei den Profis bisher aber noch keine Rolle. Ulisses Garcia hat sich bisher nicht als beständige Alternative für die linke Außenbahn erwiesen, der Schweizer ist zudem – anders als die variableren Bauer und Gebre Selassie – auf diese eine Position fixiert.

Auf der Außenbahn und der Acht hätte der aktuelle Kader noch etwas Luft nach oben. Aber vielleicht entwickelt Nouri die Mannschaft auch dahingehend weiter, dass sie in der Dreierketten-Formation variabler wird. In einem (sehr offensiven) 3-4-3 mit Raute etwa. Dann wäre auch das „Problem“ mit Serge Gnabry besser gelöst. Sofern der überhaupt bei Werder bleibt.

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