Werders offensive Transferpolitik

Kontrollierte Attacke

Werders Transferpolitik ist ungewohnt offensiv – und ein Beleg, dass der Verein wieder größere Ziele verfolgt. In den vergangenen Jahren war das nicht möglich.
29.07.2018, 08:36
Lesedauer: 4 Min
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Kontrollierte Attacke
Von Christoph Sonnenberg
Kontrollierte Attacke
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Es ist derzeit gar nicht so leicht, den Überblick zu behalten, wenn man als Fan am Weserstadion steht, um die Mannschaft beim Training zu beobachten. So viele neue Gesichter in so kurzer Zeit. Am Freitag erst wurde der Wechsel Davy Klaassens vollendet, der teuerste Transfer in Werders langer Historie. Und am Sonnabend war mit Yuya Osako der nächste Neuzugang im Einsatz, wenn auch nur im Einzeltraining auf einem Nebenplatz. Osako wurde auf seinem Weg von der Kabine zum Auto nur zaghaft um Autogramme und Fotos gebeten. Es schien, als wären viele der versammelten Anhänger nicht ganz sicher, ob es sich um Osako handelt oder doch nicht. Es sind eben ziemlich viele Spieler, die Werder in diesem Sommer verpflichtet hat.

Der Japaner, der am Montag beim Testspiel gegen Venlo zu seinem ersten Einsatz kommen soll, scheint ein wenig unterzugehen in der Bugwelle, die der Transfer Klaassens produziert hat. Bis zu 15 Millionen Euro könnte der Niederländer am Ende kosten. Da nehmen sich die kolportierten sechs Millionen Euro, die Werder für Osako nach Köln überweisen musste, fast bescheiden aus. Sind sie aber natürlich nicht, wenn man die Transferaktivitäten der letzten Jahre betrachtet.

Qualität statt Talente

Unter Thomas Eichin galt noch die Regel, nur das Geld auszugeben, das zuvor durch Verkäufe eingenommen wurde. Mitunter nicht einmal das, da am Ende des Geschäftsjahres das Minus nicht zu hoch ausfallen sollte. In diesem Sommer gilt die Devise der kontrollierten Attacke. Höhere Fernsehgelder, stabile Einnahmen aus dem Sponsoring und der Verkauf von Thomas Delaney nach Dortmund machen die Einkaufstour möglich. Es werden weniger junge Talente gekauft, die vielleicht in den nächsten Jahren eine positive Entwicklung nehmen. Der 20-jährige Felix Beijmo, für 3,5 Millionen Euro aus Schweden geholt, ist die Ausnahme. In diesem Jahr geht es um Spieler, die sofort die Wahrscheinlichkeit auf Erfolg erhöhen. Und Qualität kostet Geld.

Befeuert wird der Investitionsplan von dem Frust der vergangenen Jahre, nur punktuell eine befriedigende sportliche Rolle in der Liga gespielt zu haben. Meist stand Abstiegskampf auf dem Programm, wenn die Zuschauer ins Weserstadion kamen. Fußball bedeutete verteidigen, nicht das Spiel nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Dazu waren ohnehin nur wenige in der Lage, in den vergangenen zwei Jahren übernahm diese Rolle Max Kruse. Außer ihm gab es in der Offensive wenig, was Hoffnung machte.

Jetzt, nachdem ein großer Teil der Neuzugänge unter Vertrag steht, sieht das anders aus. Werder hat nicht mehr nur Kruse. Mit Osako, Klaassen und Martin Harnik kommen mindestens drei weitere Spieler hinzu, die das offensive Konzept tragen können und sollen. Die sofort funktionieren und das Niveau der Mannschaft heben sollten. Mit Kruse wird Werder weiterhin eine Klasse besser sein, aber die Mannschaft ist nicht mehr abhängig von ihm. Das gibt auch Kohfeldt mehr Handlungsspielraum im Umgang mit Kruse, was für alle Beteiligten von Vorteil sein dürfte.

Weitere Faktoren, die dafür ausschlaggebend waren, dass mehr Geld bereitgestellt wurde, sind Frank Baumann und Florian Kohfeldt. Sie haben darauf gedrängt, eine klare Philosophie zu erstellen und umzusetzen. Dazu gehört vieles im Verein, auch infrastrukturelle Maßnahmen wie ein neues Leistungszentrum oder der Umbau der Profi-Kabine. Aber auch offensiver, attraktiver Fußball, der begeistert. Dazu braucht es Qualität. Qualität – wie Klaassen sie hat.

Klaassen ist ein Schlüsseltransfer

Vergangenen Dienstag sind Baumann und Kohfeldt im Learjet von Bremen nach Manchester geflogen, um Klaassen persönlich vom Wechsel zu überzeugen. Es war, so ist zu hören, kein besonders kompliziertes Gespräch. Klaassen sollen zwei Aspekte wichtig gewesen sein. Zum einen, definitiv wieder spielen zu können nach einem Jahr beim FC Everton auf der Bank. Dieses Versprechen hat er von Bremer Seite bekommen, bei Werder ist er als Fixpunkt im Mittelfeld eingeplant. Zum anderen die Art und Weise des Fußballs, der gespielt wird. Offensiv und dominant muss er sein, auch da sind beide Seiten schnell zusammengekommen.

Während des Gesprächs kam auch heraus, dass Klaassen nicht nur als Fußballer ins Bremer Konzept passt, sondern auch als Mensch. Thomas Delaney hat nie einen Hehl daraus gemacht, Werder als Sprungbrett zu benutzen, um zu einem größeren Klub zu wechseln. Klaassen soll sich mit Werders Konzept identifizieren. Was selbstverständlich nicht bedeutet, dass er seine Karriere in Bremen beendet. Als Durchgangsstation sieht er den Klub aber auch nicht.

Die Freude, aber auch die Überraschung, dass Klaassen tatsächlich zu Werder gewechselt ist, ist der Bremer Seite noch immer deutlich anzumerken. Es ist ein Schlüsseltransfer, und dazu einer mit Signalwirkung. Für die Bremer Anhänger, aber auch für den Rest des Kaders. Es zeigt, welche Ambitionen mittlerweile wieder in Bremen herrschen. Das genaue sportliche Ziel wollen die Verantwortlichen zwar erst am Ende der Transferperiode bekannt geben, ein zweistelliger Tabellenplatz dürfte es bei dem Kader aber kaum sein.

Der Kader hat sich im Laufe des vergangenen Jahres stark verändert. Das gilt nicht nur für die sportliche Qualität, auch die Mentalität hat sich verändert. Spieler wie Lamine Sané, Izet Hajrovic, Ulisses Garcia und am Ende auch Robert Bauer, die ihren Wert für die Mannschaft falsch eingeschätzt und damit das Klima im Team belastet haben, sind nicht mehr da. Max Kruse hat kürzlich in einem Interview angemerkt, dass es vergangene Saison Probleme mit der Hierarchie gab, weil zu viele Spieler mitgeredet haben. Auch das dürfte sich durch die neue Transferpolitik entscheidend verändern in der kommenden Spielzeit.

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