Werders Offensivschwäche

Kurzarbeit in der Torfabrik

Bremen. Werder-Trainer Robin Dutt sucht noch nach der optimalen Besetzung seiner Offensive. Das gilt für die Taktik ebenso wie für das Personal.
12.09.2013, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Kurzarbeit in der Torfabrik
Von Marc Hagedorn

Werder ist nach Schlusslicht Eintracht Braunschweig die ungefährlichste Mannschaft der Bundesliga. Woran das liegt? Trainer Robin Dutt, Nationalspieler Aaron Hunt und Cedrick Makiadi, der „Spielmacher“ im defensiven Mittelfeld, suchen nach einer Antwort.

Plötzlich ging es schnell. Eine Balleroberung, gefolgt von drei, vier Pässen, und der Werder-Stürmer hatte freie Bahn aufs Tor. Die Fans im Weserstadion waren begeistert. Die flotte Ballstafette hatte indes einen Makel. Diejenigen, die daran beteiligt waren, trugen nur ausnahmsweise ein grünes Trikot.

Naldo, Diego, Micoud, Ailton – es waren die Helden vergangener großer Werder-Tage, die am Sonnabend beim Abschiedsspiel von Torsten Frings die hohe Kunst des Konterspiels zelebrierten. Natürlich war es lediglich ein Spaßkick, ein besseres Showtraining, natürlich standen beim Gegner teils untrainierte Spieler auf dem Rasen – aber die Art und Weise, wie Micoud und Co. den Ball laufen ließen, machte schmerzhaft deutlich, wie viele Probleme die aktuelle Bremer Bundesligamannschaft mit dem schnellen Umschalten hat.

Werders Offensivspiel ist in dieser Saison nur in Ansätzen zu erkennen, eine Spielidee nur zu erahnen. Die Defensive steht solide. Das ist ein Fortschritt unter dem neuen Trainer Robin Dutt. Aber wenn Werder den Ball hat… – dann droht dem Gegner nur höchst selten Gefahr. „Was fehlt, ist Bewegung“, sagte Aaron Hunt nach dem 1:4 in Mönchengladbach vor elf Tagen, „es fehlen Spieler, die mal in die Tiefe gehen.“

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Besonders Hunt hat darunter zu leiden. Eigentlich soll er es sein, der dem Spiel Impulse gibt, der überraschende, öffnende Pässe spielt (wie es vergangene Saison noch Kevin De Bruyne getan hat). Dutt hat den einzigen aktuellen deutschen A-Nationalspieler von Werder mit allen Freiheiten im Offensivspiel ausgestattet. Allein: Hunt weiß sie nicht zu nutzen, was nicht an ihm allein liegt. „Er braucht auch Anspielstationen“, sagt Dutt. Und Hunt fordert: „Jeder muss den Ball haben wollen.“

Das Problem ist tatsächlich, dass Anspielstationen fehlen, und es wirkt nicht so, als wolle wirklich jeder unbedingt den Ball haben, denn dann hätte er selbst nach der Ballannahme das Problem: Und wohin jetzt mit der Kugel? Werder hat Spielertypen, die durchaus in die Tiefe gehen können, in freie Räume stoßen: Eljero Elia ist mit seiner Geschwindigkeit so einer. Özkan Yildirim ist als wuseliger Techniker dafür prädestiniert. Zlatko Junuzovic ist grundsätzlich kein Weg zu weit. Auch Franco Di Santo und Nils Petersen, zwei gelernte Stürmer, nehmen weite Wege auf sich und sind bemüht, sich anzubieten, sich zurückfallen zu lassen – zum Torabschluss im Zentrum kommen sie aber fast nie. Kurz: Es passt wenig bis nichts zusammen im Moment.

Elia etwa kommt nie in die Situation mal Tempo aufnehmen zu können, stattdessen bekommt er alle Bälle in den Fuß gespielt, sucht das 1:1-Duell – und bleibt fast immer am Gegenspieler hängen. Oder Yildirim. Er versucht sich ebenfalls gern im direkten Dribbling gegen den Mann, setzt sich auch häufiger als Elia dabei durch, läuft sich aber oft auch fest oder hält den Ball einen Tick zu lange. Diese Liste ließe sich beliebig verlängern. Im Ergebnis führt sie dazu, dass Werder aktuell in der Offensive eine äußerst limitierte Mannschaft ist.

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Das belegen auch Zahlen, beispielsweise die Torchancen-Statistik des Fachblatts „Kicker“, dessen Redaktion dafür bekannt ist, sogar noch relativ großzügig Torchancen zu zählen: Werder kommt demnach nach vier Spieltagen auf 14 Möglichkeiten, nur Eintracht Braunschweig (12) brachte weniger zu Stande. Im Vergleich: Abstiegskandidat FC Augsburg (25), Aufsteiger Hertha (27) und der nächste Gegner Frankfurt (31) liegen weit vor Werder.

Was also muss sich im Werder-Spiel ändern? Ein wenig mehr Mut, ein bisschen mehr Risiko. Das jedenfalls fordert Cedrick Makiadi, der als zentraler Mittelfeldspieler ein ganz wichtiger Mann für ein schnelles Umschaltspiel ist. Er sagt: „Unsere Konterspieler müssen zu viel nach hinten arbeiten. Da wirst du als Offensivspieler müde.“ Daraus formuliert er einen Auftrag an die defensiv denkenden Kollegen: „Wir müssen die Offensivspieler bei der Arbeit nach hinten entlasten, vielleicht im Mittelfeld mehr das Eins-gegen-eins suchen anstatt immer zu doppeln.“

Aussichtslos muss das Unterfangen, offensiv wieder ein Faktor zu werden, nicht sein. 1899 Hoffenheim hat die Umkehr in beeindruckender Manier vollzogen: im Sommer fast abgestiegen, jetzt mit 36 Torchancen eine angriffsstarke Wundertüte. Nur Dortmund und die Bayern spielen sich mehr Gelegenheiten heraus. Bei Werder wären im Moment schon vier, fünf gute Chancen pro Spiel ein Fortschritt.

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