Karlsruhe-Profi Gondorf über Werder

„Ich dachte, dass es aufwärts geht“

Bei der Energie, die Werder Bremen trotz allem noch vorhanden gewesen sei, habe er nie und nimmer mit dem Abstieg gerechnet, als er den Verein verlassen habe, sagt KSC-Profi Jerome Gondorf im Interview.
20.08.2021, 20:32
Lesedauer: 5 Min
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Von Hans-Günter Klemm

Hallo, Jerome Gondorf?

Moin, moin.

Sie melden sich immer noch mit der in Norddeutschland über den ganzen Tag üblichen Grußformel.

Jawoll, warum denn nicht?

Sie waren nur ein Jahr im Norden, spielten nur eine Saison bei Werder. Sind Sie froh, dass Sie sich rechtzeitig vor dem Niedergang des Clubs abgesetzt haben?

Überhaupt nicht. Was Sie mit Niedergang umschreiben, damit hatte ich zum damaligen Zeitpunkt nicht gerechnet. Ich dachte eher, dass es aufwärts geht. Mit der Energie, die bei Werder vorhanden war, die durch Florian Kohfeldt noch verstärkt worden ist. Nach meinem Weggang hat es ja dann auch eine Spielzeit lang gut funktioniert, danach nicht mehr so. Schade für Werder, schade für die Fußballstadt Bremen, schade für die Bundesliga.

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Warum haben Sie 2018 Werder nach nur einem Jahr wieder verlassen?

Das hatte rein familiäre Gründe, keine sportlichen. Wir wollten unbedingt zurück in meine süddeutsche Heimat.

Wie bewerten Sie vom heutigen Standpunkt aus die zwölf Monate an der Weser?

Ganz okay. Bei Alexander Nouri habe ich zwar zunächst nicht die Spielzeit bekommen, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich hatte am Anfang nicht so die Möglichkeit zu zeigen, dass ich der Mannschaft helfen kann. Bei Kohfeldt hat sich dies geändert. Ich wurde zu einem wichtigen Teil der Mannschaft. Am Ende kam ich auf 21 Einsätze, eine ansprechende Quote, zumal ich einige Wochen gefehlt habe aufgrund meiner Operation am Blinddarm.

Zurück in die Heimat? Das bedeutete: Zurück ins Badener Land?

Richtig, es ergab sich die Chance, in Freiburg zu spielen.

Wie war die Zeit bei Christian Streich?

Sehr intensiv und sehr lehrreich.

Auch gut?

Bei diesem Trainer ist ein Spieler sehr gefordert, es wird viel verlangt. Am Ende ergaben sich für mich nicht mehr so viele sportliche Perspektiven, sodass es folgerichtig gewesen ist, einer Leihe zum Karlsruher SC zuzustimmen.

Ein Glücksfall für Sie als gebürtiger Karlsruher?

Es lief perfekt. Im Leihgeschäft war vereinbart, dass eine Weiterverpflichtung bei einem Nicht-Abstieg automatisch erfolgt. So kam es zum Glück.

Ende des Projekts „Zurück zu den Wurzeln“. Sind Sie nun rundum glücklich, wieder bei dem Verein gelandet zu sein, bei dem Sie in der Jugend ausgebildet worden sind?

So kann man es sagen.

Trainer Christian Eichner hat Sie zum Kapitän berufen. Eine Maßnahme, die Ihren Status im Team verdeutlicht.

Ich tue mich schwer mit solchen Begriffen. Natürlich bedeutet mir dieses Amt etwas. Als Spielführer stehe ich noch mehr in der Verantwortung. Doch ich bin ein Spielertyp, der im Team diese Rolle gern übernimmt. Dazu brauche ich nicht unbedingt die Spielführerbinde.

Sieben Punkte auf der Habenseite. Ist der Saisonstart für den KSC geglückt?

Richtig geglückt wäre er, wenn wir nach drei Spielen neun Punkte geholt hätten. Doch mit unserer Zwischenbilanz sind wir hochzufrieden. Spielerisch indes ist bei uns noch Luft nach oben.

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In der 2. Bundesliga gibt es Jahr für Jahr ein oder zwei Überraschungsteams, die niemand auf der Rechnung hatte. Siehe Kiel seit Jahren, siehe die aktuellen Erstliga-Aufsteiger Fürth und Bochum. Kann Karlsruhe in dieser Spielzeit für eine ähnliche Sensation sorgen?

Schwer zu sagen, weil wir nicht vergessen dürfen, dass der KSC sich noch in einem totalen Umbruch befindet. Zudem ist auch noch die finanzielle Struktur des Clubs ausbaufähig. Da hinken wir verständlicherweise noch etwas hinterher, gerade auch im Vergleich mit den erwähnten Vereinen.

Sie gelten als Aufstiegsexperte, haben dreimal den Sprung nach oben geschafft, zwei Mal mit Darmstadt 98 bis sogar in die Bundesliga, ein Mal mit den Stuttgarter Kickers in die 3. Liga. Ist der KSC ein Aufstiegsaspirant?

Unser Saisonziel lautet: so frühzeitig wie möglich den Klassenerhalt zu schaffen. Überraschungen positiver Natur würden wir natürlich gerne mitnehmen.

Traditionsclubs wie Hamburg, Nürnberg oder Düsseldorf, neuerdings auch Schalke und Bremen tun sich schwer. Ist die 2. Liga eine komische Spielklasse?

Es ist sicherlich eine extreme Spielklasse. Eine Liga, die nicht planbar ist. Ein aktuelles Beispiel: Kiel hatte sich enorm entwickelt, spielt seit drei, vier Jahren richtig guten Fußball. Und jetzt, obwohl es nach drei Spieltagen lediglich eine vorläufige Momentaufnahme ist, steht Holstein überraschend am Tabellenende und Regensburg ganz oben.

Ihr Ex-Club Werder hat auch gewaltige Anlaufprobleme, sich in der Zweitklassigkeit zurecht zu finden. Ihr Eindruck?

Werder befindet sich in einer recht schweren Situation. Die sportliche Leitung um Frank Baumann ist in dieser schwierigen Phase, bedingt auch durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie, nicht zu beneiden. Verkäufe wie in dieser Woche von Maxi Eggestein sind wegen der finanziellen Lage unausweichlich. In erster Linie müssen die Verantwortlichen dafür sorgen, dass alles wirtschaftlich in der Waage gehalten wird. Da bleiben nur Einnahmen auf dem Transfermarkt. Nicht alle Spieler sind bereit, auf Geld zu verzichten. Dies verwundert mich sehr, ich finde es enorm schade.

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Wie bewerten Sie den Werder-Start?

Trainer Markus Anfang macht es richtig, indem er von einem Wiederaufbau spricht. Er tut gut daran, etwas zu entwickeln, insgesamt langsam voranzugehen.

Zählt Werder zu den Topfavoriten auf den Aufstieg?

Vom Namen her schon, doch es muss abgewartet werden, wie die Mannschaft diese – wie schon beschrieben – außergewöhnliche Spielklasse annimmt. Es stehen trotz des personellen Aderlasses immer noch viele Spieler im Kader, die Erstliga-Format aufweisen. Die lernen nun diese 2. Liga, diese in jeder Hinsicht als Sonderklasse einzustufende Spielklasse kennen. Sie werden erleben und begreifen müssen, dass es nicht um die beste Qualität und um die spielerische Klasse geht, sondern dass hier Tugenden wie Mentalität, Einsatz und Kampf gefragt sind.

Wie haben Sie die letzten Spielzeiten der Bremer und speziell den Abstieg aus der Ferne erlebt?

Überrascht hat mich die Entwicklung nicht mehr. Es hat sich abgezeichnet. Werder hatte seit gut einem Jahrzehnt nicht mehr den Rang im deutschen Fußball wie früher. Es ging meist nur noch um Platz zehn oder darunter. Wirklich schade, weil ich einen besonderen Club erlebt habe. Treue und begeisterungsfähige Fans, die lange auch bei Misserfolgen zu ihrem Club gestanden haben. In den letzten beiden Spielzeiten wirkte die Mannschaft nicht mehr so stabil, so frisch, so lauffreudig. Sie hat nicht mehr an sich geglaubt, nicht mehr an die eigenen Stärken. Mir sind noch gegenwärtig die TV-Bilder aus der letzten Saison. Bilder von Werder-Profis mit hängenden Köpfen. Dokumente des folgerichtigen Abstiegs.

Letzte Frage: Haben Sie noch Kontakt zum Club, zu ehemaligen Mitspielern?

Den besten Draht habe ich noch zu Philipp Bargfrede, da ist eine richtige Freundschaft entstanden. Ich telefoniere auch häufig mit Tim Barten, dem Teammanager. Und ein weiterer guter Freund ist wie ich nicht mehr da: der Kieler Fin Bartels.

Zur Person

Jerome Gondorf (33)

spielte von 2017 bis 2018 für Werder Bremen. Nach Zwischenstation in Freiburg wechselte Gondorf im Jahr 2020 zu seinem Heimatverein Karlsruher SC und ist dort auch Kapitän.

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