Werder Bremen Kritik an Schaaf nimmt zu

Bremen. Thomas Schaaf wird als Trainer bei Werder hinterfragt. Die Zeiten, in denen er als unantastbar galt, sind vorbei. Der Coach selbst schiebt Rücktrittsgedanken beiseite.
04.03.2013, 05:00
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Kritik an Schaaf nimmt zu
Von Thorsten Waterkamp

Bremen. Mitte der zweiten Halbzeit war es soweit. Thomas Schaaf war wütend, richtig wütend. Werders Trainer riss sich die dicke Winterjacke herunter, schmiss sie auf die Bank und sah fortan im schwarzen Kapuzensweater, wie sich seine Mannschaft um die Teilnahme am Abstiegskampf in der Fußball-Bundesliga bewarb.

Mit dem 0:1 (0:1) gegen den FC Augsburg hat Werder die Tür zu einem Szenario geöffnet, in dem endgültig alles hinterfragt wird. Auch der Trainer, der über Jahre unantastbar galt. Diese Zeiten sind vorbei.

Thomas Schaaf weiß das nur zu gut. "Wenn man ein Spiel so verliert, kann man keinen Applaus erwarten." Die Forderung von seinem ehemaligen Verteidigerkollegen Uli Borowka nach "Veränderungen bei Werder", über die "Bild" transportiert, tat der Trainer am Donnerstag allerdings noch ab mit den Worten: "Jeder darf sagen, was er will." Am Sonnabend, nach dem 0:1 gegen den Drittletzten aus Augsburg, wurde er in einer Medienrunde dann erstmals direkt mit der Frage konfrontiert, ob er schon einmal an einen Rücktritt gedacht habe.

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Er habe "tausend Gedanken im Kopf", antwortete Schaaf, "aber es muss ja nicht immer gleich in die Richtung gehen. Es gibt ja auch Gedanken, die werden gleich wieder verworfen, die blitzen auf, man nimmt sie eigentlich gar nicht wahr." Im Frust, sollte das übersetzt heißen, könnte das schon mal durch seinen Kopf geschossen sein: "Wenn man in einer solchen Situation ist, wo man sagt: Mensch, mit so ’nem Kram hier, da ärgerst du dich dumm und dämlich..." Er habe das beiseite geschoben: "Aber wenn man die Dinge dann sachlich beäugt... Ich glaube, wir haben noch genügend Gedanken, die Dinge anzugehen."

Die Kritik aber ist vernehmbar, und sie wird lauter und vielstimmiger. Vor fast genau zwei Jahren meldeten sich erstmals Zweifler, als Werder bis zum Saisonende im Abstiegskampf steckte. Im vergangenen Jahr um diese Zeit leitete Werder die schlechteste Rückrunde der Vereinsgeschichte ein.

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Heute wird Werder erneut in den Abstiegskampf verstrickt. "Die Ergebnisse", befand Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus in einer Expertenrunde bei "Sky", "sprechen zurzeit nicht nur nicht für die Mannschaft, sondern auch nicht für den Trainer." Und selbst der wesentlich besser beleumundete Thomas Helmer befand: "Werder ist an einem Punkt angekommen, an dem der Verein was tun muss." Was, das musste der Ex-Profi nicht aussprechen.

Allein: Im Verein stehen sie noch zu ihm, auch der neue Sportchef Thomas Eichin. "Dass sich in der Mannschaft Dinge ändern müssen, das weiß Thomas Schaaf auch. Er wird die Maßnahmen bündeln. Der Trainer steht in keiner Weise zur Diskussion", ließ sich der 46-Jährige auf Werders Internetpräsenz zitieren – unter der Überschrift: "Eichin gibt die Richtung vor: Nicht rumjammern!" Ausgerechnet ihm, dem Neuen und Neuling in der Branche der Fußballmanager, fiele es qua Amt zu, eine Entlassung von Thomas Schaaf auszusprechen. Unwahrscheinlich aber, dass es soweit kommt – eher würde Schaaf selbst seinen Rücktritt einreichen, wird in Journalistenkreisen gemutmaßt.

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So weit ist es jedoch noch lange nicht, "Ich habe schon noch genug Power", stellte Schaaf klar. Seine eigene Position im Verein ist ohnehin stark genug und nach dem Abschied von Klaus Allofs im November noch einmal gefestigt worden, als dass er sich Sorgen machen müsste, ganz profan vom Thron gestoßen zu werden, wie es nahezu jedem anderen Bundesliga-Trainer passieren kann.

So kann er selbst in einer Krise seiner Sache relativ sicher sein. Ob er seinen Job nach den jüngsten Ergebnissen gefährdet sehe, wurde er Sonntagmittag gefragt? "Darüber habe ich nicht zu entscheiden", sagte Schaaf, "dafür gibt es Verantwortliche in diesem Verein, die letztendlich auch über mich entscheiden müssen. Ich versuche, meine Arbeit zu machen."

Ungeachtet dessen lässt er Fragen nach einer Lösung von grundsätzlichen Problemen unbeantwortet. Denn die Fehler, die die Mannschaft gegen Augsburg machte, hat sie in dieser Saison schon dutzendfach gemacht. Und auch nach Augsburg wurden sie – von Spielern und Trainer – gebetsmühlenartig aufgezählt. Aber was muss man anders machen? Wo muss man ansetzen? Als Antwort bleibt meist ein Schulterzucken.

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Den Vorwurf, die Mannschaft habe nicht gelernt aus ihren Fehlern, lässt Schaaf hingegen nicht gelten. "Wir haben viel gelernt", widersprach er, "aber wir kommen gerade keinen Schritt weiter, wir konnten noch nicht den großen Sprung machen." Am vergangenen Wochenende handelte es sich allerdings bereits um den 24. Spieltag dieser Saison, an dem Werder Fehler aus der frühen Hinrunde immer noch nicht abgestellt hat.

Dem Appell an die Geduld scheint das Publikum noch in weiten Teilen zu folgen. Die Zuschauer hatten sich am Sonnabend nur vereinzelt zu "Schaaf raus"-Rufen hinreißen lassen. Es gab auch nur wenige Pfiffe trotz der enttäuschenden Leistung. Es gab allerdings auch die ganzen 90 Minuten über nur wenig Emotion von den Rängen – als wäre das Publikum eingelullt oder müde ob der Entwicklung, die die Mannschaft genommen hat. Dafür gab es gestern Mittag, ja, tatsächlich, wieder Trostschokolade für die Spieler. Wie schon vor einer Woche nach der 1:6-Schlappe bei den Bayern fanden sie an ihren Dienstwagen erneut kleine Täfelchen, versehen mit einem aufmunternden Satz in ihrer jeweiligen Landessprache. Das Wohlfühlklima stimmt noch – nicht nur für Schaaf.

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