Gegner Leverkusen in der Analyse Kreativität, Tempo und Risiko

Peter Bosz hat eine zweifelnde Mannschaft in eine der besten der Liga verwandelt. Bayers Stil vereint Aggressivität, Kreativität und Tempo, die Keimzelle aller Überlegungen bildet das neu formierte Mittelfeld.
16.03.2019, 13:52
Lesedauer: 4 Min
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Von Stefan Rommel

Das sind Leverkusens Stärken:

Peter Bosz hat in relativ kurzer Zeit die passende Grundordnung gefunden, um die Mannschaft auf ein konstant hohes Niveau zu bringen und es dabei vor allen Dingen geschafft, die Spieler ihren Stärken entsprechend darin optimal einzubinden. Bosz hat die rudimentär verbliebenen Elemente des Bayer-Fußballs unter Roger Schmidt aufgesammelt und daraus mit Erfolg eine neue Mischung geformt.

Nach mehreren Versuchen von Ex-Coach Heiko Herrlich, es mit einer zwar variableren Ausrichtung in mehreren Grundordnungen zu versuchen, setzt Bosz fast ausschließlich auf ein offensiv interpretiertes 4-3-3, in seltenen Fällen auch mal auf ein 4-2-3-1. Aber immer auf Ballbesitz und Dominanz ausgelegt.

Das im wahrsten Wortsinn zentrale Kraftwerk ist das das Leverkusener Mittelfeld. Hier haben sich drei Spieler gefunden, die noch unter Herrlich mit anderen Aufgaben und teilweise auch Positionen betraut waren und dadurch eine ganze Menge ihres Potenzials nicht ausschöpfen konnten - unter Bosz dagegen seit Wochen in absolut überragender Form agieren.

Kai Havertz und Julian Brandt sind die kreativen Keimzellen der Leverkusener Angriffe. Brandts Versetzung vom Flügel in den Halbraum oder sogar auf die Zehn macht Leverkusen unberechenbar. Brandt ist jetzt nicht mehr so eingeschränkt in seinen Bewegungen, kann in alle Richtungen aufdrehen und immer wieder den Zwischenlinienraum des Gegners besetzen. Brandt nutzt dabei die komplette Breite des Spielfelds, um sich anspielbar zu machen, ist also sehr viel horizontal unterwegs.

Deutlich direkter ist das Spiel von Havertz, der wie eine Art Mini-Ballack die Angriffe in die Tiefe durchläuft und im gegnerischen Strafraum mit seiner Geschwindigkeit und Wucht dann schwer zu kontrollieren ist. Gerade im Nachrücken der Achter und der Flügelspieler und der Strafraumbesetzung hat Leverkusen sich enorm verbessert. Abgesichert werden Brandt und Havertz von Charles Aranguiz, der als alleiniger Sechser enorm wichtig ist für die Mannschaft.

Auf den Flügeln ist Geschwindigkeit Trumpf, mit Karim Bellarabi und Leon Bailey stellt Bayer die schnellste Flügelzange der Liga. Beide Spieler suchen immer wieder die Tiefe und Mittslstürmer Kevin Volland, der sehr intelligent ausweicht und als sehr mannschaftsdienlicher Wandspieler für Steil-Klatsch-Ablagen oder Doppelpässe sehr wertvoll ist. Dazu sind Bellarabi und Bailey auch im Dribbling und im Torabschluss bärenstark und in einer anderen Paradedisziplin der Mannschaft wichtige Faktoren: Im Gegenpressing.

Bosz hat seinen Fußball im Vergleich zu seiner Zeit in Dortmund eine Spur entschärft, allerdings nur in der Restverteidigung und im Absichern. Das Gegenpressing ist immer noch ultra-aggressiv, innerhalb von fünf Sekunden soll der Ball wiedergewonnen werden. Dabei ist es völlig egal, ob der Gegner Heidenheim oder FC Bayern heißt: Leverkusen rückt energisch und mit mehreren Spielern in diese Situationen auf und bekommt aus seiner guten Staffelung sofort Druck auf den Ball.

Wird der Ball erobert, geht der erste Blick des Ballführenden sofort in die Tiefe, die Kollegen laufen die Räume hinter der Abwehr an. Bayer ist überspitzt formuliert also gerade in den Sekunden nach einem eigenen Ballverlust fast noch gefährlicher als im eigenen Positionsspiel. Und auch im geordneten Pressing sehr unangenehm, weil immer nach vorne gerichtet und teilweise mit sechs Spielern tief in der gegnerischen Hälfte, um schnell lange Bälle zu provozieren oder gleich den Ball zu gewinnen: Unter den besten 60 Balleroberern der Liga tummeln sich gleich sieben Leverkusener Spieler, unter den Top Ten sind es drei (Dominik Kohr, Lars Bender, Wendell).

Das sind Leverkusens Schwächen:

In einigen Momenten ist das Gegenpressing allerdings auch eher Fluch als Segen. Immer dann, wenn einen der durchschiebenden Verteidiger aus der Viererkette der Mut verlässt und durch das kurze Zögern eine Lücke entsteht. Weil Aranguiz als einziger nomineller defensiver Mittelfeldspieler schon einen großen Raum alleine bearbeiten muss, werden diese Momente nur umso gefährlicher für Bayer.

In der Abwehrkette deckt die Mannschaft gerne direkt gegen den Mann und weniger im Raum. Abgesichert wird dabei oft situativ und individuell, was angesichts der Stärke von Jonathan Tah oder Sven Bender meist gut geht – in einigen Situationen aber eben auch nicht. Dann gibt es keinen doppelten Boden mehr. Die Direktheit im verteidigen gegen den Mann birgt Probleme, sobald der Gegner die Räume drumherum überlädt oder mit einem oder mehreren Spielern (mutig) in die Schnittstellen besetzt.

Die Mentalität der Mannschaft wächst zwar mit jedem weiteren Sieg, bleibt aber in einigen Situationen immer noch anfällig für Rückschläge. Leverkusen ist noch nicht so stabil, auch mit Rückschlägen stets souverän umzugehen und lässt sich manchmal sehr leicht das gegnerische Spiel aufzwängen beziehungsweise darauf ein. In der Europa League gegen Krasnodar war das gleich doppelt der Fall. Das Pokal-Aus in Heidenheim war ein Ausrutscher, aber fiel in dieselbe Kategorie. Und selbst zuletzt in Hannover drohte Bayer einen sicher geglaubten Sieg noch aus der Hand zu geben.

Das ist der Schlüsselspieler:

Hinter Kai Havertz und Julian Brandt sind einige der größten Klubs Europas her, das Duo blüht unter Bosz förmlich auf und dürfte derzeit das torgefährlichste Pärchen der Liga sein. Havertz und Brandt können aber nur so aufdrehen, weil ihnen Charles Aranguiz den Rücken frei hält – und zwar in absolut überragender Form. Eigentlich ist Aranguiz selbst eher ein Achter, der Schachzug von Bosz, die drei Mittelfeldpositionen mit jeweils an sich offensiver ausgerichteten Spielern zu besetzen, erweist sich aber als goldrichtig. Aranguiz geht aus seiner Position immer wieder aggressiv nach vorne, ist ein entscheidender Faktor im Gegenpressing und selbst gegen den gegnerischen Sechser im geordneten Verteidigen eine Klasse für sich. Lange Zeit blieb Aranguiz nach seinem Wechsel zur Werkself immer ein wenig unter seinen Möglichkeiten – unter Bosz und auf der Sechs ist der momentan einer der besten Abfangjäger der Liga.

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