Werders Saison der Extreme Lehrlinge im Aufbruch

Werder ist derzeit für einige Überraschungen gut – in positiver und auch in negativer Hinsicht. Das birgt für das anstehende Saisonfinale in Dortmund Chance und Gefahr zugleich.
14.05.2017, 15:57
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Lehrlinge im Aufbruch
Von Olaf Dorow

Werder ist derzeit für einige Überraschungen gut – in positiver und auch in negativer Hinsicht. Das birgt für das anstehende Saisonfinale in Dortmund Chance und Gefahr zugleich.

Können sie sich schon mal freuen in Dortmund? Auf eine Trümmertruppe? Oder wenigstens eine Truppe, der zum Saisonende die Puste ausgegangen ist? Sie braucht nach den Spielen neuerdings erst mal zwei Tage trainingsfrei, manchmal gar drei. Das reicht offenbar aber immer noch nicht, um ausgeschlafen in die Spiele gehen zu können. Es reichen simple Spielzüge, um Werder auseinanderzunehmen. Ein paar simple Spielzüge der Kölner, ein paar von Hoffenheim, schon hatten sich Werders Gegentore in nur zwei Partien auf neun addiert. Es hätten sogar locker 13, 14 oder 15 werden können. Dortmund sollte leichtes Spiel haben, um am Sonnabend gegen diese schlappen Bremer die sichere Teilnahme an der Champions League zu schaffen.

Sollte man meinen. Aber was soll man noch meinen zu diesem Werder Bremen? Dieses Werder Bremen liefert Beweise für alles und nichts. Es hat beim 3:4 von Köln und selbst jetzt beim 3:5 gegen Hoffenheim nachgewiesen, dass es noch nicht reif ist für die Europa League. Eine Mannschaft, gegen die zur Not auch ein Abschlag vom Torwart plus eine Kopfballverlängerung im Mittelfeld langt, um dem Stürmer zum Torabschluss zu verhelfen, kann nicht reif genug sein. Eine Mannschaft, die im eigenen Stadion kurz nach der Halbzeit den fünften groben Patzer begeht und 0:5 zurückliegt, taugt nicht für höhere Ambitionen. Eigentlich.

Dieses Team taugt auch zu einer anderen Betrachtungsweise. Wer, wie in Köln, gegen einen mit großer Zuschauer-Wucht angespornten Gastgeber einen Zwei-Tore-Rückstand aufholt, einen zweiten fast auch noch, und die Zuschauer mächtig zittern lässt, muss etwas drauf haben. Wer nach 52 Minuten 0:5 hinten liegt und, statt komplett zu zerfallen, noch mal drei Tore hinbekommt, die dem ambitionierten Gegner das wichtige Torverhältnis verhunzen: Der ist keine Wald-und Wiesentruppe. Es lässt sich nicht beweisen, aber so wie sich nach 52 Minuten ein krasses 0:12 anzubahnen schien, so lief es in der letzten Viertelstunde krass in die Gegenrichtung. Wäre noch etwas Zeit gewesen, hätte man sich über ein Bremer 4:5 oder gar noch ein 5:5 dann auch nicht mehr zu wundern brauchen. Wohlgemerkt: gegen ein Hoffenheimer Team, dem das Torverhältnis alles andere als egal sein konnte.

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So wie Werder es geschafft hatte, diese ganze Saison als eine Jekyll-and Hyde-Saison zu spielen, so hatte Werder das am Sonnabend noch mal in nur einem einzigen Spiel geschafft. Es mag langweilig klingen, aber man muss die Wahrheit über diese Mannschaft wohl genau in der Mitte jener Extreme suchen, mit der sie andauernd das Publikum überrascht. Werders wahre Leistungsstärke liegt nicht dort, wo man sie in den ersten 60 Minuten des Spiels gegen Hoffenheim hätte vermuten können; sie würde dann ziemlich weit unten liegen. Und sie liegt wohl auch nicht dort, wo sie angesichts der Superserie von elf nicht verlorenen und fast immer gewonnenen Spielen auch hätte verortet werden können: ziemlich weit oben.

Werders Sportchef Frank Baumann fühlte sich schon vor Monaten an jenen Zustand des Aufbruchs um die Jahrtausendwende erinnert. Das Werder von heute erinnert weiter an diesen Zustand; die erschreckend schwache Defensivleistung gegen Köln und erst recht Hoffenheim hat diesen Eindruck nicht pulverisiert. Zur Jahrtausendwende hatte es mehrere Jahre gedauert, bis gute Werder-Jahre anbrachen. Eine erschreckend schwache Abwehrleistung im Spiel gegen Hoffenheim hat nicht den Aufbruch kaputt gemacht. Sie hat gezeigt, wie unfertig Werder Bremen anno 2017 ist. „Wir haben die ganze Rückrunde Dreierkette gespielt, wir können nicht so einfach von Dreier- auf Viererkette umstellen“, hat Verteidiger Robert Bauer nach dem Spiel gesagt. So weit sind sie noch nicht. „Wir können da noch lernen“, sagte Bauer.

Ein Warnhinweis vorm BVB-Spiel

Sie sind, wenn man so will, Lehrlinge im Aufbruch. Genau so wirkten sie im Hoffenheim-Spiel. Sie haben sich aufgemacht, modern zu werden und mehrere Systeme zu beherrschen. Aber am Sonnabend hat die Umstellung auf Viererkette und Mittelfeld-Raute nur einen Fußball bewirkt, der wie Hühnerhaufen-Fußball aussah. Werder kann noch nicht so beliebig zwischen den Systemen hin- und herschalten. Werder ist auch noch nicht an dem Punkt, seine vor Monaten besprochenen Prinzipien in jedem Spiel anzuwenden. Das Zweikampfverhalten gegen Hoffenheim war selten aggressiv und noch seltener kompromisslos.

Nein, sagte Baumann, man müsse jetzt nicht gleich behaupten, dass das wochenlange Gerede von der neuen Defensiv-Stabilität nicht mehr als ein bisschen Gerede war. "Aber wir wussten ja, dass man das immer wieder beweisen muss", sagte Baumann. Den Immer-wieder-Beweis bekommen sie noch nicht hin in Bremen. Baumann war von dem Spiel nachvollziehbar maßlos enttäuscht. Ein anspruchsvoller Profi wie Max Kruse war restlos bedient. Wer defensiv so stümperhaft auftritt, habe auf einem Europa-League-Platz nicht zu suchen, sagte er sinngemäß. Andere retteten sich in Parolen.

Und was heißt das nun alles fürs große Saisonfinale in Dortmund? Es ist noch gar nicht so lange her, dass Werder in vergleichbarer Ausgangslage auf ein letztes Saisonspiel in Dortmund geschaut hat. Auch im Mai 2015 war Werder Achter, mit nur 43 statt 45 Punkten übrigens, und hätte sich mit einem Sieg in Dortmund noch nach Europa schießen können. Problem: Damals hatte Dortmund, wo es schließlich für Werder 2:3 endete, vorm Spiel auch nur 43 Punkte. Problem: Der Gegner lag damals nicht fünf Plätze, 16 Punkte und 29 Tore im Torverhältnis besser als Werder. Niemand braucht sich zu wundern, wenn Werder am Sonnabend in einer schwarz-gelben Angriffsflut untergeht. Werder hat genug Schwächen gezeigt. Werder kann ein solches Szenario passieren. Werder hat die Schwächen ja nicht nur in dieser Schreckensstunde gegen Hoffenheim offenbart, sie waren selbst in der Superserie da. In Wolfsburg oder in Frankfurt. Oder in Ingolstadt. Oder gegen Darmstadt.

Aber die Werder-Stärken waren eben auch immer da. Man bräuchte sich deswegen am kommenden Sonnabend auch über eine Bremer Überraschung in Dortmund nicht zu wundern. Nicht nach dieser Saison. In ihrem Programmheft müsste stehen: Bitte geben sich acht auf Bremer Überraschungen! Sie können jederzeit eintreten.

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