Werders schwierige Suche nach einem Angreifer

Kruses Schatten und der Plan Z

Kurz vor Transferschluss: Bei der Verpflichtung des neuen Angreifers will Frank Baumann kein unvernünftiges Risiko für Werder eingehen und schaltet in den Rechtfertigungsmodus.
31.01.2020, 10:26
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Von Jean-Julien Beer
Kruses Schatten und der Plan Z

Mit Herz und Raute: Florian Kohfeldt und Frank Baumann haben hohe Ansprüche, aber auch den Abstiegskampf im Nacken.

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Bei Werder müssen sie aufpassen. Das merkt man den Handelnden deutlich an. Nicht nur, weil dem Verein der Abstieg in die Zweitklassigkeit droht. Sie müssen auch aufpassen, dass ihnen in Krisenzeiten die Außendarstellung nicht entgleitet. Sie wägen deshalb jedes Wort ab. Dass dabei ein gesunder Humor durchaus helfen kann, erlebt Florian Kohfeldt am Donnerstag. Der Trainer will gerade davon schwärmen, dass Neuzugang Kevin Vogt bereits nach zwei Spielen eine feste Größe bei Werder sei, und zwar „auf und neben dem Platz“. Vogt sei auch in der Kabine bereits positiv wahrnehmbar, ohne „dabei jetzt ständig den Max zu machen“. Kaum ist das raus, stoppt Kohfeldt seine Ausführungen, hält einen Moment inne und muss selbst lachen. Er hat damit, natürlich, nicht Max Kruse gemeint. Zumindest nicht absichtlich.

Der Ex-Kapitän ist eben ein sensibles Thema bei Werder. Immer noch. Viele Fans sehnen sich seine Tore und diese spezielle Abgezocktheit zurück. Im Verein selbst sehnen sie sich nach Zeiten, in denen sie sich nicht mehr wegen Kruses - ablösefreien - Weggangs im Sommer rechtfertigen müssen. Auch deshalb wird dieser Freitag bei Werder spannend, um 18 Uhr schließt das Winter-Transferfenster. Und irgendwie suchen sie ja immer noch nach einem neuen Kruse, nachdem der Plan B mit Niclas Füllkrug wegen eines Kreuzbandrisses nicht aufging. Seither fehlen Werder Tore, Vorlagen und Präsenz im letzten Drittel, wie das heutzutage heißt, also vor dem Tor. Es fehlt also weiterhin alles, wofür Kruse stand.

Andere Kellerklubs holten schon Stürmer

Seit Wochen grübeln sie im Verein über die Verpflichtung eines neuen Angreifers. Erst sollte der möglichst schnell nach Neujahr da sein, dann vielleicht im Trainingslager unter mallorquinischer Sonne, wenn möglich zum Rückrundenauftakt - vielleicht würde er aber auch gar nicht mehr kommen. Kein Wunder, dass keiner mehr weiß, ob Sportchef Frank Baumann und seine Mitstreiter noch an einem Plan C arbeiten oder bei ihren Planspielen inzwischen bei Z angekommen sind. Jedenfalls hat Werders Manager vernommen, dass ihm der Gegenwind mal wieder deutlich ins Gesicht bläst. Schließlich haben alle Klubs im Tabellenkeller in diesem Winter bereits ihre Offensive durch neue Spieler verstärkt. Nur Werder nicht.

Baumann macht deshalb überraschend das, was ihn beim Thema Kruse sonst so anwidert: Er schaltet in den Rechtfertigungsmodus. „Aktuell herrscht das Gefühl, dass alle Klubs tätig sind, nur Werder nicht“, so beginnt seine Verteidigungsrede, „das kenne ich aus den letzten Jahren auch schon so. Wir haben aber schon was gemacht, einen richtig guten Transfer: Kevin Vogt.“ Der neue Leader in der Defensive ist für Werder tatsächlich eine Soforthilfe, macht jedoch höchstens in der Kabine den Max, aber nicht im Angriff. Vogt dürfte damit auch ausgelastet sein, wenn man hört, wie unverblümt Kohfeldt die Gegentore gegen Hoffenheim einer „schlechten bis stümperhaften Verteidigung“ anlastet. Dass die Mannschaft gleichzeitig in diesem Heimspiel mal wieder kein einziges Tor schoss, verdeutlicht die Dringlichkeit weiterer Transfers – zumindest für Außenstehende.

Werder steht für Vernunft

Baumann sieht es anders: „Wenn wir etwas Passendes finden, werden wir tätig werden - und wenn nicht, dann nicht.“ Diese 14 Wörter bilden einen Satz, den kein Fan bei Werder mehr hören will angesichts des drohenden Abstiegs. Doch der Manager unterliegt anderen Zwängen, auch wenn Werders Aufsichtsrat in Person von Marco Bode zuletzt gewillt schien, ein größeres finanzielles Risiko bei den nötigen Transfers einzugehen. „Ich möchte auch noch mal betonen, dass wir schon mutig und mit einem gewissen Risiko in die Saison gegangen sind“, rechtfertigt Baumann sein Zögern. Werder habe „immer schon für mutige und kreative Transfers“ gestanden, „auch vor meiner Zeit“.

Aber Werder stehe eben auch dafür, „keine unvernünftigen Risiken einzugehen. Es ist bekannt, dass wir vor der Saison schon einiges investiert haben und gleichzeitig darauf verzichtet haben, größere Transfereinnahmen zu erzielen.“ Deshalb fehlte schon im Sommer das Geld für die feste Verpflichtung von Ömer Toprak oder Leonardo Bittencourt, die nur geliehen werden konnten und nach dieser Saison bei Klassenerhalt von Werder gekauft werden müssen. Jede weitere Ausgabe will deshalb nun gut überlegt sein. Doch auch ein Abstieg wäre verdammt teuer.

Kandidaten nicht gut genug

Baumann will aber auch nicht den Eindruck erwecken, untätig zu sein. Man kenne den Markt und die Möglichkeiten, sagt er, und ihm wären auch schon viele Spieler angeboten worden, die einfach nicht gut genug seien für Werder Bremen. Baumann will aber keinen Spieler verpflichten, „von dem wir in Sachen Qualität oder Mentalität nicht überzeugt sind“. Er will nicht das Geschrei nach Verstärkungen kurzfristig befriedigen, sondern einen Treffer landen - und dabei nicht alle Ansprüche aufgeben. Wobei es keine hohe Hürde sein dürfte, dass ein neuer Spieler „besser sein muss als die Spieler, die wir schon haben“. Gemessen an den Leistungen der letzten Wochen, könnte Werder da bei 15 Klubs in der Bundesliga blind zugreifen.

Aber mit den Erwartungen ist es ja ohnehin so eine Sache. Baumann warnt vor einer „extremen Erwartungshaltung“ an den Neuzugang, den Werder im Idealfall bis zum frühen Freitagabend präsentieren wird. Es sei „jetzt nicht der Heilsbringer zu erwarten, der alles alleine vorne regelt“, betont der Manager, „es ist wichtig, zu betonen, dass alle Spieler gefordert sind, uns aus dieser Situation zu befreien. Wir müssen die Spieler auf ein Top-Niveau bekommen, die schon da sind“. Es gebe ja auch jetzt schon Variationsmöglichkeiten in der Offensive.

Kohfeldt: „Kader auch so stark genug“

In jedem Fall erwartet Baumann intensive Stunden bis zum Transferschluss am Freitag. Dabei dürfte spannend werden, wie er seine hohen Ansprüche mit der tristen Wirklichkeit im Abstiegskampf in Einklang bringt. Man sei bei Werder „sehr realistisch“, sagt Baumann dazu, man suche „nicht nur nach Spielern, die in der Bundesliga schon 25 Tore gemacht haben“. Er sagt das monoton und mit einem Pokerface, das bei Verhandlungen nur hilfreich sein kann. Werders Manager erweckt jedenfalls auch wenige Stunden vor Transferschluss nicht den Eindruck, die Nerven zu verlieren. Er bleibt sich da sehr treu, was in guten Zeiten eine hervorragende Eigenschaft ist. In schlechten Zeiten verleitet Baumanns Auftreten zwangsläufig auch zu Skepsis. Man kann Baumann halt grundsätzlich nie ansehen, ob Werder gerade gewonnen oder verloren hat. Und man kann auch nicht erkennen, ob er gerade einen Lionel Messi an der Angel hat oder einen Martin Harnik, dessen Ausleihe zum HSV mit dem Wissen von heute nicht die beste Entscheidung war.

Rein vorsichtshalber sagt Kohfeldt, dass er es auch ohne neuen Stürmer hinbekommt: „Für unser Ziel, den Klassenerhalt, halte ich einen weiteren Transfer nicht für unausweichlich. Ich halte unseren Kader für stark genug, um die Klasse zu halten.“ Er hat diese Rettung ja schon mal geschafft mit Werder. Aber wahr ist halt auch, egal wie laut sie darüber im Verein meckern: Da hatten sie noch einen Max Kruse im Angriff. Das Original. Und keinen Plan B, C oder Z.

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